Highlander sorgt für Highlights

Wer Roger Speckert bei «Amazing Grace» zuhört, kriegt Gänsehaut. Der Bankangestellte hat den Dudelsack für sich entdeckt.

Roger Speckert in Aktion: Eine halbe Stunde dauert die Anprobe für den traditionellen «Ceremonial Dress». (Bild: zVg)

07. Juli 2021
13:44

Wer Roger Speckert bucht, kriegt einen passionierten Dudelsackspieler in Uniform. Ein Grossteil der Gage aus seinen Aufführungen geht an gute Zwecke. Ja, die Frage werde natürlich immer wieder gestellt: «Tragen Sie eine Unterhose unter dem Kilt, diesem knielangen Rock?» Roger Speckert hat darauf viele Antworten auf Lager, je nach Situation. Und nachgeprüft, so Speckert, habe bislang noch niemand die Unterhosenfrage. So soll es auch bleiben.

Wir sind in Würenlos, in einem ruhigen Quartier mit Einfamilienhäusern. Hier wohnt ein leidenschaftlicher Schottlandfan, der erst im Erwachsenenalter mit dem Dudelsack zu üben begonnen hat. Vor etwa elf Jahren startete Roger Speckert mit dem seltsamen Musikinstrument. Jeden Tag übte er. Die Fortschritte machten sich schnell bemerkbar. Nach bereits einem Jahr war er so gut, dass er in eine Band einsteigen konnte.

Nun will der 52-Jährige durchstarten. Dazu hat er das Marketing aufgerüstet. Auf seiner Homepage argoviapiper.ch schreibt er: «Dudelsack zu spielen, war schon länger mein Wunsch – das Instrument fasziniert mich!»


Zum Üben in den Keller

Seit einigen Jahren spielt Speckert auf Hochzeiten, Geburtstagen oder Jubiläumsfeiern und Beerdigungen. Die Frage drängt sich auf: Wer bestellt einen Dudelsackspieler zu seiner Hochzeit? Speckert muss lächeln. Dann führt er aus. Es seien vor allem Menschen mit schottischem Hintergrund oder solche, die diese Musik lieben, die ihn engagieren. Er erzählt von den Gänsehautmomenten, wenn er in der Kirche «Amazing Grace» spielt.

Der zweifache Familienvater lebt seit über zwanzig Jahren in Würenlos. Wenn er üben muss, geht er in den Keller seines Hauses. Die Kinder und die Frau spielen andere Instrumente.

Speckert sagt bescheiden, dass er nicht der beste Dudelsackspieler sei. Da gebe es andere, die schon in der Kindheit angefangen haben. Er füllt die Lücke mit seinem Charisma und der Selbstironie, die nicht allen Künstlern eigen ist. Als er mit dem Dudelsack angefangen habe, sei er häufig zu selbstkritisch gewesen, erzählt er. Einmal sei er nach einem Auftritt zum Veranstalter gegangen und habe sich entschuldigt, weil er bei einem Stück einen falschen Ton gewählt hatte. Der Mann habe ihn nur komisch angeguckt: «Und wer soll das gemerkt haben?»


Selbstzufriedenheit und Fehlertoleranz

Von seinen schottischen Freunden und Bekannten hat Roger Speckert dann Selbstzufriedenheit gelernt. Einer, von dem er einen Heidenrespekt hatte, bat ihn an einem lauschigen Abend, frei zu improvisieren. Zuerst sei er gehemmt gewesen, dann aber löste sich etwas. Der Freund sei tief beeindruckt gewesen.

Ein anderes Mal spielte er in Luzern vor schottischen Hochzeitsgästen. Angst hatte er nicht, aber Respekt. Die Menschen waren dann so begeistert, dass ein Schweizer den Dudelsack so gut beherrscht. Einer der Hochzeitsgäste verschwand daraufhin plötzlich und kehrte mit einer teuren Flasche Whisky zurück. Ein Geschenk für den Dudelsackspieler. Widerrede nicht gestattet, das sei Tradition.


Mutperlen für krebskranke Kinder und Jugendliche

Roger Speckert könnte noch viele solche Anekdoten erzählen. Der Bankangestellte verlangt zwar eine relativ geringe Gage, ein Grossteil des Geldes landet aber nicht in seinen Taschen, sondern geht in die Stiftung mutperlen.ch. Krebskranke Kinder und Jugendliche erhalten auf ihrem Weg zur Rekonvaleszenz immer wieder Mutperlen. Das sind Glasperlen, die sie aneinanderreihen können und die sie an wichtige Meilensteine erinnern. Bei Erstaufnahme in einer onkologischen Station erhalten die Kinder und Jugendlichen eine lange Schnur, auf die sie zunächst das Hoffnungssymbol des Ankers, das Kinder-Krebshilfe-Schnecklein und ihren Vornamen aus bunten Buchstabenperlen fädeln. In den folgenden Monaten kommen, je nach Therapie und Untersuchungen, die unterschiedlichsten Mutperlen dazu. Am Ende, wenn alles überstanden ist, können sie auf die meterlangen Ketten zurückschauen und so die Erinnerungen festhalten.

Die Idee mit der Gagenverwendung stammt – wie viele guten Ideen – von Speckerts Ehefrau. Geld steht bei der Musik für ihn nicht im Vordergrund, auch wenn der Unterhalt der Kleidung und des Musikinstruments teuer sind. Sowohl der «Ceremonial Dress» als auch der Dudelsack kosteten je rund 1500 Franken. Speckert will aber nicht nur vermehrt auftreten, sondern die Tradition in der Schweiz weitergeben. Wer Interesse hat, kann sich bei ihm für einen Schnupperkurs anmelden. Er hilft auch bei der Vermittlung von Instrumenten und Kilts.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

«Dem Aargauer Wein fehlt eine Lobby»

Die ­Weinernte hat begonnen. Weinakademiker ­Markus ­Utiger über den aktuellen… Weiterlesen

Zwei Freienwilerinnen wollen es wissen

Überraschung in Freienwil: Finanzexpertin Christa Ledergerber – Mitglied der… Weiterlesen

region

«Wir sind auf dem richtigen Weg»

Im Bildungsnetzwerk Aargau Ost sind die beiden Regionen Baden und Brugg vereint.… Weiterlesen

region

Frisches Wasser aus der Tiefe

Der traditionelle, durch Energie Wettingen AG organisierte Quellenrundgang war… Weiterlesen

region

Der Mensch ist Teil der Natur

Der ehemalige Revierförster Philipp Vock wurde unter anderem für den Aufbau… Weiterlesen