«Hier habe ich Raum für die Musik»

Vor einem Jahr zügelte Familie Ehrensperger von Dättwil nach Accra. Musiker-Papa Beda hat den Abschied in seiner ersten Single verarbeitet.

Haben ihr Glück in Ghana gefunden: Beda und Mefia Ehrensperger mit den Söhnen Evan und Levin sowie Nichte Mame Yaa, die bei ihnen wohnt. (Bild: zVg)

11. November 2020
16:42

Mit Tränen in den Augen sassen Beda, Mefia, Evan und Levin Ehrensperger am 14. August 2019 am Gate im Flughafen Zürich und warteten auf den Abflug in ihr neues Leben in Ghana. An seine Gefühlswelt von damals kann sich der ehemalige Schlagzeuglehrer der Musikschulen Surbtal, Würenlingen und Eigenamt noch gut erinnern: Er schwankte heftig zwischen Wehmut und Vorfreude. Obwohl er sich mit seiner Frau Mefia, die aus der Hauptstadt Accra stammt, bereits 2016 für das Auswandern entschieden hatte, wurde dem damals 39-Jährigen nun deutlich bewusst: «Manchmal muss man Opfer bringen, um einen Schritt weiterzukommen. Man verlässt geliebte Menschen, um zu neuen Ufern aufzubrechen.»

Seine Gefühle hat Beda Ehrensperger nun in seiner ersten Single «Why you left me» verarbeitet, die er am 31. Oktober auf Youtube veröffentlicht hat. Es ist ein Duett mit der Ennetbadener Soulsängerin Cathryn Lehmann, die schon mit Stars wie Seven und Philipp Fankhauser auf der Bühne stand. Zudem rappt der ghanaische Superstar Kofi Kinaata – mittlerweile ein Freund des Schweizers – ein paar Zeilen im Song. Das Video dazu wurde in Wettingen und Accra gedreht und bereits über 15 000 Mal angeklickt. Produziert hat es der Komponist in seinem Kulturzentrum «Bedaʹs».

Der mehrstöckige Komplex am Rande von Ghanas Hauptstadt soll sich als Ort für kulturellen Austausch, Konzerte und Studioaufnahmen etablieren. Auch zwei Bars und fünf Wohnungen entstehen unter dem Dach, auf dem eine Photovoltaikanlage erstellt wird. «Vieles ging zwar nicht so schnell voran, wie ich es mir vorgetellt hatte», erzählt Ehrensperger via Skype. Auch die Container aus Europa mit all ihren Habseligkeiten trafen mit mehrwöchiger Verspätung ein, «deshalb waren wir gezwungen, aus dem Handgepäck zu leben!» Aber bereits Ende November 2019 konnte die Familie in ihre Wohnung einziehen – und erhielt bald sogar Zuwachs: Zwei Katzen und ein Boerboel-Hund zogen ein. «Das hatten wir unseren Söhnen versprochen, um ihnen den Abschied von Dättwil zu erleichtern», so die Eltern. Heimweh sei nun kein Thema mehr bei den beiden.

Evan und Levin besuchten seit September die örtliche Schule, doch dann kam im März Corona. Zwar habe die Schule Online-Unterricht angeboten, erzählt Beda Ehrensperger. Doch für ihn sei klar gewesen, dass er das nicht wollte: «Also haben wir ins Homeschooling gewechselt. Ich hatte aus der Schweiz viele Lehrbücher in Deutsch, Mathe und Englisch mitgebracht und mich im Internet über Lehrpläne informiert.» Wichtig sei ihm immer gewesen, dass seine Kinder Deutsch nicht verlernen sowie eine Struktur in ihrem Tagesablauf haben: «Wir haben einen Stundenplan mit Unterrichtszeiten und Pausen.» Bis jetzt laufe es sehr gut, erklärt «Lehrer» Ehrensperger.


