Er macht Klänge hör- und sichtbar

Urs Walter aus Windisch ist Pianist und Maler. In der Badener Galerie im Gwölb zeigt er Bilder und gibt dazu Schumann-Konzerte.

Urs Walter mit einem seiner Bilder, die er in der Galerie im Gwölb zeigen wird. (Bild: ub)

20. Oktober 2021
12:13

Das schönste Geschenk macht sich Urs Walter zum 70. Geburtstag gleich selber. In der Galerie im Gwölb, die in einem ehemaligen Weinkeller im Bäderquartier Baden gelegen ist, zeigt er vom 26. bis zum 31. Oktober eine retrospektiv angelegte Ausstellung seiner Malereien und spielt am Flügel verschiedene Werke seines Lieblingskomponisten Robert Schumann. Jeden Tag werden ihn andere Gastmusikerinnen und -musiker begleiten.


Der kleine Mozart
Mit Klavierspielen begann der gebürtige Schaffhauser schon als kleiner Bub und gab mit zwölf seine ersten Konzerte. «Ich wurde der ‹kleine Mozart› genannt», erinnert sich der Künstler mit der markanten roten Brille und lacht. Und schon damals hatte er nur einen Wunsch: «Ich wollte Berufspianist werden.»
Seine Mutter war Coiffeuse, der Vater Elektriker. Wegen der einfachen familiären Verhältnisse musst er sich das teure Musikstudium mit seinem ersten Beruf als Primarlehrer verdienen. Im Lehrerseminar war Zeichnen ein Hauptfach. «Ich habe es gehasst», gibt Walter freimütig zu. Die Musik hingegen wurde zu seinem Lebensmittelpunkt.

Nach achtjährigem Studium in Zürich und Genf gab er am Konservatorium der Musikschule Zürich Unterricht. Dann wechselte er an die Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK, wo er 35 Jahre lang als Dozent für Klavier und Kunstgeschichte arbeitete. Die Malerei kam später in sein Leben: «Ich pflegte sie stets im stillen Kämmerlein und brachte mir alles autodidaktisch bei. Denn ich wollte mir nie in meine Kunst reinreden lassen.»

In der Galerie im Gwölb zeigt er mit Bildern aus Teenagerzeiten bis heute die ganze Bandbreite seiner Kreativität. Die ersten abstrakten Bilder malte er mit preisgünstigen Gouache-Farben, weil er sich damals nicht mehr leisten konnte. Später kamen Werke in Aquarell dazu. Sie zeigen Landschaftsimpressionen aus Südfrankreich und aus der Schweiz. «Ich habe kein Auto und war immer mit Schemel, Block und Farbkasten immer zu Fuss unterwegs», erzählt Walter. Ein  Sabbatical führte ihn nach Berlin. Dort machte er sich auf die Suche nach Spuren der ehemaligen DDR. Der daraus entstandene Zyklus zeigt ehemalige Plattenbauten und verlassene zusammengefallene Wohnfriedhöfe.


Bilder voller Intimität
Walter blickt gerne hinter die Kulissen. Wochenlang nahm er sich Fünfsternehotels zum Motiv. Zu sehen sind aber keine Prachtbauten oder -räume; sondern Steckdosen, Putzwagen oder die Beine eines Zimmermädchens. Während des Lockdowns begann er, sich mit Porträtmalerei auseinanderzusetzen. Alle Gesichter, die er mit wenigen Strichen in Aquarell gepinselt hat, stammen von Menschen aus seinem Bekannten- und Freundeskreis. Richtig intim wird es bei der Bildersequenz in Pastell über einen jungen schlafenden Mann. Es ist ein georgischer Musikstudent, der seit einigen Jahren in der Loft von Walter in Unterwindisch wohnt. Der zweifache Vater und Grossvater ist geschieden und steht offen zu seiner Bisexualität.  


Ein Ausnahmepianist
Auch wenn die Familie von Urs Walter wenig Geld hatte: Musiziert wurde zu Hause immer. Sein Grossvater war Zöllner und gründete an jedem seiner Einsatzorte eine Blasmusik. Die Mama konnte nicht nur gut Haare frisieren, sondern auch Geige spielen. Sein Vater leitete j ahrelang den Männerchor in Schaffhausen. Dass Walter ein Ausnahmepianist ist, ist unbestritten. Das Talent für die Malerei, mit der er erst nach der Pensionierung an die Öffentlichkeit ging, erweist sich hingegen als streitbar, auch wenn die Vielfalt von Stilen und Motiven durchaus spannend ist.

Im Musikzimmer der Galerie im Gwölb wird während der Ausstellung ein kleines Schumann-Festival zu hören sein. Walter spielt am Flügel mit täglich wechselnden, namhaften Musikerinnen und Musikern (siehe Kästchen). Inmitten seiner Bilder, die er von Tonverläufen auf Notenblättern gemalt hat. Die Klänge werden nicht nur hör-, sondern auch sichtbar.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neustart auf Schloss Schartenfels

Nach den Betriebsferien ist das Restaurant hoch über Wettingen wieder geöffnet –… Weiterlesen

Spektakuläre Suche bei Nacht

Über ein Dutzend Einsatzkräfte suchten am späten Montag die Aare nach einem Mann… Weiterlesen

region

Mutig und aktiv in die Zukunft gehen

Mit einer neuen Vision 2040 startet der Gemeinderat in die Amtsperiode 2022–25.… Weiterlesen

region

Wohnraum statt Gewächshäuser

Auf dem Areal der ehemaligen Gärtnerei «Lägere Blueme + Pflanze» an der… Weiterlesen

region

Ein ganzes Schulhaus im Zirkusfieber

Nach dem grossartigen Erfolg vor vier Jahren veranstaltete die Primarschule… Weiterlesen