«Es fühlt sich wie eine Pensionierung an»

Nach 24 Jahren im Gemeinderat, davon knapp 15 als Gemeindeammann, nimmt Marlène Koller Abschied von Untersiggenthal. Eine Bilanz.

«Das wichtigste Projekt meiner Zeit»: Marlène Koller in ihrem Büro mit Aussicht auf das neue Zentrum. (Bild: is)

29. Dezember 2021
08:28

Marlène Koller

wurde 1953 geboren und wuchs in Oberwil-Lieli (AG) auf. Die gelernte Kauffrau kam 1985 durch ihre Heirat nach Untersiggenthal, wo sie lange Präsidentin des Samaritervereins war. 1998 zog sie für die SVP in den Gemeinderat ein. Im April 2007 wurde sie zur Nachfolgerin von Gemeindeammann Hans Killer gewählt, der in den
Nationalrat einzog. Von 2009 bis 2020 war sie auch Mitglied des Grossen Rats. Marlène Koller war die dienstälteste Frau Gemeindeammann im Bezirk Baden. Im März
zieht sie nach Döttingen zu ihrem Partner Martin Hauenstein. Ihre beiden erwachsenen Söhne leben weiterhin in Untersiggenthal.

Am Mittwochnachmittag ging Marlène Koller durch alle Abteilungen im Gemeindehaus, um sich persönlich von den Mitarbeitenden zu verabschieden. Und auch wenn ihr Entscheid, Ende 2021 als Gemeindeammann von Untersiggenthal aufzuhören, bereits vor vier Jahren feststand und sie sich darauf vorbereiten konnte, so ist er noch immer emotional für die gesellige Politikerin. «Es fühlt sich an wie bei einer Pensionierung. Aber für mich stimmt es jetzt wirklich. Ich bin froh, dass ich gesund bin und mein Amt durchziehen konnte», sagt Koller. Zwischen den Jahren wird sie ihr Büro vollends räumen, und am 3. Januar um 10 Uhr übergibt die 68-Jährige den Schlüssel ihres Büros an Nachfolger Adrian Hitz (56). Die «Rundschau» hat Marlène Koller gebeten, zu zehn Stichworten Stellung zu nehmen.


Meine beste Entscheidung
«Dass ich Ende 2006 als Nachfolgerin von Gemeindeammann Hans Killer kandidierte, war für mich sicher ein guter Entscheid. Dabei musste es schnell gehen, denn ich war gerade in Scheidung und hatte ein Jobangebot in Zürich, wo ich innert einer Woche zu- oder ab­sagen musste. Die Wahl war aber erst am 11. März. Schliesslich entschied ich mich für das Risiko, möglicherweise weder Job noch Amt zu haben. Aber es ging auf, und am 1. April 2007 begann meine erste Amtszeit als Gemeindeammann. Daneben habe ich nicht mehr gearbeitet, um mich voll darauf zu konzentrieren.»


Eine wichtige Beraterin
«Vor fünf Jahren stand ich am Scheideweg: Sollte ich noch ein drittes Mal als Ammann kandidieren oder nicht? Auf der Suche nach einer Person, die mir helfen konnte, fand ich Schwester Hildegard vom Kloster Baldegg. Sie begleitete mich ein Jahr lang, konnte mir die verschiedenen Szenarien und Wege gut aufzeigen und mich dabei unterstützen, die Dinge zu ordnen. Einmal verbrachte ich sogar eine ganze Woche im Kloster. Am Ende traf ich den Entscheid aber selber, nochmals eine Amtsperiode anzuhängen und danach definitiv aufzuhören.»


Umgang mit Kritik
«Die Einführung von Tempo 30 generell auf Gemeindegebiet stiess in gewissen Kreisen auf grossen Widerstand. Inzwischen hat es sich beruhigt. Und es macht richtig Freude, durchs Dorf zu fahren – auch wenn es mich manchmal selbst aufregt, wenn mich ein E-Bike überholt. Mir war immer wichtig, dass ein Entscheid gerecht war und wir als Gesamtgemeinderat dahinterstehen konnten. Dann traf mich die Kritik auch nicht so persönlich. Im Grossen und Ganzen waren die Leute aber stets anständig zu mir. Vielleicht habe ich auch einfach einen breiten Rücken.»


Eindrückliche Begegnungen
«Sehr beeindruckt hat mich immer Renzo Balcon, der sich über sehr viele Jahre in Vereinen und für das Dorf engagiert hat. Ebenfalls war ich immer sehr beeindruckt von Willy Hitz am Quellenweg. Was der alles wusste vom Dorf! Er engagierte sich auch sehr für das Ortsmuseum. Und ein grosses Anliegen war ihm, dass die Kinder Skifahren lernten. Er hatte eine Art private Skiwerkstatt und vermietete Kinderski. Auch sein Aussehen gefiel mir. Leider starb er schon mit 72.

