Gemeinschaft gibt Identität

Daniela Fleischmann wird für ihr Engagement zugunsten des christlichen Sozialwerks Hope und der Notschlafstelle in Baden gewürdigt. Sie gibt Menschen Hoffnung.

Daniela Fleischmann vor dem Hope an der Stadtturmstrasse (Bild: cl)

von
Claudia Marek

02. Oktober 2019
09:15

AKF-Frauenpreis

Der AKF-Frauenpreis ist eine Auszeichnung zur Förderung und Unterstützung von Institutionen oder Einzelpersonen, die sich für das Wohl von Frauen und Kindern einsetzen. Die Preissumme in der Höhe von 20 000 Franken stammt aus dem Verkaufserlös des Lungen­sanatoriums Sanitas in Davos, welches 1916 vom Aar­gauischen Katholischen Frauenbund mitbegründet worden war. 

Das christliche Sozialwerk Hope in Baden widmet sich Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Das Hope fördert Gemeinschaft und Inte­gration. Es ist kurz vor Mittag. Die Tische im Restaurant sind einladend gedeckt. Es riecht verführerisch aus der Küche. Für 12 Franken bekommen die Gäste ein Vier-Gang-Menü. Das öffentliche Restaurant ist gut besucht. Rund 33 Mittagessen werden täglich verkauft. Eine dicke Suppe gibt es für alle gratis. Neben dem Restaurant ist auch ein Wohnzentrum integriert. Dort können Menschen maximal sechs Monate lang wohnen. Mitarbeiter des Hope helfen den Betroffenen, so schnell wie möglich eine neue Bleibe zu finden. Am 1. September konnte auch eine Notschlafstelle eröffnet werden.

 

Handeln, nicht reden

Seit 2007 ist Daniela Fleischmann Geschäftsführerin des Sozialwerks Hope. Sie liebt ihre Arbeit. «Ich arbeite mit einer Riesenfreude», versichert sie. Das Hope ist ihr ein «Herzensanliegen». Und sie habe ein wunderbares Team: «Es unterstützt mich in allen Belangen, auch da, wo ich Schwächen habe», betont sie. 

Daniela Fleischmann empfindet ihre 50-Stunden-Woche nicht als einen «Chrampf», wie sie erzählt. Sie trägt eine grosse Verantwortung, weist aber deutlich darauf hin, dass das Hope Gott gehöre. Sie zeigt auf ein Bild, das an der Wand hängt. Es zeigt ein Schiff, gemalt von einem blinden Stammgast. «Das Schiff gehört Gott, ich bin der Kapitän und fahre mit meinem Team dahin, wohin er will», sagt sie. Im Hope wird aber nicht missioniert. «Wir respektieren Menschen, die nichts über den Glauben hören wollen», betont Daniela Fleischmann. «Unsere Art, Gottes Liebe zu zeigen, ist zuzuhören, zu handeln und zu helfen, also Diakonie», ergänzt Fleischmann.

 

Das grösste Problem ist die Einsamkeit

Im Hope arbeiten 22 Angestellte und 80 Freiwillige. «Unsere Freiwilligen leisten einen enorm wichtigen Beitrag», betont Daniela Fleischmann. «Sie nehmen sich Zeit für die Menschen, hören zu und sind ganz einfach da.» Sich Zeit zu nehmen für jemanden, das könne man sich sonst in der heutigen Zeit nicht mehr leisten. «Das grösste Problem unserer Gesellschaft ist die Einsamkeit», sagt Daniela Fleischmann. «Deswegen erachten wir es als unsere Hauptaufgabe, die Menschen wieder sozial zu integrieren.» Ein Mensch, der sich von der Gesellschaft zurückziehe, verliere an Identität. «Ich brauche mein Gegenüber, um zu wissen, wer ich bin», so Fleischmann. «Wir Menschen sind für die Gemeinschaft gemacht», ist sie überzeugt. Der «Hope-Treffpunkt» leistet dazu einen wichtigen Beitrag.  Dort findet man über 40 Angebote: Vom gemeinsamen Spaghetti-Plausch über das offene Singen bis zur Strick- oder Werkgruppe. Viele Menschen finden dort wieder eine Struktur, Gemeinschaft und sinnvolle Tätigkeit.

 

Endlich eine Notschlafstelle

Der Verein Notschlafstelle und das Sozialwerk Hope konnten am 1. September die erste Notschlafstelle im Aargau eröffnen. «Ich bin froh, dass ich die Leute nicht mehr auf die Stras­se setzen muss», sagt Daniela Fleischmann. Vom ersten Tag an wurde das Angebot von Obdachlosen genutzt. «Es gibt immer wieder Menschen, die in unserer Gesellschaft durchs Netz fallen», weiss die Preisträgerin. Suchtbetroffene, psychisch kranke Menschen, aber auch Menschen, die ausgewandert sind und nun mittellos und obdachlos heimkehren, suchen im Hope ein warmes Bett. 

Die Notschlafstelle ist von Spenden abhängig. «Der Kanton findet, der Bedarf einer Notschlafstelle sei bei uns nicht gegeben», sagt Daniela Fleischmann. «Jetzt schauen wir selber, wie der Bedarf ist», führt sie aus. Das Projekt sei auf drei Jahre limitiert. Danach sehe man weiter. Wie es für sie persönlich in drei Jahren weitergeht, weiss die 61-Jährige genau. Dann wird sie pensioniert. «Mein Mann und ich freuen uns auf gemeinsame Reisen und mehr Zeit für die Enkel», so Fleischmann. 

 

«Ich freue mich über den Preis»

Daniela Fleischmann freut sich, dass sie für den AKF-Frauenpreis ausgewählt wurde. Andererseits gebe es Menschen, die viel mehr «chrampfen» müssen, um etwas zu erreichen. Die Arbeit mache ihr grosse Freude. «Ich bin Sozialarbeiterin und gebe in meinem Beruf mein Bestes», so Fleischmann. Aber natürlich freue sie sich über die Wahl, und auch ihre Familie freut sich sehr. Was sie mit den 20 000 Franken mache, wisse sie noch nicht. «Gott wird es mir zeigen», sagt sie selbstverständlich. Die Preisverleihung findet am Freitag, 8. November, um 18 Uhr im Hope Baden, Stadtturmstrasse 16, statt.

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