Hausens Finanzen sind in Schieflage

Nach grossen Investitionen verdüstert sich die Finanzlage von Hausen. Auf 2021 zeichnet sich eine Steuererhöhung ab.

Doppel-Mehrzweckhalle mit Gemeindesaal und neu gestaltetem Dorfplatz sticht nicht ins Auge und hinterlässt im Finanzhaushalt von Hausen Spuren. (Bild: hpw)

19. August 2020
16:20

Die finanzielle Situation der Gemeinde Hausen ist schlechter, als es bis vor Kurzem den Anschein hatte. Das bestätigte eine Aussprache zwischen dem Gemeinderat und den vier Ortsparteien FDP, CVP, SVP und GLP. Dabei ging es um den Rechnungsabschluss 2019, die Bauabrechnung von Mehrzweckhalle und Gemeindesaal, das Budget 2021 und ein Sanierungsprojekt für die Hauptstrasse und die Sooremattstrasse mit Korrekturen am Geerenweg und an den Bushaltestellen Turnhalle. Im November wird sich die Gemeindeversammlung mit diesen Themen beschäftigen. Es sind happige Brocken.

In der Gemeinderechnung 2019 klafft ein Loch von 894 000 Franken. Budgetiert war ein Defizit von 208 100 Franken. Das Vorjahr schloss noch mit 738 900 Franken Ertragsüberschuss ab. Aber gegenüber der Rechnung 2018 wuchsen die Mehrkosten um 1,09 Millionen Franken, während sich der Ertrag um 442 300 Franken verringerte. Der Selbstfinanzierungsgrad sank auf minus 2,22 Prozent – dadurch musste die Gemeinde für ihre betriebliche Tätigkeit auf Fremdfinanzierung zurückgreifen. Die Nettoschuld stieg von 12,24 auf 15,54 Millionen Franken oder auf 4255 Franken pro Einwohner.

Zu erheblichen Mehrausgaben führten die erstmals anfallenden 526 000 Franken Abschreibungen für die neue Doppel-Mehrzweckhalle und den Gemeindesaal sowie um 522 000 Franken höhere Aufwendungen für Schulgelder, Pflegefinanzierung, Fürsorge- und Sozialhilfe und so weiter. Demgegenüber verringerte sich der betriebliche Ertrag vor allem deswegen, weil 593 200 Franken weniger Steuereinnahmen als budgetiert eingingen. Der Einwohnerzuwachs entsprach nicht den Erwartungen, und die Steuernachträge brachen ein; durch Personalwechsel gerieten definitive Steuerveranlagungen vorübergehend in Verzug.


Strukturelles Defizit
Man hat sich in Hausen etwas zu fest auf das jahrelange starke Bevölkerungswachstum und die stetig steigenden Steuererträge verlassen. Das jüngste Rechnungsergebnis korrigiert einige bis und mit dem Budget 2019 getroffene Annahmen. Allerdings zeichneten sich das auseinanderklaffende Wachstum der Einnahmen und Ausgaben sowie der Rückgang des Selbstfinanzierungsgrades ab. Der operative Aufwand von der Rechnung 2015 bis zur Rechnung 2019 stieg um 3,37 Millionen Franken, während die Erträge im gleichen Zeitraum – trotz einer Steuererhöhung um faktisch 5 Prozent – nur um 1,60 Millionen Franken zunahmen.

Deswegen hat Hausen ein strukturelles Defizit. Zusätzlich drohen ab diesem Jahr durch die Auswirkungen der Corona-Krise noch konjunkturbedingte Einbussen. Überproportional gewachsen sind die Ausgaben für Bildung, soziale Sicherheit und Gesundheit. Diese drei Bereiche beanspruchen rund zwei Drittel der gesamten Betriebsausgaben. Stark gestiegen ist auch der Abschreibungsbedarf, weil die Gemeinde in Kürze 20 Millionen Franken in Neubauten investierte, wobei sie Glück hatte, dass sie das Fremdkapital praktisch zu null Zinsen aufnehmen konnte.

Es braucht wenig Phantasie, um sich vorzustellen, was die verschlechterte Finanzsituation für das Budget 2021 bedeutet: mehr Sparen und Steuern. Auch bei Investitionen werde man künftig konsequenter zwischen Notwendigem und Wünschbarem unterscheiden müssen, wurde von Parteienseite gemahnt. In dieser Beziehung sei die Kostenüberschreitung von fast einer Million Franken bei der Doppel-Mehrzweckhalle mit Gemeindesaal ein Lehrstück.


«Nice to have»
Das mit Abstand grösste bisherige Projekt von Hausen hat nicht wie budgetiert 13,89 Millionen, sondern abgerechnet 14,81 Millionen Franken gekostet. Allein die neue Erdsondenheizung kam 2,7-mal teurer als geplant, auf 861 484 Franken statt 320 000 Franken, zu stehen. Hauptgrund war, dass durch die Bohrarbeiten und Leitungsverlegungen der Platz vor der Turnhalle in Mitleidenschaft gezogen wurde, was auf eine totale Erneuerung hinauslief. Dass der Gemeinderat für die massive Kostenüberschreitung keinen Nachtragskredit einholte, weil das die Fertigstellung der Anlage wahrscheinlich um Monate verzögert hätte, setzte noch einen drauf. 

Der Neubau wurde nach dem Motto: «Schön zu haben – Nice to have» konzipiert; künftige Benützer konnten ihre Wünsche praktisch ohne Abstriche anbringen. Das Objekt präsentiert sich tatsächlich gefällig und grosszügig. Anders als die Doppelturnhalle wäre der gediegene neue Gemeindesaal allerdings nicht zwingend nötig gewesen, weil die nunmehr von Turnunterricht und Vereinsaktivitäten entlastete bisherige Mehrzweckhalle mindestens das gleiche, nur weniger komfortable Volumen geboten hätte. Aber die Stimmberechtigten hatten die Wahl und entschieden sich für das volle Raumprogramm. Auch bei der Ausführung schien dann «nur das Beste gut genug», wie Anpassungen und Nachbestellungen für zum Teil vergessene Einrichtungen vermuten lassen.
Die Verwirklichung dieses Grossprojekts war eine Herausforderung für die Behörden. Es lief nicht alles fehlerlos. Das teure Lehrgeld münzt sich im überzogenen Baukredit aus. Vom Preis abgesehen, rühmen Schule und Vereine die generösen Anlagen; manche grössere Gemeinde könnte Hausen darum beneiden.


Der nächste Kredit
Der Gemeinderat verfolgt mit der Sanierung der Hauptstrasse von der neuen Mehrzweckhalle bis zum Velo-Moto-Geschäft Crameri plus einer Belagserneuerung im unteren Teil der Sooremattstrasse sowie einer neuen Einmündung des Geerenwegs in die Hauptstrasse bereits ein nächstes Projekt für 1,5 Millionen Franken. Vorgesehen sind auch der Einbau eines Flüsterbelags und eine behindertengerechte Ausgestaltung der Bushaltestellen vor der Turnhalle. Dem Gemeinderat wurde aus den Parteireihen dringend empfohlen, auf die Balance zwischen Nötigem und Wünschbarem zu achten.

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