Herkunft hat Zukunft

Wie hat Birmenstorf im Frühmittelalter ausgesehen? Dieser Frage widmete sich Referent Sebastian Grüninger am dorfgeschichtlichen Abend.

Sebastian Grüninger ist Spezialist für das Thema «Birmenstorf im Frühmittelalter»
Sebastian Grüninger ist Spezialist für das Thema «Birmenstorf im Frühmittelalter» (Bild: isp)

von
Isabel Steiner Peterhans

10. März 2018
09:00

Dorfgeschichtliche Anlässe

Die nächste Dorfgeschichte gibts in Birmenstorf am 25. August, von 14 bis 16 Uhr. Dann findet ein dorfgeschichtlicher Spaziergang statt mit Tobias Hodel und Patrick Zehnder. Das Thema lautet «Die Birmenstorfer und Königsfelden».

www.kulturkreis-birmenstorf.ch 

«Für mich ist er ein wandelndes Frühgeschichts-Lexikon», flüstert eine begeisterte Zuhörerin ihrer Sitznachbarin zu. Die Rede ist von Sebastian Grüninger, der von dieser bewundernden Rückmeldung so ziemlich nichts mitbekommt. Zu tief und zu euphorisch ist er in seinem Referat verhangen und berichtet begeistert von den zwei Gutshöfen Birmenstorf, die wohl auch nach deren Abgang besiedelt gewesen sein müssen. 

Wir befinden uns mitten in einer gut besuchten Veranstaltung zum Thema «Birmenstorf im Frühmittelalter». Zugegeben, die Zuhörer dieses zweistündigen Vortrages sind eher mittleren, reiferen Alters und die Thematik ist relativ anspruchsvoll. Trotzdem schafft es Grüninger, die umfangreiche Geschichte des bis anhin noch relativ unerforschten Birmens-torf für den Laien auf ein verständliches Niveau herunterzubrechen. Als Hilfsmittel dient ihm eine mit etlichen Archivfotos der Kantonsarchäologie Aargau gespickte Präsentation.


Zweifellos eine grössere Siedlung 

Als im Jahr 2006 im Garten der Familie Näf/Humbel an der Bollstrasse Archäologen zu graben begannen, waren sie nicht in erster Linie auf frühmittelalterliche Hinterlassenschaften fokussiert. Sondern sie suchten nach Resten jenes römischen Gutshofes, von dem man zehn Jahre zuvor im Nachbargrundstück beträchtliche Teile hatte freilegen können. So kamen denn an der Bollstrasse die Grundrisse eines eingetieften Grubenhauses von 4 mal 2,5 Metern zum Vorschein, wie es für das Frühmittelalter in ländlichen Gegenden unserer Breiten typisch war. Anhand der Kleinfunde konnte hier «zweifellos von einer grösseren Siedlung gesprochen werden, welche im Umkreis des erst wenig erforschten römischen Gutshofes von Birmenstorf Boll/Rietere liegen muss», so das Zitat der zuständigen Archäologen. Bereits 1975 wurde unter der Leitung von Martin Hartmann bei einer Sondiergrabung auf der Flur Huggebüel ein Kellerraum mit diversen Fundstücken aus römischer Zeit, vor allem Keramik, gefunden. Als Fazit, so machte der Vortrag deutlich, lässt sich sagen, dass Birmenstorf, zumindest der Raum Bollweg, sowohl in der hohen Kaiserzeit wie auch in der Spätantike und im Frühmittelalter besiedelt war und dass diese Siedlungen einiger-
massen ortstreu waren.


Eine alemannische Besiedlung

Neben der Archäologie ist die Ortsnamensforschung (Toponomastik) wohl die wichtigste Nachbardisziplin für Frühmittelalterhistoriker. Auch hier liefert Birmenstorf interessante Anknüpfungspunkte für Spekulationen und Theorien: Aufgrund der Endung auf -torf/-dorf und der Tatsache, dass Birmenstorf, das benachbarte Gebens-
torf sowie Rohrdorf möglicherweise an alten Römerstrassen liegen, die von Windisch nach Baden und Zürich führen, lässt sich vermuten, dass es sich bei diesen Orten um planmässige Ansiedlungen an strategisch wichtigen Strassenlagen handeln dürfte.

Grüninger streifte bei seinen Ausführungen auch Themen wie die germanische Landnahme und die Bürgerkriege, den Hunneneinfall um das Jahr 400, beleuchtete das Castrum Vindonissensis, äusserte sich über die «verschüttete» Romania im Reusstal, skizzierte kurz Thesen zu den Karolingern und zum Fraumünsterrodel. Konkreter ging er auch auf das Sal- und Hufenland, die Fronhöfe und die Eigenkirchen ein. Auch die «Katastrophentheorie» und die Frage nach Kontinuitäten zwischen Antike und Mittelalter fanden Platz in seinen Schilderungen. 


In der Vergangenheit blättern

Grüninger nahm während des Referates etliche Male Bezug zum ebenfalls frühgeschichtlich versierten Autor Max Rudolf – ein Birmenstorfer Urgestein im wörtlichen Sinne, wenn es um Ahnenforschung und Spurensuche geht. Dieser war am Anlass ebenfalls zugegen und lauschte aufmerksam den Ausführungen. 

Grüninger selber ist ein ausgewiesener Fachmann und Historiker des frühen Mittelalters in der deutschen Schweiz, wird für Referate und Veranstaltungen gebucht, ist Lehrer an der alten Kanti Aarau, und seine Dissertation hat er dem Frühmittelalter in Churrätien gewidmet. Im Nachgang zum Vortrag durfte auch das Publikum Fragen stellen. Patrick Zehnder, ebenfalls Historiker, fasste den anspruchsvollen Themenabend ziemlich treffend zusammen: «Dem Publikum ist zweifellos klar geworden, dass gesicherte Erkenntnisse über das frühe Mittelalter gering, die damit verbundenen Theorien jedoch zahlreich und ständigem Wandel unterworfen sind.»

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