«Eure Arbeit ist unbezahlbar»

Seit 1921 pflegt der Katholische Frauenbund den Zusammenhalt in Untersiggenthal. Wie, das zeigt eine Ausstellung im Ortsmuseum.

Stimmungsvoll: Im Ortsmuseum ist auch ein Festtagsgewand ausgestellt. Die hellen Bordüren wurden an einem Kurs des Frauenbundes geklöppelt. An der Wand hängen Porträts der 13 Präsidentinnen in 100 Jahren.

30. Juni 2021
15:54

Jubiläumsprogramm

Zum 100. Geburtstag hat der Frauenbund ein buntes Programm zusammengestellt. Die nächsten Veranstaltungen: Abendwanderung/Bowling im Go Easy (11. August), Referat «Rückenprobleme, aus ­verschiedenen Perspektiven ­betrachtet» mit Andrea Felder (26. August), Vereinsreise am 7. September sowie Polizeivortrag «Enkeltrick-Betrügereien» mit Patric Nussli (30. September). Auch Nichtmitglieder sind willkommen! Informationen erteilt die Präsidentin, Franziska Leibold, Telefon 056 288 31 47 oder E-Mail: franziska.leibold@sunrise.ch.

Während der Sonderausstellung wird auch im Ortsmuseum ein Rahmenprogramm geboten.
Die Finissage findet am 5. Dezember statt.

Infos: ortsmuseum-untersiggenthal.ch

Am 30. Oktober 1921 wurde im Restaurant Hirschen in Kirchdorf mit Unterstützung von Dorfpfarrer Laube der Katholische Frauenbund Siggen­thal gegründet. Keine drei Wochen später hatte der Verein bereits 381 Mitglieder. «Das war damals schon als eine kleine Explosion anzusehen», sagt die heutige Präsidentin, Franziska Leibold. Als Hauptaufgaben wurden die «Vor- und Fürsorge in der Gemeinde» definiert. Dahinter versteckt sich vor allem ein grosses soziales Engagement für die Gemeinschaft. «Aus Protokollbüchern erfuhren wir, dass viel Unterstützung geleistet wurde. So wurden etwa an Tuberkulose erkrankte Frauen ins Sanatorium nach Davos geschickt, wo sie die Krankheit besiegen konnten. Der Frauenbund sorgte dafür, dass währenddessen zu Hause die Familie versorgt war», erzählt Franziska Leibold. In den Unterlagen ist festgehalten, wie Familien mit Geld oder Lebensmitteln unterstützt wurden. Der kirchlich-karitative Fokus prägte die ersten Jahrzehnte.

Einen schönen Einblick in die Tätigkeit des Frauenbundes gewährt die neue Ausstellung im Ortsmuseum ­Untersiggenthal, welche der Verein anlässlich seines hundertsten Geburtstags organisiert hat. Die Sonder­ausstellung im ersten Stock wurde vergangene Woche feierlich eingeweiht. Marcel Meier von der Ortsmuseums-Kommission sagte bei der Vernissage: «Die Frauen haben viel im Dorf gemacht, vor allem im sozialen Bereich.» Bei ihrer Arbeit stellen sie sich stets ohne grosses Aufsehen in den Dienst ihrer Mitmenschen. Auch Reisen und zwangloses, gemütliches Beisammensein waren immer wichtig.

Franziska Leibold (r.) mit Gisela Zinn vom kantonalen Verband AKF. (Bilder: is)


Mit der Zeit gegangen

Im Laufe der Zeit hat sich der Verein immer wieder dem Zeitgeist angepasst. Die 1996 ins Leben gerufene Gruppe «Frauenzmorge» lud zu Vorträgen mit Frühstück und Zusammensein ein, doch als das Interesse schwand, wurde sie aufgelöst. Auch die Nachfrage für Stricken oder Nähen war irgendwann nicht mehr so gross. Seit 2011, als sich der reformierte örtliche Frauenbund auflöste, ist der Verein ökumenisch und für alle Glaubensrichtungen offen. Bereits in den 1970er-Jahren begann der Frauenbund, sich für weitere Bereiche des sozialen Lebens zu öffnen. Spielnachmittage für Mutter und Kind oder Kurse für Erwachsenen- und Weiterbildung wurden eingeführt.

