Generalstreik führte zu Verbandsgründung

Der Zusammenschluss der Brugger Industriellen, der heutigen AIHK Region Brugg, war eine direkte Folge des Landesstreiks im Jahr 1918.

Landesstreik im November 1918: Die Arbeitswilligen in Brugg werden von Armeetruppen beschützt
Landesstreik im November 1918: Die Arbeitswilligen in Brugg werden von Armeetruppen beschützt (Bilder: zVg)

von
Stefan Haller

08. März 2018
09:00

Jubiläumsanlass AIHK Region Brugg

Heute Donnerstag, 8. März 2018, findet nach der 100. Generalversammlung der Aargauischen ­Industrie- und Handelskammer AIHK Region Brugg der Jubiläums­anlass im Campussaal Brugg-Windisch, also rund 200 Meter Luft­linie vom einstigen Gründungsort «Füchslin» entfernt, statt. Angemeldet sind prominente Gäste aus Wirtschaft und Politik. Durch den Abend führen wird SRF3-Moderatorin Judith Wernli. Für die musikalische Umrahmung sorgt der Swinging Jazz Circus. Als Gast­redner konnten Landstatthalter Urs Hofmann, Remo Lütolf (Vorsitzender der Geschäftsleitung von ABB Schweiz) sowie Grossrat und Historiker Titus Meier gewonnen werden. 

Von den 19 Gründungsmitgliedern des einstigen Verbandes der Industriellen von Brugg und Umgebung, die am 14. November 1918 im Hotel Füchslin, Brugg, dabei waren, bestehen folgende Firmen vollständig oder in Teilen bis heute weiter: Wartmann Valette & Cie., Kabelwerke Brugg AG, AG Hunziker & Cie., Chemische ­Fabrik AG, Effingerhof AG.

Diese Tatsache wird bestätigt durch die Aufzeichnungen des ehemaligen Kabelwerke-Direktors Walter Dübi, die Präsident Andreas Heinemann im Archiv der AIHK Region Brugg gefunden hat. Die spannenden und aufschlussreichen Schilderungen des Zeitzeugen zur Vorgeschichte und Entstehung des Verbandes der Industriellen von Brugg und Umgebung stammen aus dem Jahre 1958, also 40 Jahre nach den Ereignissen. Heinemann hält sie deshalb für speziell bemerkenswert, da Walter Dübi die Geschehnisse des Landesstreiks aus Sicht eines Arbeitgebers schildert, der stets auch das Wohle der Arbeitnehmer im Blick hatte. Der im Volksmund «Vater Dübi» genannte Kabelwerke-Direktor war auch einer der Mitinitianten zur Gründung des Bezirksspitals Brugg im Jahr 1912 gewesen. 


Erinnerungen von «Vater Dübi»

Walter Dübi, der 1911 bei Kabelwerke Brugg eintrat und später deren Verwaltungsratspräsident war, befand sich unter den Gründungsmitgliedern der heutigen AIHK. Dübi schildert, wie unter dem Druck der Verhältnisse während dieses Streiks die Arbeitgeber täglich im Hotel Füchslin – dieses befand sich am Ort des heutigen Neumarkts 2 – zusammenkamen, um gemeinsam über Vorkehrungen zu beraten und zu beschliessen. «Als wohl einzige unter uns, welcher schon bei der Gründung des Verbandes der Industriellen von Brugg und Umgebung mitgewirkt hat, möchte ich hier einige Erinnerungen bringen aus jener bewegten Zeit», so Dübi. Nachfolgend sein Text: «Der Zusammenschluss der Brugger Industriellen war eine direkte Folge des Landesstreikes im November 1918. Unter dem Druck der Verhältnisse während dieses Streiks sind die Arbeitgeber täglich im Füchslin zusammengekommen, um gemeinsam über die zu treffenden Vorkehrungen zu beraten und zu beschlies-
sen. 

Zur Vorgeschichte des Landesstreiks sei noch kurz auf Folgendes hingewiesen: Unter der Führung von Nationalrat Grimm fand im September 1915 in Zimmerwald eine internationale Sozialisten-Konferenz statt, an welcher auch Lenin, Trotzky und Sinowiew mitwirkten. Es nahmen daran teil: 30 Delegierte aus Deutschland, Frankreich, dem Balkan, Westeuropa und den skandinavischen Ländern, sowie aus der russischen Emigration. Für Lenin, den späteren mächtigen Diktator in Russland, war die Einreisebewilligung in die Schweiz von Grimm bei den schweizerischen Behörden erwirkt worden.

