Es geht ihm um Barmherzigkeit

Bruder Markus (52) hat sich für ein Leben im Glauben und in der Nächstenliebe entschieden. Heute führt er ein Leben, das ihn zufrieden macht. 

Bruder Markus beim «Bleib treu»-Steingarten in Baden. (Bild: Cl)

10. Februar 2021
11:00

Mitten in Baden, in einer engen Seitengasse zwischen Bad- und Bahnhofstrasse befindet sich der Sitz des evangelischen Vereins und Ordens Sola Gratia. Der Verein umfasst fünfzehn Mitglieder und einen grossen Freundeskreis. Im zweiten Stockwerk des alten Hauses lebt Gründer Bruder Markus in einer WG mit zwei Mitbewohnern in einer einfachen Drei-Zimmer-Wohnung mit Schlafzimmer, Küche, Gemeinschaftsraum und einem kleinen Oratorium. An diesem Ort der Ruhe, wie ihn Bruder Markus nennt, startet er seinen Tag, indem er sich Zeit nimmt fürs Gebet.

 

Vision für die Zukunft

Danach widmet er sich diversen sozialen Aufgaben. Er telefoniert, besucht Menschen, geht ins Gefängnis oder in die Klinik für Psychiatrie. «Ich lasse aber auch Freiraum für eigene Gedanken oder Ungeplantes», hält er fest. Wie kürzlich für einen Schulbesuch, zu dem er eingeladen wurde und den Schülerinnen und Schülern von seiner Arbeit als Seelsorger im Gefängnis erzählte. Im Anschluss haben die Kinder für die Häftlinge Bilder gemalt und Briefe geschrieben. Die Besuche im Gefängnis sieht Bruder Markus als pastorale Herausforderung und Auftrag. «Es ist ein Weg der Barmherzigkeit», führt er aus. 

Seit Dezember 2019 wohnt Bruder Markus an der Brenntgasse. Dieses Haus wird aber in den nächsten Jahren voraussichtlich abgerissen. Der Ordensbruder hat bereits eine Vision für die Zukunft. Dabei schwebe ihm ein grosses Haus mit rund hundert Zimmern vor. An diesem Ort sollen vorwiegend ältere Menschen zusammen mit der Ordensgemeinschaft sowie Menschen in Lebenskrisen ein ­Zuhause finden. Ein Objekt hat Bruder Markus schon ins Auge gefasst. Er habe bereits eine Anfrage gestartet. Die Antwort steht noch aus. Doch Bruder Markus eilt es nicht. Dinge müssen wachsen, ist er überzeugt.  Alles habe seine Zeit.

 

Mehr Lebensqualität

Bruder Markus sitzt am Küchentisch und rührt im Tee. Gelassen und ruhig spricht er über seine schwierige Jugendzeit. Nachdem sein Vater gestorben war, als er vier Jahre alt war, änderte sich alles schlagartig. Die Mutter war plötzlich allein mit zwei Kindern. Sie habe auf jegliche Art von Sozialhilfe verzichtet, weil sie befürchtete, sie beschäme das Ansehen ihres verstorbenen Ehemannes, einem Gemeinderat. Mit Servicejobs versuchte sie, die Familie finanziell über Wasser zu halten. Das sei Stress gewesen. Aggressionen untereinander gehörten bald zur Tagesordnung. «Ich hatte immer das Gefühl, nicht zu genügen», erzählt er rückblickend. Erst als er in der Lehre war und zum Glauben fand, bekam er Frieden, Zugehörigkeit, Sinn und konnte Hass und Streit loslassen. 

 

Gedanken tanken

Bis sich Bruder Markus entschloss, als evangelischer Mönch zu leben, dauerte es eine ganze Weile. Als Geschäftsführer eines Sicherheitsunternehmens stand er dauernd unter Druck. «Es war ein gestresstes Leben», blickt er zurück. Erst als seine drei Söhne selbständig wurden, entschloss er sich zu diesem Schritt. Heute hat er Zeit. Zeit, Gutes zu tun. Die neueste Aktion ist der Steingarten am Brenntweg. Die bemalten Steine sollen die Menschen für einen Augenblick erfreuen. Anfangs habe er den Fehler gemacht, die Steine mit Bibelsprüchen zu beschriften, aber bald hat er gemerkt, dass dies nicht gut ­ankam. «Ich will nicht aufdringlich sein», sagt er lächelnd. 

Beim Taxistand ist der zweite Steingarten. Dort hat er eine Tafel mit einem Text über Treue am Baum angebracht. Die Idee ist, dass Paare ihre Namen auf die Steine schreiben und in den Garten legen. Musse, Gedichte zu schreiben, hat Bruder Markus auch gefunden. Als Buch werden sie im Mai unter dem Titel «Gedanken tanken – Nachdenken schenken» veröffentlicht. Auf die Frage, ob er denn jetzt sein Glück gefunden habe, antwortet er: «Sieht man das nicht?», und lacht verschmitzt.   

Bruder Markus bietet bei sich zu Hause einen Tee oder eine gemeinsame Gebetszeit an. Es besteht auch die Möglichkeit, mit ihm über Sorgen zu sprechen, bietet er an. In diesen Gesprächen gehe es ihm nicht darum, anderen sein Glaubensbild überzustülpen, sondern den Ratsuchenden dabei zu helfen herauszufinden, was sie brauchen.

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