Aus den Spielnachmittagen ist 1988 die Gruppe junger Mütter hervor­gegangen, die seit sechs Jahren unter dem Namen «Blickpunkt Eltern» als eigenständiger Verein agiert. Heute sind immer noch 203 Frauen – jeden Alters – im Katholischen Frauenbund Untersiggenthal aktiv, die mit ihrem Einsatz die Gemeinschaft im Dorf pflegen. Oder wie es Gastrednerin Gisela Zinn vom Aargauischen Katholischen Frauenbund (AKF) in ihrer Grussbotschaft bei der Vernissage formulierte: «Der Frauenbund ist ein wichtiger Faktor für den Zusammenhalt in Untersiggenthal. Dafür braucht es ein gutes Team und viel Energie – eure Arbeit ist unbezahlbar!»


Ein Raclette-Paket im Lockdown

Die Mitglieder des Frauenbundes sind in vielen Gruppen aktiv: Es gibt unter anderem eine Lotto- und Besuchergruppe für das Alterszentrum Sunnhalde, eine Besuchergruppe für Geburtstage und Krankenbesuche sowie eine Liturgie-Gruppe, die an Gottesdiensten mitwirkt und eine Maiwallfahrt an einen Ort im Kanton Aargau organisiert. Natürlich gehört auch die Handarbeit traditionell dazu. Ein altes Dokument zeigt die Anmeldung zu einem Kurs im Nähen von Knabenhosen vom Februar 1959. Eine Schaufensterpuppe trägt eine Tracht, die mit geklöppelten Bordüren verziert ist – auch sie ein Werk der wohltätigen Frauen. Auf einem grünen Kachelofen werden filigrane Krippenfiguren ausgestellt, und schwungvoll geschriebene Karten stammen aus einem erfolgreichen Kalligrafiekurs. Auf einem Bildschirm läuft der Film von einem Theaterauftritt, der anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums gedreht wurde. Fotos zeugen von Abendwanderungen, Reisen und Exkursionen.

Auch in der Corona-Pandemie war der Frauenbund aktiv. Im ersten Lockdown im April 2020 verteilte der Vorstand ein Stoffsäckli mit Raclettekäse und Kartoffeln an seine Mitglieder «für ein gemütliches Raclette!» Mit dieser Aktion unterstützte der Frauenbund einen Käser und einen Bauern der Region, die sonst gezwungen gewesen wären, ihre Ware zu vernichten. Eine weitere Aktion war ein Konsumationsgutschein vom Gasthaus Löwen an alle Mütter mit Schulkindern, die während dieser Zeit besonders gefordert waren.

Zu einem Jubiläum gehören natürlich auch Dokumente aus dem Vereinsleben. Da haben sich die Frauen zuerst schwergetan, «denn wir haben kein Archiv wie andere Vereine, und wir hatten kaum Unterlagen», erzählt Präsidentin Franziska Leibold. Die Lösung brachte erst eine Nachfrage beim Frauenbund im benachbarten Obersiggenthal – denn in den ersten fünfzig Jahren umfasste der Verein das ganze Siggenthal mit dem Zentrum in Kirchdorf. Erst 1956 erfolgte die Trennung in zwei eigenständige Sektionen durch die Gründung der Pfarreien Liebfrauen Nussbaumen und Herz-Jesu Untersiggenthal.

Der Einsatz des Frauenbundes wird in der Gemeinde sehr geschätzt. Rund 120 Gäste – darunter die Gemeinderäte Christian Gamma, Ueli Eberle und Norbert Stichert – erwiesen dem Frauenbund bei der Vernissage die Ehre. Die Band «2Michaels Ballett» mit Micha Plüss, Heddy Hedderich, Reto Fässler und Fredy Spreng sorgte für den musikalischen Rahmen der Veranstaltung. Kaum war der letzte Ton verhallt und der Apéro vorbei, setzte heftiger Regen ein. Auch Petrus hat offensichtlich Respekt vor den Untersiggenthaler Frauen. 

 

Sonderausstellung im Ortsmuseum Untersiggenthal, Kirchweg 4.
Geöffnet ab 4. Juli jeweils am ersten Sonntag im Monat von 10 bis 12 Uhr.

 

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Kommentare (1)

  • Marlies Liem
    Marlies Liem
    am 21.07.2021
    Sehr interessanter Artikel!

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