Lenin stellte, in Zimmerwald schon, die These auf, die Arbeiterschaft solle den Krieg in einen Bürgerkrieg, mit völligem Umsturz, umgestalten. In den Ostertagen 1916 folgte dann eine zweite Konferenz in Kiental, mit der gleichen Tendenz. Im Frühjahr 1917 fuhr Grimm nach Russland, wo er sich erneut mit seinen Gesinnungsgenossen besprach. Daraufhin wurde, im Jahr 1918, das sogenannte «Oltener Aktionskomitee» gebildet, bestehend aus Nationalrat Grimm, Emil Düby, dem Generalsekretär des Bundesbahnpersonals, dem Polizeidirektor Schneeberger und andern.

Dieses Aktionskomitee inszenierte am 9. November 1918, den vorerst auf 24 Stunden begrenzten Proteststreik, welcher in der ganzen Schweiz, mit Einschluss der Bundesbahnen, eingehalten wurde. 

Eine Delegation des Oltener Aktionskomitees, geführt von Grimm, stellte dem Bundesrat ultimative Forderungen und verlangte die sofortige Neuwahl des Nationalrates und die vollständige Umbildung der Landesregierung.

Am 11. November setzte Grimm in Bern den Beschluss durch, den unbefristeten Landesstreik zu proklamieren und verfasste seinen «Aufruf an das arbeitende Volk der Schweiz». Danach begann, in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1918, der allgemeine Landesstreik. Dieser wurde von sämtlichen Gewerkschaften in der ganzen Schweiz befolgt, und die Bahnen wurden stillgelegt.

Vom Bundesrat wurden Truppen aufgeboten, welche überall in Aktion traten zur Aufrechterhaltung der Ordnung. Zum Schutze Berns und des Bundeshauses war ein Freiburger Infanterie-Bataillon eingesetzt worden. Die eidgenössischen Räte, welche zu einer ausserordentlichen Session einberufen waren, hatten die grösste Mühe, durch die Streikposten hindurch ins Bundeshaus zu kommen. Professor Laur sagte später einmal, er habe sich direkt geniert, damals nur durch eine Hintertüre ins Bundeshaus gelangen zu können.

  • Walter Dübi
    Walter Dübi
  • Ing. Rudolf Wartmann-Füchslin
    Ing. Rudolf Wartmann-Füchslin

Maschinengewehre in Brugg

In Brugg war die Situation die folgende: Nachdem der Streik vom 9. November vorerst nur für 24 Stunden proklamiert war, fügten sich alle Arbeitgeber und hielten die Fabriken geschlossen, ohne dass ein Versuch gemacht wurde zur Aufrechterhaltung der Betriebe. Als aber dann am 11. November der unbefristete Landesstreik einsetzte, trafen die Arbeitgeber gemeinsame Vorkehrungen, um die Betriebe nach Möglichkeit aufrecht zu erhalten und die Arbeitswilligen zu schützen. Einige Betriebe mussten ganz geschlossen bleiben. In Lupfig war eine Schwadron Dragoner stationiert, bereit zum Eingreifen. Dazu war die Landsturmkompanie I/46 für Brugg aufgeboten, und in der Stadt waren mehrere Maschinengewehre aufgestellt.

An den täglichen Sitzungen im Füchslin wirkten namentlich mit: ­Direktor Baumgartner, Dir. Brentano senior, Dir. Breimaier, W. Dübi, Prokurist Fischer, Paul Haase, Hans Hunziker, Dr. Alfred Keller, Otto Seeberger, Traugott Simmen senior, Ulrich Strasser senior, Direktor Vogt, Dir. Wächter, K. Walther, Ingenieur Rudolf Wartmann senior und andere.

Auch Mitglieder des Stadtrates nahmen zeitweise an diesen Besprechungen teil. Von der Streikleitung wurde an den Stadtrat die Forderung gestellt, es solle durch Abstellen des elektrischen Stromes, die Stilllegung sämtlicher Betriebe erwirkt werden, womit einzig schwere Konflikte zwischen den Streikenden und den Arbeitswilligen vermieden würden. Dieses Ansinnen wurde vom Stadtrat selbstverständlich kategorisch abgelehnt. 

