«Es geht ums Ausprobieren»

Regie führen und unterrichten sind für Michèle Bachmann fast dasselbe. Mit ihrer Abschlussklasse dreht die Windischer Lehrerin nun einen Film.

Lehrerin Michèle Bachmann vor der Filmwand in ihrem Schulzimmer
Lehrerin Michèle Bachmann vor der Filmwand in ihrem Schulzimmer (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

09. Mai 2018
09:00

Filmprojekt «Burnout»

Über hundert Schülerinnen und Schüler der Bezirksschule Windisch arbeiten am Filmprojekt «Burnout» mit. Unterstützt werden sie von externen Schauspielern und Filmprofis. Der Film behandelt das Thema entlang der Geschichte von Ian und Valeria, einem Lehrer und einer Schülerin. Entwickelt wurde das Projekt von Michèle Bachmann, bei der Realisierung wirkt Jacqueline Weiss unterstützend mit. Gedreht wird der Film im Juni. Premiere feiert er im Frühjahr 2019. Durch einerfolgreiches Crowdfunding konnten bereits über 20'000 Franken generiert werden. Weitere Spenden sind willkommen.

www.micheledee.ch  

Happy Endings mag Michèle Bachmann nicht besonders. Viel lieber sind ihr Filme mit einem offenen Ende, das zum Weiterdenken inspiriert. Doch für einmal hat die Lehrerin nachgegeben – auf Wunsch ihrer Schülerinnen und Schüler. Diese sprachen sich mit überwältigender Mehrheit für das Happy End ihres Films «Burnout» aus. Gemeinsam mit den Lehrpersonen Michèle Bachmann und Jacqueline Weiss haben die Jugendlichen an der Bezirksschule Windisch in den letzten Monaten das Drehbuch zum Film geschrieben und sich mittels Projektarbeiten mit verschiedenen Aspekten des Filmemachens befasst. Nun stehen sie kurz vor Beginn der Dreharbeiten. Diese finden im Juni statt.

 

Überdurchschnittliche Klasse

Der Film «Burnout» erzählt zwei parallele Geschichten des Ausbrennens. Kombiniert wird der Erzählstrang einer Schülerin mit demjenigen eines Lehres. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass mit wenigen Ausnahmen alle Mitwirkenden Laien sind. Michèle Bachmann stört das nicht im geringsten. «Laien haben einen anderen Enthusiasmus. Sie setzen sich für das Projekt ein, ohne Karrieregedanken im Hinterkopf zu haben», sagt die Lehrerin. Auch Ideen purzelten bei ihnen vielfältiger, da sie weniger vorgeprägt seien durch die Film-erfahrung. «Im Vordergrund steht das Ausprobieren», so Michèle Bachmann. Auf diese Weise sei auch das Drehbuch entstanden. «Immer wieder haben wir Szenen durchgespielt, der Erfahrung angepasst und die Geschichte danach wieder weiterentwickelt.»

Fast alles hat Regisseurin Bachmann zu Beginn offen gelassen. Einzig die Doppelperspektive von Lehrer und Schülerin, die war ihr wichtig. Auf das Thema «Burnout» kam sie aufgrund von Vorgesprächen. «Ursprünglich wollten wir die zunehmende Bürokratie im Schulwesen thematisieren», so die 32-Jährige. Durch die sehr offenen Gespräche mit ihren Schülern über deren aktuelle Probleme habe sie aber gemerkt, dass das Thema Stress omnipräsent sei. «So lag der Link zum Burnout, das gewissermassen die Extremisierung von Stress ist, nahe», erklärt Michèle Bachmann. 

