Heimkehr in vertraute Gefilde

Heinz Ackermann (80) aus Hausen blickt auf über fünfzig Ausstellungen zurück – und einer neuen entgegen. Ist es die letzte?

Ein Leben für die Malerei: Heinz Ackermann in seinem Atelier in Hausen. (Bild: hpw)

07. Oktober 2020
12:33

Es ist nicht gerade eine Rückkehr zu den Wurzeln, aber irgendwie eine Heimkehr in vertraute Gefilde. Nämlich in die Gegend des Wasserschlosses, wo Heinz Ackermann am Silvester 1940 zur Welt kam, sowie in die Region Brugg, in der er bis zur Pensionierung als Lehrer an der Bezirksschule Windisch wirkte – und nun nach Hausen, wo er sich 2014 nach zwanzigjährigem Aufenthalt in Locarno Monti niederliess. Freilich unter Preisgabe der einst grandiosen Aussicht auf den Lago Maggiore, die Brissago-Inseln und den Monte Verità, wie seine Gattin Liliana anmerkt. Immerhin besteht ein alter Bezug zum neuen Wohnsitz. Denn Heinz Ackermann war von 1984 bis 2004 Stiftungsrat der kunstfördernden örtlichen Ernst-Wildi-Rohr-Stiftung. Auf deren Einladung stellt er ab morgen bis zum 18 Oktober, im neuen Gemeindesaal rund sechzig Bilder aus.


Der «unbegabte» Schüler
Heinz Ackermann gehört längst zu den arrivierten Aargauer Malern. Das bestätigen seine regelmässigen Ausstellungen – inzwischen sind es über fünfzig –, zum Beispiel in Brugg, Baden, Aarau, Bremgarten, Windisch, Wettingen, Zürich, Savognin, Lenzburg und schon einmal, 1988, in Hausen. Der kombinierte Lehrer- und Künstlerberuf, sagt er, habe ihm ein ergiebiges Schaffen ermöglicht. Vierzig Jahre lang, von 1968 bis 2008, war er Lehrer für Zeichnen und bildnerisches Gestalten an der 1964 eröffneten Bezirksschule Windisch. Er trug zur Konsolidierung der jungen Schule bei. Die Schüler schätzten seine Eloquenz. Der mittlerweile Achzigjährige bewahrte sich eine bewundernswerte Rüstigkeit.

Aber dass er ausgerechnet Zeichenlehrer würde, traute ihm in jungen Jahren niemand zu. Ein gestaltungskundiger Zimmerherr im Elternhaus in Vogelsang hielt ihn – im Gegensatz zu den Geschwistern – für unbegabt. Auch sein Zeichenlehrer an der Bezirksschule Turgi, der weiss Gott verständnisvolle Otto Holliger (1919–1995), der später jahrzehntelang an der Bezirksschule Brugg unterrichtete und sich ebenfalls als Maler und Zeichner einen Namen machte, mochte ihm nicht die damalige Bestnote 1, sondern nur eine 3–4 geben.

Den Knopf tat Heinz Ackermann am Lehrerseminar Wettingen auf. Sein Klassenlehrer, der Maler und Zeichner Otto Kuhn (1918–1980), weckte seine Freude am Zeichnen. Als frisch patentierter Primarlehrer unterrichtete er zwei Jahre lang in Oftringen, von einem kunstsachverständigen Schulinspektor namens Heiny Widmer begleitet, dem späteren Direktor des Aargauer Kunsthauses. Auf dessen Ermutigung trat er 1962 in die Kunstgewerbeschule Zürich ein und bildete sich in der Zeichenlehrerklasse von Heinrich Müller (1903–1978) für bildnerisches Gestalten aus. Mit diesem Rüstzeug fand er nach kurzen Etappen an verschiedenen Bezirksschulen in Windisch seine Lebensstelle.


Malen als Auseinandersetzung
Über einige Jahre konzentrierte sich sein Unterricht auf Montag/Dienstag, die andere Zeit pendelte Heinz Ackermann in das Tessin. An schulfreien Tagen und in den Ferien widmete er sich der Passion als freier Künstler. Das Malen empfand er nicht als blosse Abwechslung und Entspannung, sondern es bedeutete ihm stete Herausforderung und Auseinandersetzung mit Motiven, Figuren, Formen und Farben. Kamen ihm Zweifel, so legte er die Pinsel ab oder schmiss sie in die Ecke, wandte sich vielleicht einem andern Sujet zu, kam nachher wieder auf das angefangene Werk zurück und brachte es zustande – gelegentlich mit dem Gefühl, dass da und dort trotzdem noch ein Fehler hängen blieb, den aber nur sein selbstkritisches Auge wahrnahm.

Landschaften, Stilleben und Figuren zählen zu seinen wichtigsten Sujets. Für das Erste ist ihm «das Licht des Südens» willkommen. Deshalb besitzt das Ehepaar noch eine einfache Absteige in Gran Canaria. Deren Zustand ist nach einem Wintersturm ungewiss; die Corona-Pandemie verhinderte diesen Sommer das Nachschauen. Im Laufe der Jahre sei sein Stil etwas abstrakter geworden, bestätigt Heinz Ackermann. Das drücken vor allem seine schlanken Figuren aus. Sie erinnern an Skulpturen von Alberto Giacometti. Nicht ohne Grund trägt eines der Werke den Titel «Hommage an A.G.».

Es fällt auf, dass sich die Gestalten auf grossformatigen Gruppenbildern nicht anschauen. Selbst im Kollektiv wirkt jede Person irgendwie allein. Zeigt Heinz Ackermann damit den durch Social-Media-Plattformen wie Facebook, Instagam, Twitter, Snapchart verstärkten gesellschaftlichen Trend zum Individualismus (und Egoismus) auf? Auch das Motto der bevorstehenden Ausstellung: «Gem-Einsam» ist wohl kaum Zufall. Etwas anderes sind die von 1993 bis 2009 entstandenen «gezeichneten Tagebücher» über spontane örtliche Impressionen mit Kurznotizen, zum Beispiel aus Brugg und Wettingen. Die «Skizzen eines Sommers» aus Windisch fanden schon 1985 Aufnahme in einem Buch. 


Ein örtlicher Kulturstützpunkt
Nun bietet die Ernst-Wildi-Rohr-Stiftung ihrem früheren Vorstandsmitglied die Möglichkeit zur allerersten Ausstellung im neuen Gemeindesaal. Die Andeutung seiner Gattin, dass es vielleicht die letzte sein könnte, umgeht der Künstler elegant mit der Bemerkung: «Ich bin selber gespannt, einige meiner Bilder erstmals hängen zu sehen.»

Die der Gemeinde Hausen zugeeignete Ernst-Wildi-Rohr-Stiftung fördert künstlerische Werke der darstellenden Kunst (Bilder und Skulpturen) und unterstützt vorwiegend im Aargau wohnhafte Maler und Bildhauer. Der Aarauer Geschäftsmann und Philanthrop Ernst Wildi-Rohr, der Anfang der 1970er-Jahre sein Handelsunternehmen in einen Neubau am nördlichen Dorfeingang von Hausen verlegte, gründete die mit zahlreichen Kunstwerken ausgestattete Stiftung, bevor er, schwerstkrank, aus dem Leben schied.


Vernissage: Freitag, 9. Oktober, 19 Uhr
Gemeindesaal Hausen

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