Geschichte der Ahnen erforscht

Werner Heil aus Lupfig stammt aus dem deutschen Odenwald. Er hat nun ein Buch über dorthin ausgewanderte Schweizer geschrieben.

Werner Heil mit seinem Werk «Schweizer Einwanderung in den Odenwald», wofür er 15 Jahre recherchierte
Werner Heil mit seinem Werk «Schweizer Einwanderung in den Odenwald», wofür er 15 Jahre recherchierte (Bild: zVg)

von
Stefan Haller

18. Oktober 2017
09:00

Seit 15 Jahren beschäftigt sich Werner Heil aus Lupfig mit der Ahnenforschung. Durch sein Hobby erfuhr er, dass er selbst Schweizer Vorfahren hat. Er schreibt: «Als sich gegen Ende meines Berufslebens die Frage stellte, womit die frei gewordene Zeit sinnvoll genutzt werden könnte, begann ich mit der Familienforschung. Dabei stösst man in meiner Heimat, dem Odenwald, unweigerlich auf Vorfahren mit Schweizer Herkunft. Im Laufe der Nachforschungen kamen etwa zwei Dutzend Personen aus der Schweiz zusammen, die zu den Vorfahren unserer Familie zählen.»


Recherche in Archiven

Rasch fand Heil Gefallen am neuen Hobby und weitete die Suche weiter aus. Die Suche nach der Herkunft und Abstammung der eigenen Ahnen veranlasste ihn, in Schweizer Archiven zu stöbern. Soweit es die Zeit in den Archiven erlaubte, schaute er auch «über den Tellerrand hinaus» und ging weiteren im Odenwald vorkommenden Familiennamen nach, die offensichtlich schweizerischer Herkunft waren. 


Name Bitsch ist sehr verbreitet

Speziell nach dem Dreissigjährigen Krieg waren viele Neusiedler aus der Schweiz in den entvölkerten Odenwald eingewandert, der im Grenzgebiet der Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Bayern liegt. Bis heute existieren dort noch viele Schweizer Familiennamen. Dazu gehöre etwa ein Dutzend blühender Geschlechter, in deren kollektivem Bewusstsein die Herkunft teilweise noch lebendig ist. An erster Stelle steht, geordnet nach der Zahl der Telefonbucheinträge in den Landkreisen Odenwaldkreis, Darmstadt-Dieburg und Bergstrasse, mit 222 Nennungen der Name Bitsch, der auf zwei Einwanderer aus Graubünden (Pitsch/Pitschi aus Tschierv oder Schiers) zurückgeht. Danach folgen die Namen Neff (220), mehrheitlich aus Appenzell-Aus­serrhoden, Hotz (140) aus dem Zürcher Oberland, Kredel/Grädel (109) aus Huttwil im Kanton Bern und Schantz/Tschanz (108) aus dem Kanton Bern. Es folgen die Tuchmacherfamilie Glenz/Kläntschi (51) aus Lyss sowie Schenkel (37), Schön(en)berger (37) und Egli/Egly (35), alle drei aus dem Kanton Zürich, sowie die Dascher/Däscher (30) aus Graubünden. Am Ende des 18. Jahrhunderts kamen die Imhof (26) in den Odenwald. Zu den frühen Zuwanderern gehören noch die Ludebühl (Luginbühl) aus dem Berner Oberland und schliesslich die Bierbrauerfamilie Schmucker aus Stein am Rhein.

In den mehr als 350 Jahren, die seit der grossen Einwanderungswelle zwischen 1650 und 1750 vergangen sind, sind naturgemäss viele Namen von Schweizer Zuwanderern erloschen. Die Namensträger haben sich aber in vielen Fällen über Töchter fortgepflanzt. Daher haben praktisch alle alteingesessenen Odenwälder Familien Schweizer Vorfahren. 


«Eine Massenauswanderung»

«Dass Schweizer nach Deutschland ausgewandert sein könnten und dann noch als Wirtschaftsflüchtlinge, mag man sich in der reichen Schweiz nicht vorstellen. Tatsache aber ist: Nach dem Ende des 30-jährigen Kriegs 1648 zogen tausende Schweizer in die deutschen Gebiete rechts und links des Rheins», so Werner Heil.

Der Grund für die Auswanderung zwischen 1750 und 1850 waren Überbevölkerung, wirtschaftliche Not und religiöse Repressionen. Allein im Kraichgau, einem mit reichsritterlichem Besitz durchmischten pfälzischen Gebiet rechts des Rheins, sind über 5300 Namen von Schweizer Einwanderern bekannt. Man schätzt, dass dort am Ende des 17. Jahrhunderts 35 bis 45 Prozent der Einwohner Schweizer waren. Über die Zahl der Schweizer Einwanderer in das linksrheinische pfälzische Gebiet gibt es keine zusammenfassende Veröffentlichung. In der Gegend um Neustadt an der Weinstrasse wurden rund 400 Personen bzw. Familien aus dem Kanton Zürich ansässig. Aus dem Berner Aargau sind etwa 800 Namen von Einwanderern in die linksrheinische Pfalz bekannt. Eine weitere Publikation nennt 900 Namen von Schweizer Einwanderern ins Westrich (westliche Pfalz, südliches Saarland). In die Gebiete der Grafschaft Hanau-Lichtenberg kamen rund 3000 Schweizer, davon 2400 aus dem Berner Gebiet. Die Zahl der Schweizer in der Kurpfalz wird mit etwa 10'000 angegeben. Nach anderen Publikationen kamen zwischen 1660 und 1740 15'000 bis 20'000 Schweizer ins Elsass und in die Freigrafschaft Burgund. Heils Fazit: «Man kann also mit Fug und Recht von einer Massenauswanderung sprechen. Diese Auswanderungswelle ist vergleichbar mit der Auswanderung nach Amerika im 19. Jahrhundert.»


Exodus geriet ausser Kontrolle

Anfänglich sei die Abwanderung von mittellosen Personen noch erwünscht gewesen. Mit der Zeit jedoch geriet der Exodus ausser Kontrolle und nahm einen Umfang an, der bei den Behörden Besorgnis erregte. In dem Memorandum, das ein Beamter zuhanden des Bürgermeisters der Stadt Zürich verfasste, weist er darauf hin, dass «gegen 5000 Seelen» das Land verlassen haben, in der Zahl aber diejenigen, die ohne Wissen der Obrigkeit weg gezogen sind, nicht enthalten sei. Wenn möglich solle man den Leuten Arbeit geben, damit sie im Land bleiben und ihr Vermögen nicht aus­ser Landes bringen, andernfalls solle man ihnen für die Ausreise in einen der verödeten Orte der Kurpfalz, Zweibrückens oder Hessens eine Bescheinigung ausstellen.

Im Berner Gebiet wurden zunächst die Auswanderer überhaupt nicht registriert, wie Werner Heil herausfand. Als die Auswanderung aber so gross geworden war, dass sich dies bei den Steuern und Abgaben negativ bemerkbar machte, veranlasste dies die Obrigkeit mit Verboten und Schikanen die Untertanen am Wegzug zu hindern.

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