 

Eigeninitiative bei Finanzierung

Bei der Erarbeitung galt der Blick der Lehrerin, die in ihrer Freizeit unter dem Künstlernamen Michèle Dee Filme produziert, immer auch dem Blick durch die Kamera. «Ich merkte oft: Die Idee ist toll, aber die Umsetzung ein Problem», erzählt sie. So spielt etwa die Geschichte über ein Jahr hinweg, gedreht wird aber im Juni. «Da sind meine Erfahrungen als Produzentin gefragt», lacht Bachmann. Manche Pläne der Schüler wurden ganz gestrichen, da sie filmerisch nicht realisierbar waren. «Der Selbstmordversuch mit Auto zum Beispiel wäre viel zu kostspielig geworden», erklärt die Lehrerin. «Zudem hätten die ganzen Sicherheitsabklärungen den Rahmen unserer Möglichkeiten gesprengt». Die Idee hinter dieser Szene sei aber ins Drehbuch eingeflossen. 

Damit sie das aufwendige Projekt überhaupt in Angriff nehmen konnte, brauchte Michèle Bachmann eine entsprechende Klasse. Die hat sie mit dem jetzigen Abschlussjahrgang gefunden. «Die Schüler sind überdurchschnittlich gut, sehr offen, und sie pflegen einen guten Umgang untereinander», schwärmt Michèle Bachmann. 

Dass die Jugendlichen mit viel Herzblut und Engagement in das Filmprojekt eingestiegen sind, hat sie erst kürzlich wieder bemerkt. Für die Finanzierung des Films waren rund 20'000 Franken nötig. Um auf das Crowdfunding aufmerksam zu machen, setzen die Schüler ihre ganze Kreativität ein. «Sie haben dabei unglaublich viel Eigeninitiative gezeigt», freut sich Bachmann. Die finanzielle Basis für das Drehen ist nun zusammengetragen. Um den Film zu schneiden, nachzubearbeiten und abzuschliessen, sind nochmals mindestens 10 000 bis 15 000 Franken nötig. «Wir freuen uns über jede Spende», sagt Michèle Bachmann. 

 

Make-up und Slow-Motion

Erarbeitet hat die Abschlussklasse das Drehbuch und die Vorarbeiten zum Film im Fach «Projekte und Recherchen», welches Michèle Bachmann zusammen mit der Windischer Künstlerin Jacqueline Weiss unterrichtet. «Im Vordergrund stand dabei, dass sich die Schüler selbst beibringen, was sie für den Film an Know-how brauchen», erzählt Bachmann. So wagten sich einige an das Projekt «Wunden-Make-up», während andere in Slow-Motion Ballone explodieren liessen.

 

Die Fäden zusammenhalten 

Dass das Filmprojekt insgesamt so aufwändig würde, hätte Michèle Bachmann nicht gedacht. Sie hat zwar bereits einige Theaterprojekte gestemmt und bei verschiedenen Dokumentar- und Musikfilmen Regie geführt. «Die grosse Herausforderung bei diesem Projekt besteht für mich aber in den unzähligen Fäden, die bei mir zusammenlaufen», sagt die Lehrerin. Viele Planungsaspekte gelte es parallel zu berücksichtigen, Profis und Laien zusammenzuführen. «Zum Glück werde ich von so vielen Menschen unterstützt», sagt Bachmann. Dazu gehören nicht nur Schulpflege, Schulleitung und Lehrerkollegium, sondern auch Eltern und ehemalige Schülerinnen. 

Kriegt Michèle Bachmann bei diesem Riesenprojekt, das sie zu grossen Teilen ehrenamtlich leistet, nicht am Ende selbst ein Burnout? «Ich bin mir der Gefahr bewusst», sagt die engagierte Lehrerin, «aber das Projekt macht so viel Spass, dass ich dabei auch auftanken kann». Zudem gingen  Regie führen und Unterrichten Hand in Hand. In beiden Bereichen gehe es darum, eine Gruppe auf ein gewisses Ziel hinzuführen. «Ich bin also ganz in meinem Element», lacht Michèle Bachmann. Ob so viel Freude wünscht man der quirligen Lehrerin und ihrer Klasse für dieses Projekt nur eines: ein Happy End.

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