Forschen zwischen Himmel und Erde

Im Zimmermannhaus Brugg begegnen sich die Werke von Simon Ledergerber und Marianne Engel. Ins Gespräch kamen auch die beiden Kunstschaffenden.

Simon Ledergerber vor dem Wurzelwerk des «Gras-Wasen», aus dem bereits neue Pflanzen spriessen
Simon Ledergerber vor dem Wurzelwerk des «Gras-Wasen», aus dem bereits neue Pflanzen spriessen (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

23. Mai 2019
09:00

Ganz in der Stille – beginnt die künstlerische Arbeit von Marianne Engel und Simon Ledergerber. Sie in ein Gespräch zu transformieren, Worte zu suchen für das, was in ihren Werken nach Ausdruck sucht und angedockt ist an die in der Tiefe wirkenden Kräfte zwischen Himmel und Erde, fällt den beiden nicht einfach an diesem Donnerstagabend Mitte Mai im Zimmermannhaus. Der Wortwechsel, moderiert von Kunsthistorikerin Ursula Meier, hat rund zwanzig Interessierte in die aktuelle Ausstellung geführt. Das Gespräch, als lockerer Austausch zwischen Publikum, Künstlern und Kunsthistorikern gedacht, beginnt im von Simon Ledergerber gestalteten Raum. 

 

Graben nach Gold

Unter dem Titel «Die Welt ist noch nicht gemacht?» zeigt der Zürcher Künstler dort eine schwarz-weisse Bildserie, die inspiriert ist von abgerissenen und überklebten Plakaten an Werbewänden. «Wenn ich mit der Arbeit beginne, suche ich zuerst die Ruhe», erzählt Simon Ledergerber. Er arbeite gerne früh morgens oder abends spät. «Dann ist nichts mehr da, auch kein Licht», erklärt er. Nach diesem ersten meditativen Schritt gehe er in Interaktion mit der Umgebung. Stets bleibe er dabei forschend. «Und wenn ich das Gefühl habe, da ist das Gold begraben, dann gehe ich dem nach», berichtet er. 

Ein grosser Teil seines Schaffens ist dem Experimentieren gewidmet. Durch die Beobachtung findet der Künstler weiter, es gibt eine Rückmeldung, aus dieser wieder neue Erkenntnisse. «Wenn man arbeitet, entstehen fortwährend neue Fragen», ist Ledergerber überzeugt. Er versuche, an die Grenze zu kommen zwischen dem, was er verstehe und dem, was er (noch) nicht verstehe. «Die Unendlichkeit muss ein Teil sein des Werks – darum geht es mir», fasst er den universellen Charakter seines Schaffens zusammen. Dass dieser Ansatz oft in Diskrepanz steht zur heutigen Kunstwelt, wo für eine Ausstellung und Wettbewerbe Konzepte gefordert sind, bevor ein Werk entstehen kann, macht Ledergerber zu schaffen. «Diese Verkopfung der Kunst steht der Erfahrung diametral entgegen», bringt er es auf den Punkt. Um dem zu folgen, worum es im Kern gehe, sei es wichtig, den Prozess fliessen zu lassen. «Geh weg von dem, was du im Kopf hattest, und folge dem, was wird», so das Credo des Künstlers.

 

Wissen um den richtigen Moment

Im zweiten Stock erwartet das Reich von Marianne Engel die Besucher, angelegt wie eine sinnliche Wunderkammer aus Pflanzen, ausgestopften und gegossenen Tieren, leuchtenden Pilzen und Fotografien. «Ich lebe sehr eng mit meinen Tieren zusammen und bin sehr wohl mit ihnen», erzählt die Etzwiler Kunstschaffende. Ihr Schaffen kreise um umfassende Themen wie «Leben und Tod, das grösste Geheimnis», so Engel. Dabei forscht die Künstlerin auch in tabu-besetzten Bereichen wie Verwesungsprozessen. Wie Simon Ledergerber findet auch Marianne Engel Worte für das instinktive Wissen um den richtigen Moment. «Wenn ich nach dem Entwickeln meine eigene Fotografie zum ersten Mal sehe und dabei so überrascht bin, dass ich atemlos werde, dann hat das Werk Kraft», erklärt sie. Um diesem Moment näher zu kommen, fotografiere sie meist in der Dämmerung oder in der Nacht. «So behält das Bild etwas Spontanes, Unbeholfenes, und ich kann mich von ihm überraschen lassen», sagt Engel. So wird die Kunst – ganz in der Stille.
 

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