«Frauen politisieren einfach anders»

Mit Vizeammann Regula Dell’Anno-Doppler, Ruth Müri und der Neugewählten Steffi Kessler sind wieder drei Frauen im Stadtrat vertreten.

Steffi Kessler, Vizeammann Regula Dell’Anno-Doppler und Ruth Müri vor dem Stadthaus in der Rathausgasse. (Bild: is)

05. Januar 2022
10:29

Persönlich

Regula Dell’Anno-Doppler (57, SP) ist seit 2014 im Stadtrat, seit 2018 Vizeammann. Ihr Ressort: ­Gesellschaft. Die diplomierte Übersetzerin lebt mit ihrem Mann in Dättwil und hat zwei erwachsene Töchter. 

Ruth Müri (51, Team Baden) ist seit 2013 im Stadtrat und betreut das Ressort Bildung und Sport. Die diplomierte Geografin lebt mit ihrem Mann und zwei bald
erwachsenen Töchtern in Dättwil.

Steffi Kessler (40, SP) ist seit dem 1. Januar 2022 im Stadtrat, wo sie das Ressort Kultur von Vorgänger Erich Obrist übernimmt. Sie ist ­ledig, lebt in der Altstadt und arbeitet Teilzeit auf der Geschäftsstelle des Aargauer Kuratoriums.

Steffi Kessler wechselt von der ­Legislative in die Exekutive.
Haben Sie, Ruth Müri und Regula Dell’Anno-Doppler, Tipps für Ihre neue Stadtratskollegin?

Regula Dell’Anno-Doppler: Das ist defintiv ein Rollenwechsel, der bewusst gemacht werden muss. In der Exekutive schauen wir die Themen unter anderen Aspekten an. Aber da wirst du hineinwachsen.

Ruth Müri: Ich erinnere mich noch, als ich 2013 nach siebzehn Jahren im Einwohnerrat in den Stadtrat wechselte. Ich dachte, in der Politik kenne und weiss ich alles – weit gefehlt! Mein Tipp: Wir Frauen haben immer das Bedürfnis, alles perfekt zu machen und möglichst allen Ansprüchen zu genügen – und an uns selber stellen wir oft noch höhere Anforderungen. Da ist es wichtig, auch mal Mut zur Lücke zu haben und sich auf gewisse Dinge zu fokussieren. Perfektionismus ist da schlecht. Zudem müssen wir lernen, es nicht immer allen recht machen zu können. Man stösst immer irgendwie jemanden vor den Kopf. Das müssen wir einfach akzeptieren 

Dell’Anno-Doppler: … und den Mut haben, uns zu entscheiden. Wir können uns im Stadtrat nicht enthalten. Wir müssen unsere Haltung finden und dabei bleiben. Zudem finde ich es wichtig, das Know-how bei anderen abzuholen, wenn Fragen zu klären sind. Sich nicht abkapseln, obwohl der Job als Exekutivmitglied relativ einsam ist – sehr vieles ist vertraulich. Da darf man sich nicht zu sehr zurückziehen, auch innerhalb des Gremiums.


Und wie gehen Sie mit der neuen Rolle um, Steffi Kessler?

Das ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle. Ich kenne die Badener Kulturszene sehr gut. Das ist sicher ein Vorteil. Deshalb freue ich mich auch, dass ich das Ressort Kultur übernehmen kann. Und es verschafft mir in der ersten Phase ein wenig Luft für die anderen Bereiche, in die ich mich noch einarbeiten werde. Ich spürte aber schon im Wahlkampf, dass ich nun vermehrt eine öffentliche Person bin und gewisse Erwartungen an mich bestehen. Das war im Einwohnerrat zwar auch schon so, aber noch nicht so personifiziert wie jetzt.

Müri: Ja, das ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Mir fiel das damals auf, als mich nach meiner Wahl die Verkäuferin im Schuhladen plötzlich mit Frau Müri ansprach. Das fand ich speziell.

Kessler: Auch ich merke, dass mich Leute zum Teil anders anschauen.

Müri: Man gewöhnt sich daran. Und in der Stadt ist es trotz allem noch einfacher als in einem Dorf auf dem Land. Manchmal laufe ich durch die Badstrasse und kenne fast niemanden. (lacht)


In der neuen Legislatur sind nun wieder drei Frauen im Stadtrat ­vertreten. Wie ist das für Sie?

Dell’Anno-Doppler: Mit 3/7 sind wir wieder näher an der effektiven Geschlechterverteilung in der Gesellschaft; gemischte Teams funktionieren in einer Exekutive auch zweifellos besser aufgrund der vielfältigeren Inputs. In dieser Vielfalt liegt die Stärke. Frauen politisieren einfach anders. Wir bringen andere Gedanken ein und sehen vieles aus anderer Perspektive.

Müri: Frauen haben eine andere Lebenserfahrung und einen anderen Lebensweg als Männer. Aber es ist wichtig, dass alle vertreten sind.

