«Es geht mir um Gerechtigkeit»

Am 21. Februar jährt sich der Absturz einer Swissair-Coronado bei Würenlingen zum 50. Mal. Arthur Schneider lässt das Attentat seither nicht los.

Arthur Schneider hat nicht nur das Buch «Goodbye Everybody» geschrieben, sondern auch ordnerweise Akten zum Flugzeugabsturz gesammelt
Arthur Schneider hat nicht nur das Buch «Goodbye Everybody» geschrieben, sondern auch ordnerweise Akten zum Flugzeugabsturz gesammelt (Bilder: sha)

von
Stefan Haller

12. Februar 2020
14:00

Der 21. Februar 1970 war ein nass-kalter und unfreundlicher Wintertag. Schneeregen dominierte an diesem Samstag, und die Leute liessen es sich bei diesem Hudelwetter in den Stuben gut gehen. Arthur Schneider, damals 29 Jahre alt und in seinem ersten Amtsjahr als Gemeinderat, sass vor dem Fernseher und schaute sich die Skisprungweltmeisterschaften an. Noch während er sich über die schlechten Leistungen der Schweizer aufregte, ertönte um 13.34 Uhr aus dem Würenlinger Unterwald ein lauter Knall. Dessen Grund lag in einem Ereignis, das sein Leben und dasjenige von sehr vielen anderen Menschen verändern sollte.

 

Schreckliches Erlebnis

Als Gemeinderat fuhr Arthur Schneider in Richtung Waldrand. Dort parkierte er und marschierte über den Waldfestplatz dem Rauch- und Kerosingeruch entgegen. In seinem vor fünf Jahren erschienenen Buch «Goodbye Everybody» schreibt er: «Plötzlich eine Hand auf dem Waldboden! Zum Gruss, zum Abschied, zur Hilfe. Alles ging mir durch den Kopf, denn der Umfang des Ereignisses war mir ja noch nicht bekannt. Es folgten Metallteile, Effekten, Kleidungsstücke, Bestandteile, die auf ein Flugzeug hinwiesen.» Diese gehörten zu einer Swissair Coronado, die auf Flug von Zürich-Kloten nach Tel Aviv abgestürzt war. Es starben 38 Passagiere und das neunköpfige Besatzungsteam. 

Schneider überkommt immer noch das nackte Grauen, wenn er an jenen Unglückstag zurückdenkt. Pietätlos eilten immer mehr Schaulustige herbei und liefen durch die Unglücksstätte. «Es kam einem vor, als wäre an diesem Tag die halbe Schweiz im Würenlinger Wald», sagt der heute 78-jährige pensionierte Holzkaufmann und Unternehmer. Die Polizei und der Sicherheitsdienst waren mit der Erstellung der Absperrungen überfordert. Bis heute fehlt einer der 24 Goldbarren, die an Bord der Maschine transportiert worden waren. Ebenfalls mit an Bord waren Diamanten, welche ein Händler nach Tel Aviv bringen wollte, und selbstverständlich sehr viel Bargeld und Effekten. «Damals waren Kreditkarten noch selten, die Leute hatte entsprechend viele Banknoten in ihren Brieftaschen», so Schneider. 

Ein Gedenkstein erinnert an den Tag, an dem 47 Menschen starben
Ein Gedenkstein erinnert an den Tag, an dem 47 Menschen starben

 

Schweiz war Kriegsschauplatz

Es dauerte über zwei Jahre, bis die Flugunfall-Untersuchungskommission im Frühjahr 1972 ihren Bericht veröffentlichte, der 790 Seiten umfasste. Die fünfköpfige Kommission gelangte einstimmig zum Schluss, der Unfall sei auf einen durch einen Sprengstoffanschlag ausgelösten intensiven Brand zurückzuführen. Die Bombe war kurz nach dem Start über dem Vierwaldstättersee im Gepäckraum explodiert. Kapitän Karl Berlinger und Co-Pilot Etienne Armand hatten vergeblich versucht, die Maschine nach Kloten zurückzufliegen. Doch der Rauch im Cockpit verunmöglichte ihnen die Sicht auf die Instrumente. Über dem Würenlinger Unterwald stürzte die Maschine schliesslich ab. Die letzten Worte aus dem Cockpit mit tränenerstickter Stimme lauteten: «Goodbye Everybody». Die Maschine war Ziel eines Terroranschlags der palästinensischen Splittergruppe PFLP General Command geworden. Diese wollte drei ihrer Mitglieder freipressen, die im Kanton Zürich in Haft waren. Man hatte sie bei einem Anschlag auf ein El-Al-Flugzeug am Flughafen Kloten im Jahr 1969 festgenommen. Im Rahmen der Entführung des Swissair-Fluges 100 (Genf – New York) nach Jordanien wurden die drei Terroristen im September 1970 schliesslich freigepresst. Im Gegenzug liess man auch die Passagiere frei.

