«Es fühlt sich ein bisschen an wie bei einer Beerdigung»

Es ging nicht mehr: Susanne Voser, 52, tritt Ende Woche von ihrem Amt als Gemeindeammann von Neuenhof zurück – zwei Monate früher als geplant.

Susanne Voser tritt per Ende Monat von ihrem Amt zurück (Bild: Archiv)

von
Ilona Scherer

26. November 2019
20:00

Susanne Voser, Sie hatten bereits Anfang November Ihren Rücktritt per Ende Januar 2020 angekündigt. Nun haben Sie an der Gemeindeversammlung am Montagabend verkündet, dass Sie sogar schon Ende November demissionieren. Wie fühlen Sie sich?

Ich verliere etwas sehr Schönes, und das tut weh. Ich fühle mich wie ein Fussballprofi, der Tag und Nacht für seinen Job lebt, sich das Bein bricht und dann auf der Pritsche liegt.

 

Wie sind diesmal die Reaktionen im Vergleich zur ersten Nachricht?

Sie sind noch intensiver. Beim ersten Mal habe ich viele Mails und Briefe bekommen. Nun bringen die Leute schon persönlich Blumen und Geschenke vorbei. Es fühlt sich ein bisschen an wie bei einer Beerdigung.

 

Warum konnten oder wollten Sie nun doch nicht mehr bis zu den Ersatzwahlen im Februar im Amt bleiben?

Ich war überzeugt, dass ich meine Ziele erreichen und das durchziehen kann, was ich im Kopf habe. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, meine ganze Konzentration und Energie noch bis Anfang Februar für die Gemeinde einzusetzen. Aber das ursprüngliche Problem im Gemeinderat konnte nicht behoben werden. Die Situation wurde eher noch schwieriger, hat sich also eher verstärkt, anstatt dass man doch noch einen Schritt aufeinander zu machen konnte. Da kann ich nicht mehr dahinterstehen.

 

Also zogen Sie die Reissleine.

Mein sofortiger Rücktritt ist mein Beitrag zum Wohl der Gemeinde. Ich hoffe, dass es nun wieder möglich ist, auf einer sachlichen Ebene zu diskutieren und sich auseinanderzusetzen.

 

War die Gemeindeversammlung am Montagabend also Ihr letzter offizieller Auftritt?

Nein, nein, am Dienstagabend war noch die Ortsbürgerversammlung – für mich ein sehr wichtiger Anlass. Dann standen in dieser Woche noch Sitzungen mit Baden Regio, der Regio­nalen 2025 und anderen Vereinigungen auf der Agenda.

 

Alles Ämter, die Sie nun wohl ebenfalls abgeben müssen.

Ja, ich werde alle Ämter, die ich kraft meiner Funktion als Gemeindeammann innehatte, abgeben müssen. Das tut mir auch sehr leid, denn ich habe immer gerne vernetzt und auch überregional gearbeitet. So kann man sehr viel bewegen. Behalten werde ich die Funktion als Vizepräsidentin der CVP Aargau, auch im Grossrat werde ich bleiben sowie in weiteren Kommissionen.

 

Sie waren im 80-Prozent-Pensum bei der Gemeinde angestellt. Wie geht es nun für Sie beruflich weiter?

Ich werde ab 1. Dezember 2019 keinen Lohn mehr erhalten. Es gibt also keinen goldenen Fallschirm, und das ist auch richtig so. Am 1. Dezember werde ich mich in meiner Funktion als Grossrätin auf die Sitzung vom 2. Dezember vorbereiten.

 

Können Sie sich vorstellen, in die ­Privatwirtschaft zurückzukehren und der öffentlichen Verwaltung den Rücken zu kehren?

Natürlich. Ich war ja auch schon früher in der Privatwirtschaft tätig, damals in Wattwil. (Susanne Voser betrieb dort eine Käserei.) Aber auch politisch könnte ich es mir vorstellen. Bereits bei vergangenen Wahlen kamen mehrere Ostschweizer Gemeinden auf mich zu. Aber das ist alles noch weit weg. Über Weihnachten/Neujahr werde ich erst mal nach ­Portugal zu meiner Tochter reisen, die dort studiert.

 

Und sicher werden Sie auch künftig die Geschehnisse im Neuenhofer Gemeinderat weiter verfolgen, oder?

Natürlich, das Wohl der Gemeinde liegt mir ja sehr am Herzen.

 

Warum bleibt Gemeinderat Andreas Muff, der ebenfalls Ende Januar ­abtreten wird, noch im Amt?

Er hat noch ein wichtiges Geschäft, das er am 20. Januar 2020 dem Gemeinderat präsentieren möchte: den Bericht sowie die Massnahmen betreffend Altersarbeit unserer Gemeinde. Dies war eine intensive Arbeit in diesem Jahr mit der Bevölkerung und vielen involvierten Personen.

 

Ihre Geschichte scheint zu bewegen.

Seit Bekanntwerden kamen viele Gemeindeammänner auf mich zu und erzählten mir von ihren Erfahrungen. Vieles davon kannte ich, oder ich hatte zumindest schon davon gehört. Auch auf der Strasse wurde ich von Fremden angesprochen, die mir erzählten, was ihnen widerfahren ist.

 

Was ist möchten Sie zum Abschied der Bevölkerung noch mitgeben?

Vor allem möchte ich mich bei meinen Mitarbeitenden bedanken für die tolle Zusammenarbeit und ihr Vertrauen. Aber auch bei den umliegenden Gemeinden und bei allen Kommissionsmitgliedern, mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Diese Gemeinde und ihre Menschen liegen mir am Herzen. Ich wurde am Montag von 200 Leuten mit Standing ovations verabschiedet – das war wunderbar.

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