«Es tut gut, in der Natur zu verschwinden»

Rebekka Kühnis hat ihren gut bezahlten Job in Baden geschmissen und ihr Leben in Zürich aufgegeben. Seit 2015 lebt die Windischerin in Island.

Rebekka Kühnis fühlt sich wohl in der Natur. (Bild: zVg)

von
Ásdís Ásgeirsdóttir*

17. Februar 2021
18:45

Es wird langsam dunkel, als ich an die Tür des kleinen und hohen Gebäudes an den Hängen der Vaðlaheiði gegenüber der Stadt Akureyri klopfe. Es herrscht Stille, und der Blick auf den Fjord ist grandios. Rebekka Kühnis bittet mich herein in ein sehr kleines, aber gemütliches Wohnzimmer. Wir sitzen am Küchentisch, und die Gastgeberin tischt hausgemachte Schokoladenmuffins auf. Das Haus wurde grösstenteils von Rebekka Kühnis selbst entworfen und gebaut. Die Schweizer Künstlerin arbeitet als Werk-, Kunst- und «Outdoor»-Lehrerin an einer Grundschule vor Ort, macht Kunst und geniesst die Natur.


Allein in der Wildnis
Es ist ungefähr ein Vierteljahrhundert her, seit Kühnis zum ersten Mal nach Island kam. Sie sei seit ihrem ersten Besuch von Island fasziniert, erzählt sie. «Als ich zwanzig war, kam ich hierher, um zu arbeiten. Ich fühlte mich wie zu Hause. Und als ich ein zweites Mal kam, fühlte ich mich, als würde ich nach Hause kommen.» Trotzdem ging sie in die Schweiz zurück, um ihr Studium zu beenden. Island liess sie aber nicht los, und so kehrte sie 2012 zurück, um das Land wandernd zu erkunden, wodurch sich ihr nochmals eine ganze Welt auftat. So entschied sie sich, 2013, während eines längeren Urlaubs, drei Monate lang zu Fuss und mit dem Zelt unterwegs zu sein. «Ich bin meist alleine durch das Land gelaufen. Es tat gut, in der Natur zu verschwinden.


Umzug nach Island
Kühnis stammt ursprünglich aus Windisch, studierte in Bern Kunst und Pädagogik und lebte danach in Zürich. Insgesamt zwölf Jahre lang war sie als Lehrerin für Bildnerisches Gestalten an der Kantonsschule Baden tätig, bevor sie 2015 beschloss, ihren spannenden und gut bezahlten Job aufzugeben und definitiv nach Island zu ziehen. Ein Schnellschuss war es nicht. «Ich war mir sicher, dass ich hier leben wollte, auch wenn mir nicht ganz klar war, wie», erzählt die 44-Jährige. «Als ich ankam, arbeitete ich zuerst im Hostel Backpackers und gab Kurse, danach fand ich Arbeit an verschiedenen Schulen und bin jetzt in Hrafnagil fest angestellt.»


Traumhaus gebaut
Rebekka Kühnis lebt alleine in einem ganz besonderen Haus, und wie bei vielen anderen Dingen in ihrem Leben war es ein Zufall, dass sie dort gelandet ist. «Ich wollte eine Wohnung in Akureyri kaufen, hörte aber von einem Grundstück hier», sagt sie. Der  Architekt Árni Árnason, der in der Nähe einige interessante Minimalhäuser gebaut hatte, schlug ihr vor, ein kleines Turmhaus zu bauen. Er liess Kühnis die Aufteilung im Inneren selbst entwerfen. Es wurde ihr Traumhaus, an dem sie vieles selbst gebaut hat. «Wir haben das Haus sozusagen zu zweit gebaut, ein Zimmermann und ich, mit Hilfe eines Elektrikers und eines Sanitärs», erzählt sie. «Nach dem Rohbau hat mich der Zimmermann jeweils angeleitet und danach das meiste selbst ausführen lassen.» Im Februar 2018 zog Kühnis ein, obwohl noch nicht alles fertig war.
Das Haus hat eine Grundfläche von 30 Quadratmetern, verteilt auf zweieinhalb Etagen. Im Erdgeschoss befinden sich ein Wohnzimmer, eine Küche und ein Gäste-WC, im Ober-
geschoss sind ein Atelier sowie das Badezimmer und – auf einer Galerie – zwei kleine Schlafzimmer angesiedelt. Zum Haus gehört auch ein Hühnerstall, in dem Rebekka Kühnis ihre eigenen Hühner hält. Im grossen Garten baut sie Gemüse an – und ist damit im Sommer fast Selbstversorgerin. «Der Natur fühlte ich mich schon als Kind sehr verbunden», sagt die Künstlerin. «Hier in Island habe ich wieder zu ihr zurückgefunden.»
 

Rebekka Kühnis hat ihr Traumhaus zu grossen Teilen selbst gebaut. (Bild: zVg)

 

Zeichnen als Meditation
Wie hat sich ihre Familie in der Schweiz gefühlt, als sie sich hier niedergelassen hat? «Sie versteht das nicht», schmunzelt Rebekka Kühnis. «Ich kenne fast niemanden, der Island nicht aufregend findet – ausser meine Eltern.» Sie seien erst einmal bei ihr zu Besuch gewesen und interessierten sich mehr «für die Länder im Süden, mit reicher Kultur und blühender
Vegetation». Auf die Frage, ob sie ihr ganzes Leben in Island verbringen wolle, antwortet Rebekka Kühnis: «Auf jeden Fall. Ich bin hier zu Hause.» In der Schweiz hätte sie sich nie ganz wohlgefühlt, erzählt sie in perfektem Isländisch.
Wenn Rebekka Kühnis frei hat, macht sie Kunst, zu sehen auch auf rebekkakuehnis.ch. Ihre Inspiration findet sie in der Natur, die sie im Sommer zu Fuss und im Winter auf Schneeschuhen oder auf ihren Cross-Country-Skiern erkundet. «Wenn ich in der Natur bin, mache ich Fotos und benutze sie als Grundlage für die Bilder, die ich im Atelier gestalte», erklärt sie. Oft zeichnet sie ihre Landschaften mit Kugelschreiber. «Zeichnen ist ein bisschen wie Meditation», sagt sie. «Ich gehe dabei innerlich zurück in die Natur, durch die ich gewandert bin.» Das Thema Landschaften fasziniert sie seit ihrem Umzug nach Island. «In der Schweiz kommt mir die Natur im Angesicht der hohen, starren Berge oft so bewegungslos und stabil vor.» Als sie nach Island zog, sei ihr alles in der Natur viel lebendiger erschienen. «Manchmal kann ich sogar sehen, wie sich die Steine bewegen», lacht sie.

* Ásdís Ásgeirsdóttir ist Journalistin und Fotografin bei der Tageszeitung Morgunblaðið. Sie lebt in Island.

Ein Kunstbeitrag von Rebekka Kühnis ist in den Brugger Neujahrsblättern 2021 zu sehen. Sie sind Ende Januar im Verlag Effingermedien AG erschienen und können zum Preis von 28 Franken bestellt werden unter bnjb.ch.

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