«Es fühlt sich fast wie Fliegen an»

Wenn die Finnin Ulla Tikka über ihr 12 Millimeter dünnes Seil balanciert, muss sie jeden Störfaktor im Kopf ausblenden und sich auf den Moment konzentrieren. Sonst droht der Absturz.

Die finnische Seiltänzerin Ulla Tikka privat – beim Interview im Hotel Blume Baden
Die finnische Seiltänzerin Ulla Tikka privat – beim Interview im Hotel Blume Baden (Bild: ub)

von
Ursula Burgherr

15. Mai 2019
14:20

«Das Gefühl, auf einem Seil zu stehen, ist mit nichts anderem zu vergleichen», sagt Ulla Tikka beim Interview im Vorfeld zum Freiluftspektakel auf dem Badener Theaterplatz. «Wenn ich es schaffe, den Kopf total auszuschalten, macht der Körper automatisch die richtigen Bewegungen, um in der Balance zu bleiben. Dieses Loslassen von allem fühlt sich fast wie Fliegen an.» Jeder Mensch versucht im Leben sein Gleichgewicht zu finden. Beim Seiltanz kann eine Millisekunde der Unachtsamkeit entscheidend sein, ob man oben bleibt oder runterfällt. Das Seil ist gnadenlos und verzeiht nicht den kleinsten Fehler. 

 

Denselben Körperrhythmus

Am 27. und 28. Mai wird Ulla Tikka mit ihrem Lebenspartner Andreas Muntwyler von der Zirkusfamilie Monti auf dem Theaterplatz gemeinsam ihre virtuose Körperkunst auf dem zwei Meter über dem Boden gespannten Tanzseil zeigen. Die Performance «Bargeflüster», die das Paar vor Publikum präsentiert, vereint klassische Melodien von Violinist Felix Borel und Kontrabassist Wolfang Fernow mit ihrem riskanten akrobatischen Akt. Die Musik steht im Gegensatz zu traditionellen Zirkusnummern im Vordergrund. «Wir lassen uns von ihr leiten und vollführen dazu spontan unsere Kunststücke. Dadurch wird jeder Auftritt überraschend. Für uns genauso wie fürs Publikum», sagt die 40-jährige Gleichgewichtskünstlerin. Während Eheleute oft schon Schwierigkeiten haben, gemeinsam im ganz gewöhnlichen Alltag Kompromisse zu finden, müssen Tikka und Muntwyler auf einem hauchdünnen Faden um ihre Standhaftigkeit kämpfen. Die Balance alleine zu behalten, ist schon ein Kunststück für sich. Zu zweit wird der Schwierigkeitsgrad beim Seiltanzen aber um ein Vielfaches erhöht. Vor allem, wenn es darum geht, sich in der Mitte zu kreuzen. Um aneinander vorbeizukommen, ist ein grosser Schritt ins Leere nötig, der die beiden Artisten für einen Moment wieder jegliches Gleichgewicht verlieren lässt. Sind die Herausforderungen an eine Partnerschaft in solchen Extremsituation grösser als bei normalen Paaren? «Ich glaube nicht», meint Tikka, «bei Andi und mir hat es einfach von Anfang an gut geklappt. Ich trat schon mit anderen Seiltänzern auf, und es lief nicht rund. Das hat aber nichts mit der persönlichen Beziehung, sondern mit einem gleichschwingenden Körperrhythmus zu tun. Und den haben wir hundertprozentig».
 

Seiltanz-Duo Ulla Tikka und Andreas Muntwyler bei einem Auftritt
Seiltanz-Duo Ulla Tikka und Andreas Muntwyler bei einem Auftritt (Bild: zVg)

 
Regeln gibt es keine

Dass die Finnin Ulla Tikka Akrobatin werden möchte, wusste sie schon als kleines Kind. Sie besuchte über zehn Jahre lang eine Jugendzirkusschule, lernte Akrobatik auf dem Boden und in der Luft. Und vor allem, ihren Körper ad extenso zu beherrschen. «Zuerst wollte ich Luftartistin oder Bodenakrobatin werden. Dann stand ich irgendwann auf dem Seil. Dieses Absolute, jede Sekunde sein Gleichgewicht finden zu müssen, und es genauso schnell wieder verlieren zu können, faszinierte mich. Und liess mich nicht mehr los.» Sie besuchte Zirkusschulen in Berlin und Paris, um sich in ihrer Disziplin weiterzubilden. Eine eigentliche Ausbildung für Seiltanz gibt es jedoch nicht. «Regeln kann man für diese Kunst keine aufstellen. Jeder muss ganz persönlich für sich selbst rausfinden, welche Bewegungen es braucht, damit er seinen Schwerpunkt genau über dem Seil halten kann.»

 

Der Traum vom eigenen Zelt

2001 wurde Tikka mit ihrer Seiltanznummer in das Programm des Circus Monti aufgenommen. Und lernte Andreas Muntwyler aus der zweiten Generation der Aargauer Zirkusdynastie kennen. Die Nordländerin und der Schweizer verliebten sich. Seither sind sie mit eigenen Produktionen als Compagnie Roikkuva in der ganzen Welt unterwegs und vereinen atemberaubende Artistik mit Musik und theatralischen Elementen. Wie verbringen zwei professionelle Seiltänzer privat ihre Zeit? «Ganz normal», meint Tikka und muss lachen, «wir laden gerne Freunde zum Essen ein, gehen im Winter ab und zu Ski fahren.» Weitreichende Zukunftspläne schmiedet sie keine, verrät aber: «Wir wünschen uns schon lange ein eigenes Zelt, in dem wir selbst konzipierte Shows aufführen und dem zeitgenössischen Zirkus eine Plattform bieten können.» Tikka ist überzeugt, dass sich Menschen als Gegengewicht zu den riesigen Multimedia- und Showkisten auch wieder nach kleinen und persönlichen Acts sehnen. Wo das Publikum den Artisten so nahe ist, dass es ihre Emotionen spüren und sehen kann. Und dadurch im Innersten berührt wird. «Wenn wir die Zuschauerinnen und Zuschauer mit unseren Vorstellungen berühren können, haben wir unser Ziel erreicht», findet die Seiltänzerin und ihre dunklen Augen leuchten.
 

 

ThiK Freiluft findet vom 18. bis  28. Mai auf dem Theaterplatz  Baden statt.
18. bis 20. und 24. Mai, jeweils 20.15 Uhr (Sonntag, 19. Mai, 17 Uhr): «Drüll» von Zirkus Fahraway.
22./23. Mai, 19 Uhr: Konzert von Otrava.
22./23. Mai, 21 Uhr: Cie Freaks und Fremde mit «Freakshow». 
27./28. Mai, 20.15 Uhr: «Bargeflüster» mit Ulla Tikka und Andreas Muntwyler. 
Information: www.thik.ch

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