Griff nach der goldenen Meringue

Nur 8 von über 130 Theatergruppen wurden nominiert: Das Theater Nussbaumen darf am 14. Juni an den «Oscars des Volkstheaters» in Meiringen BE auftreten.

Brilliantes Trio: (v.l.) der neurotische Anwalt Pierre (Peter Rathgeb), der rätselhafte Besucher (Mike Weber) und die schwerreiche Kanzlei-Kundin Brigitte (Andrea Keller) (Bild: zVg)

von
Ilona Scherer

07. Juni 2019
10:20

Die gute Nachricht traf Ende April ein: Ein halbes Jahr nachdem der Verein seine Bewerbung für das erste Volkstheater-Festival vom 12. bis 16. Juni in Meiringen eingereicht hatte, kam der Zuschlag aus dem Berner Oberland. «Das war für uns eine grosse Überraschung, zumal sich auch grosse Vereine mit fast professioneller Regie angemeldet hatten», sagt Regisseurin Corinne Rathgeb stolz. Über 130 Theatergruppen aus der ganzen Schweiz bewarben sich, nur acht wurden von der hochkarätigen Jury eingeladen. Das neu gegründete Festival soll sich zu den «Oscars des Volkstheaters» entwickeln und künftig jährlich stattfinden. Zum Patronatskomitee zählen Prominente wie Schauspieler Beat Schlatter, Komiker Marco Rima, Ständerätin Pascale Bruderer Wyss und Schwingerkönig Matthias Glarner. Extra für den Anlass wird ein Theaterdorf erstellt, in dem auch Workshops stattfinden – ein Mekka für Laienschauspielerinnen und -schauspieler, die in Meiringen wertvolle Kontakte knüpfen können.

 

Einziges Aargauer Ensemble

Das Theater Nussbaumen (ehemals Dramatischer Verein Obersiggenthal) wird als einziges Ensemble aus dem Kanton Aargau auftreten. Gezeigt wird die 2017 uraufgeführte Komödie «Geschter isch au no en Tag». Da die Aufführungen schon eine gewisse Zeit zurückliegen, konnte die Jury das Ensemble nicht mehr live begutachten. Die Nussbaumer schickten deshalb eine Videoaufzeichnung ein – und zählen prompt zu den Glücklichen: Ihr Auftritt ist am Freitagabend zur besten Zeit um 20 Uhr. «Vielleicht reisen so auch Fans aus unserer Region nach Meiringen, um uns zu unterstützen», hofft Rathgeb. Die 300 Tickets haben einen Einheitspreis und können via Festival-Homepage bestellt werden. 

  

Geschichte in Zeitschleife

Die Komödie «Geschter isch au no en Tag» sei ein wirklich aussergewöhnliches Stück, schwärmt Corinne Rathgeb: «Es war damals auch etwas Neues, völlig Unbekanntes, eine Mischung aus ‹Und täglich grüsst das Murmeltier› und ‹Ghost – Nachricht von Sam.» In dem Drei-Akter geht es um einen neurotischen Anwalt, der sich auf den Prozess seines Lebens vorbereitet, und einen rätselhaften Besucher, der an seine Tür klopft. Plötzlich beginnen sich Dialoge und Ereignisse zu wiederholen – wie in einer Zeitschleife. Ein wahrhaft raffinierter Plot, der aus der Feder der Franzosen Sylvain Meyniac und Jean-François Cros stammt und 2013 in Paris uraufgeführt worden war. Hauptdarsteller Peter Rathgeb übertrug das Stück ins Schweizerdeutsche. In Meiringen wird es in voller Länge
(2½ Stunden) aufgeführt. 

 

Es gilt, das Stück aufzufrischen

Nach der Einladung Ende April machte sich das Ensemble sofort daran, den Text vom November 2017 aufzufrischen. Derzeit proben die Darstellenden fleissig im Gemeindesaal. Mit dabei ist auch der damalige Gastschauspieler Rolf Hunold – er wird in Meiringen sogar mit zwei Ensembles auftreten, wurde er doch auch mit seinem Stammverein Theatergruppe Friesenberg aus Zürich ans Festival eingeladen.

Ab Mittwoch wird das ganze Nussbaumer Team – Darstellende, Technik, Regie und Assistenz – seine Zelte im Haslital aufschlagen. Unterkunft, Verpflegung, Kurse und Besuch der anderen Vorstellungen sind dank guter Vernetzung des Meiringer OK vom Festival offeriert. Einzige «Verpflichtung»: Jeder Verein muss seine eigene Kulisse nach Meiringen transportieren. Doch das, beteuert Rathgeb, sei in Anbetracht der grossen Ehre eine Kleinigkeit. 

 

Ein Riesen-Erlebnis – so oder so

Wie bei den Oscars in Los Angeles werden auch in Meiringen Preise an die Teilnehmenden verliehen – im Emmental sind es jedoch standesgemäss «Merängge». Regisseurin Rathgeb lässt sich nicht zu Spekulationen über die Chancen des Theaters Nussbaumen hinreissen. «Für uns wird das so oder so ein Riesen-Erlebnis, von dem wir noch lange profitieren können!»

www.volkstheaterfestival.ch 

Kommentare (1)

  • Beat Gsell
    Beat Gsell
    am 07.06.2019
    Herzliche Gratulation zur Nomination! Viel Glück!

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