Kessler: Das Thema fand ich auch im Wahlkampf spannend. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir ganz andere Gedanken gemacht habe als viele Männer, mit denen ich im Austausch war. Meine Fragestellungen und Überlegungen gingen in eine ganz andere Richtung.


Zum Beispiel?

Kessler: Ich habe mir viel mehr Gedanken gemacht und mich hinterfragt: Kann ich das? Ist das der richtige Moment? Bei Männern hatte ich den Eindruck, die waren viel selbst­bewusster unterwegs. Ich hingegen habe sehr viel Zeit in diese Fragen investiert. Männer sind da schnell klarer. Diese Selbstreflexion finde ich aber auch wichtig und relevant. Spannend war zudem, welche Fragen mir gestellt wurden. Sofort kam auch die unausweichliche Frage, die nach dem Rücktritt von Sandra Kohler immer auftaucht: «Wie lange machst du es?» Da staunte ich schon – man geht mit Männern anders um.

Müri: Oder auch der Klassiker, die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Politik. Als ich vor acht Jahren gewählt wurde, war die erste Frage der Journalisten, wie ich Beruf, Familie und Politik unter einen Hut bringe. Männer werden ­sicher nie danach gefragt. Das zeigt schon, dass da noch Handlungsbedarf besteht.

Dell’Anno-Doppler: Eigentlich sind wir erst am richtigen Punkt, wenn das kein Thema mehr ist, dass wir jetzt wieder drei Frauen sind. Ich sehe unsere Rolle im Stadtrat so, die Vielfalt in diesem Gremium zu zeigen, möglichst vielfältig zu denken. In meinen Ressorts heisst das auch, die zu vertreten, die keine Stimme haben, vielleicht eher am Rand der Gesellschaft stehen oder die älteren, vulnerablen Menschen. Die grosse Aufgabe ist, unsere Gedanken und Erfahrungen in die Diskussion um alle Themen einzubringen und zusammen das Wohl der Bevölkerung so breit wie möglich zu berücksichtigen.

Kessler: Ich habe schon das Gefühl, dass ein Prozess der Veränderungen im Gang ist, auch in den Fraktionen. Manchmal sind es ganz kleine Schritte. Im Einwohnerrat diskutierten wir hart und emotional über gendergerechte Bezeichnungen. Aber es zeigte auch, was es mit einem macht, und es führte zu weiteren Gesprächen.

Müri: Die Gesellschaft hat sich auch weiterbewegt. Meine Töchter sind jetzt 17 und bald 19. Wir stehen heute an einem anderen Ort als vor zwanzig Jahren. Es dauert halt einfach sehr lang, manchmal zu lange.


Ist die Zeit reif für eine Frau Stadtammann oder eine Stadtpräsidentin?

Dell’Anno-Doppler: Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird, auch innerhalb der Parteien. Doch dieses Amt ist mehr als ein 100-Prozent-Job, da muss alles passen ...

Kessler: ... überlegt man sich als Frau ... (lacht)

Müri: Unabhängig davon, ob Mann oder Frau: Es muss einfach ein guter, fähiger Mensch sein.

Dell’Anno-Doppler: In den kommenden drei Jahren wird sich ja im Idealfall diese Frage nicht mehr stellen.


A propos: Wie hoch ist Ihr Pensum?

Müri: Ich bin ja auch Grossrätin und habe von Amts wegen weitere Mandate. Meine Aufgaben erfüllen mich sehr. Zudem braucht die Familie Zeit, selbst wenn die Kinder schon fast erwachsen sind. Also bin ich hauptamtlich Politikerin. Als Geografin arbeite ich nicht mehr.

Kessler: Im Moment behalte ich meine Anstellung beim Kuratorium des Kantons Aargau, habe aber das Pensum etwas reduziert und bin jetzt mehr im Hintergrund. Für mich ist das hier ein Neustart, und ich muss herausfinden, wie alles läuft. Es ist eine Herausforderung, mit all den Terminen zu jonglieren. Ich bin meinem Arbeitgeber total dankbar, dass er mir diese Flexibilität ermöglicht.

Dell’Anno-Doppler: Auch ich bin ja im Grossen Rat, wo die Belastung sehr unterschiedlich ist. Ab und zu mache ich noch Übersetzungen. Aber ich habe ebenfalls diverse Mandate, die mit dem Amt verbunden sind. Ich versuche jedoch, einen bis anderthalb Tage pro Woche freizunehmen. Die Stadtratssitzungen finden jeweils am Montagvormittag statt. Das Wochenende ist daher stets gefüllt mit Nachbereitungen der vergangenen und Vorbereitung für die kommende Woche.


Wie strikt ziehen Sie das durch?

(lacht) Nicht wirklich – das geht gar nicht. Grundsätzlich ist so ein Mandat ja ein Fass ohne Boden. Man könnte sich immer wieder irgendwo vertiefen und Inputs geben, neue Ideen aufgreifen.

Müri: Mal freizunehmen, muss ja auch möglich sein, es ist ein Teilamt. Das hat viel mit Organisation zu tun. Und manchmal muss man sich auch abgrenzen.


