Farbenfrohe Kartonkunst

Das Leben von Rosângela de Andrade Boss ist kunterbunt. Dank einer Reise nach Brasilien ist die Farbe auch wieder in ihre Kunst zurückgekehrt.

«Kunst darf mit den Erwartungen brechen und überraschen»: Rosângela de Andrade Boss im Zimmermannhaus Brugg. (Bild: aru)

19. Januar 2022
14:00

Wenn Rosângela de Andrade Boss erzählt, könnte man stundenlang zuhören. Ihre funkelnden Augen und ihre temperamentvolle Gestik transportieren eine Lebensfreude, die sich unmittelbar überträgt. Ihre Art, über Kunst zu sprechen, ist ebenso anekdotenreich wie geerdet. «Mir ist wichtig, dass das künstlerische Werk nicht eine reine Kopfgeburt ist, sondern aus dem Leben heraus entsteht», betont die 55-Jährige. «Was ich schaffe, muss mit meinem Herzschlag, meinem Atem, meinem Körper verbunden sein.» Ich treffe die brasilianisch-schweizerische Künstlerin im Zimmermannhaus in Brugg, wo sie ihre nächste Ausstellung vorbereitet. Hier – in unmittelbarer Nähe ihres Ateliers – stellt sie nicht zum ersten Mal aus. Dennoch ist es eine Art Premiere.


Inspiriert von den Platibandas
Als Rosângela de Andrade 1996 ihre vielversprechende Karriere in Brasilien aufgab und der Liebe wegen in die Schweiz zog, war sie bemüht, sich anzupassen, sich in die Kultur und das künstlerische Umfeld hierzulande zu integrieren. «Ich wollte doch nicht auffallen wie ein Papagei», erinnert sie sich lachend. Also arbeitete sie vor allem in Schwarz-Weiss. Und hielt über Jahre hinweg daran fest, obwohl die Dozenten an der Hochschule der Künste in Zürich der Südamerikanerin ans Herz legten, ihre Begabung für die Farbe weiterzuentwickeln. Dann kam das Jahr 2017, in welchem de Andrade einen längeren Urlaub bezog und den Norden Brasiliens bereiste. Für die Kunstschaffende, die im südlichen Curitiba, der Hauptstadt von Paraná, aufgewachsen ist, eine neue Welt. Und zugleich eine vertraute. «Ich war fasziniert von der Einfachheit der Formen der Bauten, ihren archaischen Elementen, ihren Farben», erzählt sie. «Und ich hatte die nötige Zeit, um mich ganz auf diese Ausdruckskraft einzulassen.» De Andrade fotografierte Hunderte von Gebäuden mit Platibandas, so nennt man die horizontalen Bänder, die den oberen Teil eines Hauses umrahmen, um das Dach zu verbergen. Und während sie deren Farben und Formen aufsog und analysierte, wurde ihr auf einmal klar: «Das ist ein Teil von mir, den ich wieder entdecken und leben möchte.»

Es war eine tiefschürfende Erkenntnis, die sie zu ihren Wurzeln zurückführte und ihre Kunst von Grund auf veränderte. Zurück in der Schweiz, begab sie sich auf Entdeckungstour in ihr Inneres. «Ich war neugierig, wollte schauen, was nun mit mir passiert», erzählt sie. Und stiess bei diesem Prozess auf die Parfümschachteln, die sie während Jahren gesammelt hatte – wie so vieles andere auch. «Ich sehe oft Dinge, von denen ich intuitiv weiss, dass sie in meinem Leben noch einmal eine Rolle spielen werden», sagt die Künstlerin. «Diese bewahre ich dann auf, trage sie innerlich mit, und irgendwann kommt der Moment, wo sie ins Bewusstsein drängen und plötzlich Sinn machen.» Aus den Schachteln faltete sie variantenreiche Objekte – und bemalte sie. «Ich studierte die Komplementärtöne, formulierte Linien und Flächen, lotete aus, was mit diesen alltäglichen Dingen möglich war», erklärt de Andrade. Entstanden sind abstrakte Werke, die auf seltsame Weise «beseelt» scheinen und an die archaische Formensprache Südamerikas erinnern. «Ich habe gar nicht daran gedacht», schmunzelt sie. «Aber jetzt, wo ich sie so vor mir sehe, entdecke ich tatsächlich meine Wurzeln darin.»


Keine Augen für die Mona Lisa
Zu experimentieren, zu forschen und Neues zu wagen, ist das Lebenselixier von Rosângela de Andrade. «Kunst darf mit den Erwartungen brechen und überraschen», betont sie. Und erzählt von der Reaktion des Hauswarts, dem einen Moment lang der Atem stockte, als er sah, dass sie für ihre Ausstellung, die morgen Freitag eröffnet wird, zwei Säulen im Zimmermannhaus zersägt hat. Eine weitere Säule hat sie mit Pfeilen durchbohrt – eine Hommage an das Bild von Mantegna, das im Schlafzimmer ihrer Grossmutter hing und dessen Original sie als 22-jährige Kunststudentin im Louvre erblickte. «Ich war derart fasziniert von diesem Bild, das Teil meiner Kindheit war, dass ich keine Augen mehr für die Mona Lisa hatte», lacht sie.

Dass sie die Säulen in ihre Ausstellung miteinbezog, entsprang einem spontanen Einfall, den sie weiterverfolgte und der ihr intensive Arbeitstage bescherte. «Hätte ich gewusst, dass es so aufwendig wird, hätte ich es nicht gemacht», erzählt sie – und weiss zugleich, dass sie es trotzdem gemacht hätte. «Schauen wir mal» ist zu ihrem Credo geworden – sowohl im Atelier als auch an der Bezirksschule Wettingen, wo sie Bildnerisches Gestalten unterrichtet. Das halte ihre Neugierde auf das Leben wach, sagt sie. «Die Schüler stellen Fragen, auf die es keine fixen Antworten gibt. Sie fordern mich nicht nur als Kunstpädagogin, sondern auch als Mensch», erklärt de Andrade. Ein reine Ateliertätigkeit wäre nichts für sie gewesen. «Ich brauche diesen lebendigen sozialen Rahmen, den Alltag, das pralle Leben. Aus ihm heraus entsteht meine Kunst.»


Vernissage: Freitag, 21. Januar, 18 bis 21 Uhr
Zimmermannhaus, Brugg
zimmermannhaus.ch

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