Genug Luft, um kreativ zu sein

Mit Vollgas durch die Pandemie: David Henzmann hat Stellen ausgebaut und ist mit seiner Firma umgezogen. Nun hat er doppelt so viel Platz.

David Henzmann im Regieraum am neuen Standort: Avarel belegt das ganze Attikageschoss an der Wambisterstrasse 1 im Gewerbegebiet Geelig. (Bilder: is)

07. April 2021
18:04

Von seinem neuen Büro aus hat David Henzmann einen atemberaubenden Ausblick vom Siggenthal übers Wasserschloss und die Region Brugg/Windisch bis zum Bözberg. «Man kann sogar die Linner Linde sehen», sagt der gebürtige Westschweizer, der einen Grossteil seiner Kindheit in Linn verbracht hat. Anfang März ist er mit seiner Firma Avarel Studios und fünfzehn Angestellten von Würenlingen nach Gebenstorf umgezogen. Der alte Standort im «Stumpe», wo vor fünf Jahren als Start-up mit drei Angestellten alles begann, wurde mit 200 Quadratmetern zu klein. «Es war ein cooler Platz, aber wir stiessen an Grenzen. Da wir immer noch wachsen und uns weiterentwickeln wollen, entschied ich mich für einen neuen Standort mit mehr Perspektiven.»


Gute Lage, gute ÖV-Anbindung

Im Attikageschoss über dem Coop im Geelig verfügt Henzmann nun über doppelt so viele Quadratmeter – und zwei grosse Terrassen. «Wir müssen in unserem Job kreativ sein, und dazu brauchen wir viel Luft um uns herum. Sonst wären wir nicht so gut», erklärt der 31-Jährige selbstbewusst beim Rundgang durch Studios, Regieraum, Büros, Lager für Equipment und Requisiten sowie Küche und Sitzungszimmer. Die Lage zwischen Baden und Brugg sowie die gute ÖV-Anbindung und die nahen Autobahnanschlüsse weiss er ebenfalls zu schätzen.

Avarel ist nicht nur umgezogen. Seit Anfang Jahr hat Henzmann auch das Personal ausgebaut – um 480 Prozent von 10 auf 15 Angestellte. Auch im europäischen Ausland, wo Avarel ebenfalls drei Mitarbeiter beschäftigt. Das ist mutig in Zeiten, in denen überall die Aufträge einbrechen. «Während viele Unternehmen nun im Stand-by-Modus verharren, machen wir das Gegenteil», so der CEO: «Es ist eine perfekte Zeit, um gute Leute zu finden, da einige Unternehmungen in der Branche schliessen mussten. Wir geben Vollgas!» Dennoch ist Henzmann auch bewusst, dass er mit Filmen und Webdesigns ein Luxusprodukt produziert, das oft als Erstes eingespart wird.

Zwar meldete auch er im ersten Lockdown März/April 2020 Kurzarbeit für seine Angestellten an. Die Zwangspause nutzte er aber, um die Website von Avarel – die drei ersten Buchstaben stehen für «Audio, Video, Animation», die Endung ist Phantasie – zu überarbeiten. Mit einem «Plan Herkules» entwickelte er Strategien, um die Pandemie heil zu überstehen. «Wir waren auf jedes Szenario vorbereitet.» Zudem hatte er in guten Zeiten vorgesorgt und Reserven angelegt.


«Macht euch keine Sorgen»

Als im Sommer alle Angestellten wieder an Bord waren, stellte sich David Henzmann vor sein Team und beruhigte es: «Macht euch keine Sorgen. Wir haben genug Luft. Selbst wenn mal überhaupt keine Aufträge kommen sollten, werde ich in den nächsten Monaten sicher niemanden entlassen müssen.» Seither hat er auf Kurzarbeit sowie Unterstützung vom Staat verzichtet. 

Zum anderen konnte sich der junge Geschäftsmann auch auf sein zweites Standbein, die Software-Entwicklungsfirma Siabit, verlassen, die Zeiterfassungssysteme im Bereich Forst und Gemeinden anbietet. Über 200 Gemeinden sowie zahlreiche Betriebe in Deutschland, Frankreich und Österreich zählen zu seinen Kunden, Tendenz steigend. Woher die Affinität zu Gemeinden und Forst? «Bis vor vier Jahren war ich zu hundert Prozent beim Forstamt Studenland als Forstwart angestellt und führte Avarel nebenbei», erklärt Henzmann. Die Arbeit im Wald und in der Natur habe ihn zwar sehr erfüllt, «aber irgendwann spürte ich, dass der Zeitpunkt gekommen war, um voll auf meine Firma zu setzen».


Zwei bis drei Monate Wartezeit

In den ersten Jahren war Avarel hauptsächlich auf das erfolgreiche TV-Format «Sara macht’s» fokussiert: «Wir produzierten die 20-minütige Sendung jede Woche für mehrere Regionalfernsehsender. Das war toll, aber auch ein grosser Druck», so Henzmann rückblickend. Nach 400 Folgen hörte Sara 2016 mit der Sendung auf, und für ihn war klar: Er wollte kein «Klumpenrisiko» mehr und setzte auf ein neues Geschäftsmodell mit breiter Abstützung auf KMU und ein Abo-System im Webdesign: «So haben wir den Umsatz nicht nur gehalten, sondern gesteigert.»

Seit dem Sommer wird Avarel zwar nun mit Aufträgen überrannt, aber neue Kunden mussten zwei bis drei Monate auf ihren Film warten. «Das konnte kein Dauerzustand sein», wusste Henzmann und stellte fünf zusätzliche Mitarbeitende ein – auf die eine Stellenausschreibung meldeten sich 95 Interessierte. Neben diversen Praktika bietet Avarel auch die Berufsausbildung zum Mediamatiker EFZ und zum Informatiker EFZ an. 

Das Bewirtschaften der Social-Media-Kanäle ist Henzmann dabei sehr wichtig: «Man muss dort ständig präsent sein, um den Leuten im Gedächtnis zu bleiben.»


Selbst und ständig

Auch der CEO ist von morgens bis abends damit beschäftigt, sein Unternehmen weiterzuentwickeln und Strategien zu finden, um den Umsatz zu steigern. «Ich bin selbständig – eben: selbst und ständig», sagt er und lacht. Als Kadermitglied der Feuerwehr ­Gebenstorf-Turgi und der Zivilschutzorganisation Brugg-Region sowie OK-Mitglied von «100 Jahre Wald Aargau» 2022 ist er auch in der Freizeit stark engagiert. Hundert Stunden pro Jahr ist er immer noch für das Forstamt im Einsatz, etwa als Ferienvertretung für die Maschinisten: «Das ist etwas komplett anderes als mein Job bei Avarel, da bin ich an der frischen Luft und kann entspannen», sagt Henzmann, der im Ortsteil Vogelsang wohnt. 

Wie schafft er das alles, mit nur 31 Jahren? David Henzmann überlegt und gibt eine überraschende Antwort: «Ich frage mich manchmal, wie lange man mir diese Frage noch stellt. Ab welchem Alter man mich nicht mehr für jung befindet.» Für ihn ist es keine Frage des Alters, sondern der Persönlichkeit: «Meine Strategie ist, gegen den Strom zu schwimmen. Denn wenn ich das Gleiche wie alle anderen mache, hebe ich mich nicht ab.»

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