Steffi Kessler, wie klingt das für Sie?

Ich habe mich gerade gefragt, ob das auch so ein Männer-Frauen-Ding ist. Unsere Stadtratskollegen haben ja – mit Ausnahme von Stadtammann Markus Schneider – alle noch einen anderen Job.


Die neue Legislatur bringt vor allem für Sie, Regula Dell’Anno, zusätz­liche Aufgaben mit sich.

Dell’Anno-Doppler: Durch die neue Verwaltungsorganisation habe ich nun insgesamt acht Kompetenzbereiche und eine neue Person als Abteilungsleiter. In meinem Ressort wird der ganze Lebensbogen zusammengefasst, von der Geburt bis zum Tod. Das ist sehr spannend und eine grosse Chance. Die einzelnen Bereiche, die bisher zum Teil fast nichts miteinander zu tun hatten, zu entwickeln und innerhalb der neuen Abteilung eine neue Kultur zu finden, das wird sicher Zeit brauchen. 

Kessler: Auch in der Kultur gibt es einen Wechsel. Ende Februar verlässt der langjährige Leiter Patrick Nöthiger die Abteilung, und Monika Schmon Fuchs übernimmt. Für mich steht momentan im Vordergrund, meine neue Rolle zu finden. Das hat viel mit Zuhören, Fragenstellen und Austausch zu tun. Was aufgrund von Corona derzeit schwierig ist ... Ein kultureller Höhepunkt wird sicher das Bäderfest, aber auch das Museum Langmatt ist ein grosses Thema. Dort werde ich ja im Stiftungsrat Einsitz haben.


Welche Schwerpunkte setzen Sie in Ihrem Ressort, Ruth Müri?

Das Ressort heisst ja neu Bildung und Sport, damit wollen wir dem Sport mehr Gewicht verleihen. Ich hoffe, dass wir da Neues initiieren, aber auch Bestehendes verbessern können. Die Umsetzung der neuen Führungsstrukturen in der Volksschule ist sicher ein wichtiges Thema. Das war ein grosser Prozess, alles aufzugleisen. Jetzt starten wir, ich bin gespannt und freue mich darauf. Am 14. Januar findet die erste Sitzung des neuen Ausschusses Bildung statt.


Corona beschäftigt die Schulen derzeit sehr stark …

… ich hörte auch munkeln, dass es Familien gibt, die aufgrund der Maskenpflicht ab der 1. Klasse auf Homeschooling umsatteln wollen. Es ist sehr wichtig, dass die Schulen offen bleiben, deshalb finde ich die Maskenpflicht sinnvoll. Gut war, eine Woche vor Weihnachten schon zu schliessen, denn das System war wegen der vielen Erkrankungen recht am Anschlag.

Kessler: Auch in der Kultur hört man vielerorts, dass Institutionen wieder die Angst der Menschen zu spüren bekommen. Die Leute sind zurückhaltender. 

Dell’Anno-Doppler: In meinen Ressorts hatte Corona andere Auswirkungen. Gerade in den Altersinstitutionen waren wir sehr gefordert. Zu Beginn galten vor allem die alten Menschen als besonders gefährdet. Dann kam das Thema der Vereinsamung. Zum Glück sind wir heute dank der Impfung an einem anderen Punkt als vor einem Jahr. Das stimmt mich optimistisch. Jetzt ist es aber auch für die ­Jungen sehr wichtig, die psychische Gesundheit zu erhalten.   


Zum Schluss: Welche guten Vorsätze haben Sie für das Jahr 2022 gefasst?

Dell’Anno-Doppler: Flexibel bleiben, den Optimismus nicht verlieren, Chancen nutzen – privat wie beruflich.

Kessler: Eine gute Work-Life-Balance zu halten. Zeit für Familie und Freunde sowie mehr Bewegung zu haben. Politisch möchte ich gut in meine neue Aufgabe eintauchen.

Müri: Privat habe ich mir vorgenommen, jeden Tag durchschnittlich 10 000 Schritte zu gehen. Im Amt möchte ich mich weiterhin mit voller Kraft für die nachhaltige Entwicklung unserer Stadt, für Klimaschutz, Gleichstellung und eine weltoffene Gesellschaft einsetzen.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Sie leben für Gastlichkeit à point

Das Wirtepaar Penna beglückt Brugg mit italienischer Spitzenküche, Wein aus… Weiterlesen

Teamwork auf höchstem Niveau

Mondioring zählt zu den anspruchsvollsten Disziplinen im Hundesport. Am… Weiterlesen

region

Schlegel schlug ein wie der Blitz

Der 19-jährige Werner Schlegel aus Hemberg im Toggenburg ­dominierte seine… Weiterlesen

region

Vier kurze Stücke zum Geburtstag

Der Thespiskarren ist wieder im Einsatz. Die «Badener Maske» spielt darauf die… Weiterlesen

region

Per Velo die Region erkunden

Der Slow-up lädt am Sonntag dazu ein, im autofreien Ambiente durch die Region zu… Weiterlesen