Und natürlich waren auch die beiden Hundertjährigen eindrücklich, die ich am Geburtstag besuchen durfte. Ich höre älteren Menschen und ihren Geschichten gern zu.»


Das wichtigste Projekt
«Die Überbauung Zentrum ist zweifellos das wichtigste Projekt meiner Amtszeit. Ein Jahrhundertbauwerk, das langlebig und auch dem Image von Untersiggenthal förderlich ist. Nach dem Entscheid des Regierungsrats ist nun auch die Bau­bewilligung für das Projekt Kornfeldweg rechtskräftig. Das Land, auf dem es gebaut wird, gehört ja der Gemeinde, und die Baurechtszinsen helfen, das Zentrum zu finanzieren. Zudem wird dort eine Migros einziehen – wir haben somit die Garantie, dass weiterhin im Dorf eingekauft werden kann.»


Fehler oder Irrtümer
«So richtig bereue ich nichts. Vielleicht war es nicht so geschickt, dass wir bei Beginn der Planung für das Zentrum nicht sofort einen Architekturwettbewerb durchgeführt haben. Aber das entschieden wir damals bewusst so. Als wir dann den Projektierungskredit an der Gemeindeversammlung abholen wollten, kam natürlich Kritik, und wir mussten den Wettbewerb nachträglich machen, was zu einer Verzögerung führte.»


Die grösste Niederlage
«Es ist keine Niederlage, aber ein Ziel, das wir nicht erreicht haben: Ich hätte gerne eine Partnergemeinde von vergleichbarer Grösse gehabt, mit der man auch einen kulturellen Austausch pflegen könnte. Das wäre wirklich spannend gewesen! Wir haben Verschiedenes probiert, geklappt hat es leider nie.»


Mein Wunsch für die Zukunft
«Es mag abgedroschen klingen, aber die Gesundheit ist das Wichtigste. Meine Eltern sind beide früh an einem Herzinfarkt gestorben, und ich dachte immer, dass ich auch früh gehen muss. Meine Mutter war eine starke Frau und hat uns vier Töchtern stets vermittelt, dass wir alles genauso gut können wie Buben. Nun möchte ich in meiner neu gewonnenen Freizeit mehr spazieren und wandern gehen, auch tanze ich sehr gern. Zuerst geht es jetzt aber Mitte Januar nach Schleswig-Holstein zwischen Nord- und Ostsee. Ich mag den Wind und das Meer dort.»


Mein neuer Wohnort
«Nach 36 Jahren in Untersiggenthal ziehe ich im März nach Döttingen zu meinem Lebenspartner Martin Hauenstein. Er wird im Februar ebenfalls pensioniert. Nun haben wir beide mehr Zeit für unsere fünf Enkelkinder in Tegerfelden und Untersiggenthal. Wir sind ja nicht ‹ab der Welt›, ich werde weiterhin regelmässig in Untersiggenthal anzutreffen sein. Ich denke, ich werde mich auch in Döttingen in irgendeiner Art engagieren, vielleicht beim Fahrdienst für ältere Menschen. Durch meine Erfahrung als Gemeinderätin, aber auch im Samariterverein bin ich den Umgang mit älteren Leuten gewohnt und habe Verständnis für ihre Anliegen. Sicher werde ich auch eine Gemeindeversammlung in Döttingen besuchen, um mehr über die Gemeinde zu erfahren und die Menschen kennenzulernen. Ich möchte ja die Leute mit Namen grüssen auf der Strasse.»


Mein Rat an Adrian Hitz
«Das Wichtigste wird jetzt sein, die beiden Neuen, Kim Schweri und  Pirmin Umbricht, gut im Gemeinderat zu integrieren und ein Team aus den fünf Ratsmitgliedern zu formen. Es ist wichtig, dass alle das Gefühl haben, ein Teil des Ganzen zu sein und etwas bewirken zu können. Das habe ich auch an meiner Abschiedsrede bei der letzten Gemeinderatssitzung so gesagt. Die Leute sollen spüren, dass man an Lösungen interessiert ist. Wichtig für den Zusammenhalt waren auch unsere Gemeinderatsreisen. Darauf haben wir immer zwei Jahre lang gespart: Monatlich wurde ein Betrag direkt vom Lohn abgezogen, und so konnten wir alle zwei Jahre für drei oder vier Tage mit Partnern verreisen. Das tat gut und hat uns zusammengeschweisst – davon zehrten wir. Wir hatten es wirklich gut miteinander.»

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