«Heute ist es wieder ruhig im Dorf»

Für Ursula Berger war es «ganz normal», sich für die Wohngemeinde zu engagieren. Dies hat sie zwölf Jahre als Ammann von Birrhard getan.

Ursula Berger-Bolliger wirkte sechzehn Jahre im Gemeindehaus Birrhard. (Bild: sha)

05. Januar 2022
13:14

Dass es schliesslich sechzehn Jahre in der Exekutive der Gemeinde Birrhard geworden sind, ist keineswegs selbstverständlich. «Nach den ersten vier Jahren als Gemeinderätin hatte ich eigentlich genug und wollte nicht mehr antreten», erzählt die 62-Jährige beim Gespräch im Sitzungs­zimmer des Gemeinderats. «Das Vertrauen der Bevölkerung schien mir damals nicht mehr gegeben zu sein, und die Stimmung gegenüber der Behörde war allgemein von Misstrauen geprägt.» Doch es kam anders, und offenbar hatte sich Ursula Berger getäuscht. Denn nachdem der amtierenden Ammann nicht wiedergewählt wurde, wurde sie damals von einigen Stimmberechtigten auf einem inoffiziellen Flugblatt portiert – und prompt gewählt. Offensichtlich schätzte die Bevölkerung die Kompetenz und die ruhige Art der Architektin und Familienfrau.


Kontinuität auf der Gemeinde
Heute, nach Beendigung ihrer vierten Amtsperiode, die sie bereits vor vier Jahren an der Gmeind angekündigt hatte, konstatiert sie zufrieden: «Die Ruhe im Dorf ist längst wieder da. Und man pflegt untereinander einen freundschaftlichen, konstruktiv-sachlichen Umgangston.» Dies sei während der letzten Jahre auch im Gemeinderat so gewesen. Auch wenn man in der Sache vielleicht nicht immer einig gewesen sei, habe man Differenzen stets ausdiskutiert.

Sehr gefreut hat Ursula Berger auch ihre Verabschiedung und Würdigung an ihrer letzten Wintergmeind. Nun hat sie die Schlüssel für das Gemeindehaus abgegeben, und die Übergabe an ihren Nachfolger Daniel Knappe, den bisherigen Vizeammann, ist erfolgt. Für Kontinuität im Gemeinderat sei gesorgt, ist Berger überzeugt. Und dies gelte auch in der Verwaltung, wo man heute auf ein sehr gutes Team rund um Gemeindeschreiberin Jennifer Steinlechner zählen könne; sie hatte einst die Verwaltungslehre in Birrhard absolviert und war später zurückgekehrt.


«Ich kannte nichts anderes»
Ursula Berger war nach Sonja Sacher die zweite Frau Gemeindeammann «im Birret», wie das kleine Dorf von der Bevölkerung genannt wird. Sacher war sogar die erste Frau Gemeindammann im Bezirk Brugg überhaupt.

Frauen und Politik: Das hat auch in Ursula Bergers Familie Tradition. «Meine Mutter Heidi Bolliger war kurz nach Einführung des Frauenstimmrechts 1971 eine der ersten Einwohnerrätinnen in Aarburg.» Wie Vater Otto politisierte auch die Mutter bei den Freisinnigen. Und irgendwo dort, zwischen FDP und den Grünliberalen, würde sich auch die parteilose Ursula Berger einordnen, wie sie schmunzelnd ergänzt. Das politische Engagement der Eltern habe sie zweifellos geprägt, erklärte die zurückgetretene Frau Gemeindeammann. «Für mich war es ganz normal, dass man sich engagiert für seinen Wohnort. Ich kannte nichts anderes.»


