«Es kommt der Moment, wo es einfach trommelt»

Pascal Kundert ist mit Leib und Seele Tambour. Grund dafür ist der Zapfenstreich.

Leitet die Brugger Tambouren: Der Remiger Pascal Kundert (35), hier mit einer handbemalten, neuen Brugger Trommel. (BILD: zVg)

23. Juni 2022
17:08

Pascal Kundert, Sie stehen dieses Jahr als Leiter der Tambouren an der Spitze des Brugger Rutenzugs. Was ist das für ein Gefühl?
Ich freue mich unglaublich, dass die jungen Musikerinnen und Musiker ihre Instrumente wieder vorführen können. Diese Spielfreude zu spüren, diese Begeisterung in den Gesichtern der Schülerinnen und Schüler nach zwei Jahren Unterbruch wieder sehen zu können, das macht mich glücklich.


Wie kam es, dass Sie selbst so eine grosse Begeisterung fürs Trommeln entwickelt haben?
Ich erinnere mich noch gut an diesen Moment. Ich war mit meinen Eltern am Zapfenstreich und hörte die Tambouren, die an uns vorbeizogen. Da wars um mich geschehen. Ich packte meine Mutter am Arm und sagte zu ihr: «Das will ich auch.» So kam ich zum Trommeln. Begonnen habe ich mit sieben Jahren.


Auf einer grossen Trommel?
Nein, auf einer Kindertrommel. Die ist nicht ganz so hoch wie die Trommel für Erwachsene. Und natürlich auch leichter. Eine Erwachsenentrommel, auf die man dann ab einer bestimmten Körpergrösse wechseln kann, wiegt einige Kilogramm mehr.


Was ist der Grund, dass Sie bereits in jungen Jahren zum Tambour wurden?
Für mich war Hermann Hediger, mein erster Lehrer an der Musikschule Brugg, eine wichtige Figur. Er erkannte das Potenzial in mir und integrierte mich relativ schnell in die Gruppe der älteren Trommler. Ich erinnere mich noch gut, wie ich als kleiner Schnaufer in diese Formation hineinkam und meinte, ich sei der Beste. Als ich die anderen trommeln hörte, war mein Selbstvertrauen am Boden zerstört. Ich dachte, dieses Niveau erreiche ich nie. Nach der ersten Probe ging ich enttäuscht nach Hause. Meine Mutter sagte: «Wenn du in dieser Gruppe der Beste werden willst, musst du üben, üben, üben.» Das tat ich. Ich legte mich mächtig ins Zeug, nahm an Wettspielen teil und wurde später Mitglied beim Tambourenverein Zofingen. Der Leiter ist toll! Er kitzelt das Letzte aus uns heraus. Kritisiert er bei der Probe etwas, präge ich es mir gut ein. Dann gehe ich nach Hause und übe die entsprechende Stelle – bis ich sie kann.


Unterrichten Sie die Brugger Tambouren nach demselben Prinzip?
Ich arbeite heute anders als noch vor ein paar Jahren und bin zunehmend digital unterwegs. Nach dem Verteilen der Noten schaue ich die Werke mit den Schülerinnen und Schülern im Unterricht an. So haben sie eine Grundlage und wissen, wie die Stücke gehen. Dann schicke ich jede Woche Aufnahmen, nach denen sie üben können. Dabei steigere ich das Tempo von Mal zu Mal, bis das Marschtempo, das wir für den Rutenzug brauchen, erreicht ist. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten zum einen nach dem Metronom, zum andern können sie meine Aufnahmen mittrommeln, einzelne Sequenzen auseinandernehmen und diese detailliert einüben. Mir ist wichtig, ihnen immer wieder ein Feedback zu geben, damit sie die Stücke richtig spielen können. Es gibt nichts Schlimmeres als falsch eingeübte Dinge. Sitzt so was mal, ist es automatisiert. Dann kriegt man es fast nicht mehr weg.