Evan mit Malaria im Spital
Doch wie ist der Alltag mit Corona in Ghana? Beda Ehrensperger schmunzelt: «Zwei Wochen Lockdown wie in Europa, das funktioniert hier in Afrika nicht», erklärt der gebürtige Endinger. Zum einen leben viele Menschen in kleinen Wohnungen zusammen, und auch die Mentalität sei eine andere. Obwohl überall auf Maskentragen hingewiesen werde, tragen die wenigsten eine. «Und den offiziellen Zahlen sollte man auch nicht zu sehr trauen», weiss der Schweizer. Seine Familie blieb bis jetzt von Covid-19 verschont, dafür erkrankte der achtjährige Evan an Malaria! «Wir mussten ihn sofort ins Spital bringen. Dort erholte er sich relativ schnell, und mittlerweile ist er wieder topfit», freut sich Beda Ehrensperger.

Dass die Menschen in Ghana anders ticken als in der Schweiz, wurde ihm auch bei einem privaten Umwelt-Projekt bewusst: Weil ums Haus herum immer viel Abfall lag, begann Ehrensperger, jeden Montag eine Stunde Plastik einzusammeln. Seine Vision: ein plastikfreies Accra! «Es halfen immer mehr Menschen mit, auch Kinder – doch irgenwann kamen wir nicht mehr weiter. Manche hatten meine Aktion falsch interpretiert und warfen plötzlich all ihre Plastikflaschen einfach aus dem Fenster», blickt Ehrensperger zurück. Andere vermuteten, dass er die Flaschen für Geld verkaufe. Nach einigen Monaten reduzierte Ehrensperger deshalb seine Bemühungen und räumt jetzt nur noch ums Haus herum auf. «Um trotzdem auf die Problematik aufmerksam zu machen, haben wir Plakate ausgedruckt und aufgehängt. Wir reden auch mit vielen Menschen und hoffen, dass es etwas bewirkt. Manches funktioniert hier einfach anders», ist ihm bewusst.

Nun geniessen die vier Auswanderer die intensive Zeit als Familie. Klar, dass dabei auch viel musiziert wird. Es sei schön zu sehen, wie sich seine Söhne in die Musik hineingeben, freut sich der stolze Vater. Andererseits ist ihm bewusst, dass ihnen die sozialen Kontakte fehlen, die sie gerade erst geknüpft hatten. Im September wollte Mefia mit Evan und Levin in die alte Heimat fliegen, doch weil unsicher war, ob sie wieder nach Ghana zurückfliegen durften, verzichteten sie schwerzen Herzens. Dafür verbrachte Beda im Oktober mit seinen Söhnen eine Woche in der Voltaregion.


Mehr Bassgitarre als Schlagzeug
Mit neuer Energie kehrte Beda Ehrensperger nach Accra zurück, wo er in seinem neuen Tonstudio über hervorragende Bedingungen verfügt. «Es ist viel grösser als in Dättwil, hier habe ich wirklich Raum für die Musik», schwärmt der Schlagzeuger. Durch Afrika habe er sich von vielem gelöst, erzählt er: «Ich mache jetzt noch mehr Musik, die aus mir heraus kommt. Als junger Mann habe ich mich mehr mit anderen verglichen, nun habe ich viel Vertrauen in mich selber.» Er spielt mittlerweile sogar mehr Bassgitarre als Schlagzeug und macht Musik mit anderen Künstlern, die er in der Szene kennenlernt. Einer von ihnen, der Schlagzeuger David, lebt derzeit bei den Ehrenspergers, ebenso wie Mefias Nichte Mame Yaa, die später auch im Kulturzentrum mitarbeiten wird. «Wir werden ein reiner Familienbetrieb», erklärt Ehrensperger.

Die Eröffnung von «Bedaʹs» war ursprünglich für Dezember geplant. Das werde aber wohl knapp, ahnt Beda Ehrensperger schon. Aber der Schweizer nimmt es mit afrikanischer Gelassenheit: «Dann habe ich mehr Zeit für anderes, das ist auch okay!»

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