Fachwissen als Architektin
Die Gemeinde profitierte vom Fachwissen der Architektin ETH. Bei drei Gestaltungsplänen hat sie in jüngster Zeit seitens der Behörde mitgewirkt,  nämlich bei denjenigen für die Areale «Erne», «Haller» und «Dorf». Sind diese Gestaltungspläne umgesetzt, könnte es 120 zusätzliche Einwohner geben für das Dorf, das heute eine Bevölkerungszahl von 760 Personen hat. Neuzuzüger braucht es wohl auch für die Schule. «Wir kämpfen etwas mit den Schülerzahlen; im Moment sind es rund 42 Kinder. Wir hatten einmal Angst, nur noch eine Klasse vom Kanton bewilligt zu bekommen», erklärt Ursula Berger. In der Vergangenheit seien die Schülerzahlen immer dann gewachsen, wenn ein neues Quartier gebaut wurde – in einem Dorf mit wenig Mietwohnungen gibt es sonst kaum Zuzüger. Theoretisch hätten im Birret zwischen 950 und 1000 Einwohner Platz, glaubt Ursula Berger. «Es gibt noch Bauland.»

Freude hat sie an der Infrastruktur: «Schul- und Gemeindehaus sind saniert, und auch die Strassen und die Kanalisation sind in gutem Zustand.» Vor über zehn Jahren verzichtete man auf die Sanierung und machte aus der eigenen Kläranlage an der Reuss ein Pumpwerk; seither wird das Abwasser zur ARA Mellingen gepumpt. Für Berger ist dies ein gelungenes Beispiel von gemeinde- und sogar bezirksübergreifender Zusammenarbeit. Genauso wie diejenige mit der  Regionalen Wasserversorgung Birrfeld (Rewa), von der man das Wasser bezieht; die eigenen beiden Reusshalde-Quellen können schon seit Jahren wegen zu hohen Nitratgehalts nicht mehr genutzt werden.


Geld in den Finanzausgleich
Apropos Zusammenarbeit: Eine Fusion im Eigenamt macht ihrer Meinung nur dann Sinn, wenn auch die beiden «Grossen» Birr und Lupfig mitmachen, dann aber hält sie eine solche Grossgemeinde Eigenamt, auch mit Birrhard und Mülligen, für eine gute Sache. Nicht zuletzt deshalb, weil Ursula Berger während ihrer Amtszeit erkannte, dass immer mehr Aufgaben auf die Gemeinden zukommen und vor allem die «Kleinen» finanztechnisch an den Rand ihrer Kapazitäten bringen. «Über kurz oder lang müssen kleine Gemeinden fusionieren», ist sie überzeugt.

Obwohl: Die Finanzen von Birrhard sind durchaus intakt; während Bergers Amtszeit sank der Steuerfuss von 120 auf 115 Prozent. Und er könnte noch tiefer sein: «Etwa 5 bis 6 Steuerprozente müssen wir in den kantonalen Finanzausgleich zahlen. Wir haben eine zu kleine Fläche, zu wenig Schüler und kaum Sozialfälle – und müssen deshalb als eine der wenigen Gemeinden mit hohem Steuerfuss einzahlen, statt Gelder zu erhalten», spricht sie Klartext.


Meilenstein Langgasse
Worauf ist denn Frau Alt-Gemeinde­ammann besonders stolz? Ein Meilenstein war für Berger die Sanierung der Langgasse. Die fünfjährigen, zähen Verhandlungen mit «Aarau» hätten letztlich zum Ziel geführt. Sie setzte sich erfolgreich für den Bau eines Radwegs zum Regionalflugplatz Birrfeld ein, den unter anderem auch die Schulkinder benötigen.

Und was hätte sie gerne noch erreicht? «Die vier neuen Ortseingangstafeln wurden nun leider nicht mehr während meiner Amtszeit angebracht», bedauert sie. Obwohl die Betonfundamente bereits bestehen, kam es zu Verzögerungen, weshalb die Tafeln nun erst im Januar eingeweiht werden können.

Nach dem Rücktritt bleibt Ursula Berger mehr Zeit für ihre Hobbys Biken, Wandern und Skifahren in Meiringen-Hasliberg sowie für die zwei Enkel, die letzten Sommer geboren wurden. Ihren Politeinsatz, der sie dank ihrer Vorstandstätigkeit bei Brugg Regio und als Präsidentin der Gemeindeammänner- und -schreibervereinigung des Bezirks Brugg auch in nahen Kontakt mit der Kantons­regierung brachte, möchte sie nicht missen, sagt Ursula Berger. «Ich würde es auf jeden Fall nochmals machen. Das Amt als Gemeindeammann oder Gemeinderätin ist lehrreich, interessant und bereichernd.»

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