Gibt es beim Trommeln am Jugendfest etwas spezifisch Bruggerisches?
Das ist eine schwierige Frage. Klar gibts bei uns die Tradition des Zapfenstreichs mit den entsprechenden Stücken, aber das haben andere Jugendfeste auch. Am Brugger Rutenzug spielen wir die Ordonnanzmärsche. Das ist ein bestimmtes Repertoire, das wir einüben. Wer die Ordonnanzmärsche beherrscht, kriegt eine Tambourentrommel und darf am Jugendfest mitmachen. Zuerst aber muss man das Marschieren mit der Trommel üben.


Ist das schwierig?
Zu Beginn ist es vor allem ungewohnt. Je mehr man es übt, desto einfacher wirds. Bei der zweijährigen Ausbildung meiner Tambouren ist mir wichtig, bereits im ersten Jahr Marschmusik reinzubringen, damit man frühzeitig mit dem Einüben des Marschierens beginnen kann.


Welches Vorspiel trommeln Sie immer am Heimzug, bevor der traditionelle Marsch der Musik beginnt?
Da spielen wir den «Chnebeler». Das ist ein Trommelmarsch, den mein Vorgänger komponiert hat. Er gefällt den jungen Tambouren sehr gut, und so behalte ich diese Tradition bei – zumindest noch für dieses Jugendfest. Nächstes Jahr mache ich den Schülerinnen und Schülern vielleicht Alternativvorschläge. Mir ist wichtig, dass sie mitbestimmen können. Sie sollen Freude haben am Trommeln und in gemeinsamen Entscheiden zusammenwachsen. Ich bin nicht jemand, der einfach befiehlt, und dann haben alle zu folgen.


Sie haben vorher davon gesprochen, dass Sie sich zumeist innerhalb eines gewissen Repertoires bewegen. Wie viel Gestaltungsmöglichkeiten haben Sie denn?
Es wäre sicher möglich, am Jugendfest einzelne eigene Stücke hineinzubringen und diese dem Niveau der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Aber einen grossen Spielraum hat man da nicht. Die Märsche, die man am Rutenzug spielt, sind grosso modo jedes Jahr dieselben. Dies zu ändern, kommt einem Traditionsbruch gleich. Deshalb halte ich daran fest. Bei Konzerten hingegen – ein Beispiel ist der traditionelle Auftritt am Dienstagabend beim Erdbeeribrunnen – hat man mehr Freiheiten. Da kann man anspruchsvollere Stücke aufführen oder sogenannte Showstücke, bei denen man spezielle Bewegungen dazunimmt. Auch dieses Jahr bauen wir wieder ein solches Stück in unser Programm mit ein. Das lieben die Zuschauer!


Wie wird man ein guter Tambour?
Trommeln ist Übungssache. Zuerst macht man die Schläge langsam, dann steigert man das Tempo. Es ist wie beim Velofahren. Da beginnt man mit Stützrädli, die man später weglassen kann. Irgendwann kommt der Moment, wo die Bewegungen automatisiert sind und der Flow beginnt. Dann trommelt es einfach.


Braucht man als Tambour eine Affinität zum Militär?
Der militärische Hintergrund lässt sich nicht leugnen. Was das Marschieren angeht, gelten weltweit dieselben Regeln. Vom Militär kommt auch die Farbe der Reifen bei den Trommeln. Sie zeigte früher die Herkunft eines Trommlers an. Wir spielen auf Trommeln mit schwarz-weissen Reifen – mit einer Ausnahme. Tobias Pfister, der die Tambouren-RS gemacht hat, spielt auf einer Militärtrommel mit weiss-roten Reifen.


Gibt es auch eine Brugger Trommel?
Jein. Eine handbemalte Holztrommel mit Brugger Wappen habe ich persönlich machen lassen – als Aushängeschild für uns Brugger Tambouren und als Motivation für meine Schülerinnen und Schüler. Der beste meiner zwölf Tambouren darf dieses Jahr erstmals mit ihr den Umzug anführen.

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