Marcel Gyr, Buchautor und NZZ-Journalist, stellt in seinem 2016 erschienenen Buch «Schweizer Terrorjahre – das geheime Abkommen mit der PLO» die These auf, dass der damalige Aussenminister, Bundesrat ­Pierre Graber, unter Vermittlung des früheren Nationalrats Jean Ziegler mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO ein geheimes Stillhalteabkommen geschlossen hätte. Die Schweiz sollte künftig von weiteren terroristischen Anschlägen verschont bleiben. Im Gegenzug hätte sich die Schweiz für die diplomatische Anerkennung der PLO am Uno-Sitz in Genf eingesetzt. 

 

Wiederaufnahme des Verfahrens wäre möglich

Arthur Schneider teilt Gyrs Ansichten weitgehend. Er kann nicht verstehen, dass der im Dezember 2019 wiedergewählte Bundesanwalt Michael Lauber das Strafverfahren zum Würenlinger Flugzeugabsturz für abgeschlossen erklärt hat. Schneider hat ein Ersuchen um Wiederaufnahme gestellt. Diesem ging eine parlamentarische Anfrage des früheren Nationalrates Maximilian Reimann voraus, der Schneider in rechtlichen Fragen berät. Der Bundesrat antwortete ihm, sofern neue Fakten vorlägen, die bei der Einstellung des Verfahrens noch nicht bekannt waren, liege es in der Kompetenz der Bundesanwaltschaft, das Verfahren wieder aufzunehmen. Dies wurde bis heute unterlassen. Schneider liegt auch ein FBI-Bericht vor, der seiner Meinung nach zweifellos neue Fakten enthält, die untersucht werden müssten.

 

«Tragödie nicht abgeschlossen»

Das Schreiben an die Bundesstaatsanwaltschaft verfasste Schneider auch im Namen des mit ihm befreundeten Ruedi Berlinger, Sohn des getöteten Swissair-Piloten. «Ich versprach ihm an einem vergangenen Jahrestag der Katastrophe, mich für Gerechtigkeit einzusetzen. Daran halte ich mich, es ist eine Verpflichtung. Für ihn und andere Angehörige ist die Tragödie nicht abgeschlossen. Auch bald 50 Jahre nach dem Anschlag liegt weder eine Anklage noch ein Urteil vor. Die Angehörigen haben das Recht, die Wahrheit zu erfahren», erklärt Arthur Schneider bestimmt. Dabei gehe es den Angehörigen nicht um Geld oder eine Verurteilung der Täter. «Vielen würde schon eine Entschuldigung genügen», ist er überzeugt. 

Zusammen mit Ruedi Berlinger hat Schneider den Gedenkanlass am 21. Februar beim Denkmal im Würenlinger Wald organisiert. An diesem sollen jedoch die Trauer und das Gedenken an die Opfer im Vordergrund stehen. «Wir wollen keine Bühne für politische Erklärungen bieten», sagt der langjährige Würenlinger Gemeindeammann mit leiser Stimme.

Kommentare (2)

  • Adi Vonlanthen
    Adi Vonlanthen
    vor 4 Tagen
    Sehr interessanter Artikel und gut geschrieben.
  • Daniel Knecht
    Daniel Knecht
    vor 6 Tagen
    Ich mag mich gut daran erinnern. Ich war 1970 damals als 14-Jähriger mit meinem Vater unterwegs und unmittelbar nach dem Absturz wegen Hilfeleistungen vor Ort. Neun Jahre später studierte ich an der ETH Lausanne mit Palästinensern und diskutierte darüber. Sie legten mir ihre Sicht und die Gründe dar. Ich bin mir sicher, dass es im Gefolge des Terroraktes eine Art Deal gegeben haben muss zwischen der Schweiz und den «Palästinensern».

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