Unter der Führung von Ingenieur Rudolf Wartmann-Füchslin wurde, in Verbindung mit dem Militär, ein Patrouillendienst organisiert. Die Arbeitswilligen begaben sich in den umliegenden Ortschaften morgens auf die vereinbarten Gemeinde-Sammelplätze. Dort wurden sie von den Kavalleriepatrouillen abgeholt, in die Brugger Betriebe begleitet und abends wieder nach Hause geführt. Mittags wurden sie in den Fabriken verpflegt.

Während der ganzen Dauer des Streiks waren im ganzen Land die Bahnen lahmgelegt. In unserer Gegend wurden nur vereinzelte Züge von den wackeren und unerschrockenen Zug- und Lokomotivführern Pfrunder, Dubach, Peyer und Hauser geführt. Dass sie alle Mitglieder des S.A.C. waren, weist auf ihre vaterländische Gesinnung hin.

Der Landesstreik dauerte bis zum 14. November 1918, nachts 12 Uhr, an welchem Tage er vom Oltener Aktionskomitee abgeblasen wurde; er war für die Streikenden resultatlos verlaufen.


Brugger «Antistreik-Komitee»

Nach Abbruch des Streiks wurde in der letzten Sitzung im Füchslin, des Brugger «Antistreik-Komitees» von Hans Hunziker die Anregung gemacht, man solle den gewonnenen guten Kontakt zwischen den Arbeitgebern nicht fallen lassen, sondern im Gegenteil für jetzt und in Zukunft konsolidieren. Daraus ist dann am 14. November 1918 der «Verband der Industriellen von Brugg und Umgebung» entstanden, über dessen Existenz wir uns alle zusammen freuen.

Soviel über die Gründungs- und die Entstehungsgeschichte unseres Verbandes. Erwähnt sei noch, dass wir am 6. Januar 1939 das 20jährige Jubiläum gefeiert haben. Am 7. Januar 1939 war darüber im Brugger Tagblatt zu lesen (in wesentlich gekürzter Form): «Das Feuerwerk, das wir soeben im Kabelwerk abgebrannt haben, möge auch gelten zu Ehren des 20jährigen Jubiläums, welches wir mit einer nur kleinen Verspätung zur Zeit begehen können.» – «Mit diesen Worten leitete am vergangenen Freitagnachmittag der Präsident W. Dübi den Tätigkeitsbericht der Jahre 1937/38 ein. Das Feuerwerk, das den zahlreich erschienenen Mitgliedern und Gästen, vorgängig der Generalversammlung, vorgeführt wurde, war nämlich eine fulminante Demonstration im kürzlich neu erstellten und von Ingenieur Ernst Schneeberger betreuten Hochspannungs- und Hochfrequenzlaboratorium des Kabelwerks. In nächster Nähe entluden sich Blitze von über einer Million Volt und zuckten durch den Raum, gefolgt von mächtigen Donnerschlägen. Dann wieder prasselte und sprühte es in allen Farben um ein Versuchskabel, als hätten es tausend feurige Schlangenzungen auf dieses abgesehen.» Soweit das Brugger Tagblatt.

Nach der vorangehenden ausführlichen Darstellung der Vorgeschichte und der Entstehung des «Verbandes der Industriellen von Brugg und Umgebung», möchte ich hier nur noch ein kurzes Wort beifügen über dessen Weiterentwicklung in den darauffolgenden 40 Jahren.


Gegenseitiges Vertrauen

Die einstigen schwerwiegenden Wirren und die früheren Gegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern standen – wie ja aus der vorstehenden Schilderung klar ersichtlich ist – zwingend und ausschlaggebend unter dem verhängnisvollen russischen Einfluss.

Seither haben sich aber bei uns die Beziehungen zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in sehr erfreulicher Weise völlig anders gestaltet. Das gegenseitige Vertrauen und das sich Verstehen sind mehr und mehr gewachsen und haben sich gefestigt, im Hinblick auf das in gemeinsamer Arbeit von allen zu erreichende Ziel. Und dass dies auch künftig hin immer so bleiben möge, ist unser aller aufrichtiger Wunsch.» Soweit Walter Dübi in seinen Schilderungen zu den Geschehnissen vor 100 Jahren.

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