Er hat mehr als einen Vogel

Er war Koch, Box-Trainer, Verleger, Pionier im Videothekengeschäft. Heute widmet sich Rolf Lanz aus Zeihen voll und ganz seinem Lebenswerk, dem Vogelpark Ambigua.

Rolf Lanz spielt in der Volière für seinen Kumpel, den Hyazinth-Ara Blue (Bild: is)

von
Ilona Scherer

19. Juni 2019
09:00

«Ihr seid ja verrückt», ruft Rolf Lanz, während er mit seinem Schwyzerörgeli in die Volière schlüpft. Schnell schliesst Praktikantin Dalina Dreyer das Tor hinter ihrem Chef zu. Blue und Baca, die beiden wunderschönen Hyazinthen-Aras, beäugen den Eindringling aus sicherer Distanz. Als Lanz jedoch mit einer Nuss lockt, sitzt Blue bald auf seiner Schulter und schaukelt rhythmisch zur Musik. Die Amazone aus dem Nachbarkäfig singt dazu das Lied «Alouette, gentille alouette». 

 

Ein besonderer Draht zu Vögeln 

Das ist Rolf Lanz live. Zu seinen gefiederten Freunden hatte der Besitzer des Vogelparks Ambigua in Zeihen schon immer einen besonderen Draht. Schon als kleiner Bub in «Buechibärg», Bucheggberg, im Kanton Solothurn hatte er ein Schlüsselerlebnis: «Ich verbrachte damals viel Zeit bei meinen Grosseltern. Als ich vier Jahre alt war, zogen sie eine zugeflogene Krähe auf», erinnert sich der heute 69-Jährige. Um die Krähe zu füttern, habe man jeweils fünf Minuten lang Nüsse oder Apfelstücke gekaut und diese dann dem Vogel in den Schnabel geschoben. «Mit welcher Liebe und Hingabe mir meine Grosseltern die Aufzucht der Krähe zeigten, machte mir bewusst, dass ein Tier ein Lebewesen ist, vor dem der Mensch Respekt haben muss.» 

Die Besucher kennen Rolf Lanz als harten Kerl mit grosser Schnauze, immer einen derben Spruch auf den Lippen. Doch das Schicksal mancher Vögel geht ihm bis heute nah. Als kürzlich ein Ara eingeschläfert werden musste, heulte Lanz in seiner Einzimmerwohnung im Betriebsgebäude «Rotz und Wasser». 

Ein zweites Schlüsselerlebnis gab es vor einem Jahr. «Da besuchte eine Gruppe schwerbehinderter Kinder unseren Vogelpark. Mit ihren Rollstühlen kamen sie im Kies kaum vorwärts, und als mich ein Junge fragte, wo das Behinderten-WC sei, wurde mir klar, dass wir niemanden mehr vom Parkbesuch ausschliessen dürfen.» Über die Winterpause wurde der Park barrierefrei gestaltet. Via Crowdfunding und dank Sponsoren wie der Stiftung Cerebral konnte Lanz rund 90'000 Franken sammeln. Auch der Kanton stiftete 15'000 Franken. An Karfreitag war Eröffnung.

Reich wird man mit einem Vogelpark nicht, aber das ist auch nicht Lanz’ Motivation. Er hat in seinem Leben schon vieles gemacht und dabei gutes Geld verdient. Nach der Koch-Lehre in Grindelwald ging er ins Militär, später gründete er ein Reinigungsunternehmen in Zürich und eröffnete dort 1979 die allererste Videothek der Schweiz – «Nord Video» an der Nordstrasse. Zwei Jahre später lernte Lanz den Basler Medienunternehmer Bernhard Burgener kennen. Er verkaufte seine Firmen und spannte mit Burgener zusammen. «Bernie», wie er den heutigen Präsidenten des FC Basel nennt, ist bis heute einer der engsten Freunde des passionierten YB-Fans. Bis zu seiner Pensionierung 2015 blieb Lanz als Retail Managing Director in dessen Unternehmen. 

 

Beruflich ein Tausendsassa

Nebenbei hatte Rolf Lanz auch ein Stellenvermittlungsbüro, eine Autosattlerei, baute ein Box-Center in Schlieren, feierte als Box-Coach 1984 mit Stefan Angehrn im Tägerhard den Schweizermeistertitel und 2003 den Cupsieg mit den Fussballerinnen vom DFC Schwerzenbach. Er war Verleger (u. a. Video Time, Go+Stop, Sport für die Frau) und Lebemann. Irgendwann befriedigte ihn dies aber alles nicht mehr. Und die Passion für Vögel kam zurück.

  

Seit Herzinfarkt gelassener

1996 kaufte er einen Bauernhof im französischen Tallans (Nähe Besançon), um südamerikanische Vögel zu züchten, und pendelte zwischen Frankreich und Basel. Seine spätere Frau Manuela widmete sich der Bernhardiner-Zucht. Am 28. Januar 2003 («das Datum werde ich nie vergessen!»), erlitt Lanz während eines Belastungstests beim Hausarzt einen Herzinfarkt. Seither versucht er, alles etwas gelassener anzugehen. Seit einigen Jahren erholt er sich jedes Jahr im Februar mit zwei guten Freunden bei einem Trip durch den Dschungel von Thailand und Laos, wo er sich auch seine Tattoos am Oberarm stechen liess. Links die beiden Meistertitel von YB 2018 und 2019, rechts den Ara Ambigua. 

Als die Pensionierung näher rückte, wurde die Rückkehr in die Schweiz ein Thema – und der Traum eines eigenen Vogelparks wuchs. 2011 kaufte das Ehepaar einen Bauernhof in Gontenschwil und Lanz das 3000 m2 gros­se Grundstück in Zeihen, wo ab 2012 der Umbau begann und am 1. Mai 2015 eröffnet wurde. Geplant war eigentlich eine Zuchtstation. Heute sind aber Auffangstation und Artenschutz die wichtigsten Aufgaben. Viele der rund 400 Papageien, Kakadus und Sittiche stammen aus Beschlagnahmungen, weil sie nicht artgerecht gehalten werden konnten. «Die neuen Vorschriften zur Tierhaltung führten aber auch dazu, dass viele Zoos die Aras, Papageien und Kakadus aus ihrem Programm strichen», erklärt Lanz.

  

Neues «Exoten Hotel Zeihen»

Er hat seine ganze BVG in den Vogelpark investiert. Sein Park erhält keine Subventionen und muss sich selber finanzieren. Futter, Tierarzt, Personal – dies alles kostet Geld. Einnahmen werden durch Spenden, Patenschaften, Parkeintritte und Events erzielt. Zwischen Mai und Dezember organisiert Lanz mit seinem Team Buure­zmorge, Hacktätschli-Abend, Kinderworkshops, Wähentag oder Raclette im rustikalen Outdoor-Beizli. Auch Kindergeburtstage werden hier gefeiert, «und im Sommer führen wir wieder für sieben Ferienspass-Regionen Führungen und Workshops durch», erzählt er stolz. Sein neuster Coup: Die Eröffnung des «Exoten Hotels Zeihen» mit fünf Suiten, einem Ferienresort für Papageien und Sittiche. 

Die Zukunft des Parks ist gesichert. 2020 wird er in eine Stiftung überführt. Am hinteren Ende des Geländes will Lanz dann ein Häuschen bauen, in dem er mit seinem treuen Begleiter Jem, einem Jack-Russell-Terrier, seinen Lebensabend verbringen wird: «Ich bin ein richtiger Einsiedler geworden. Mir ist es mittlerweile hier, bei meinen Vögeln, am wohlsten.»

www.vogelpark-ambigua.ch

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