«Horror ist besser als sein Ruf»

Michel Frutig (39) leitet das erste Deutschschweizer Horrorfilmfestival Brugggore, das vom 22. bis 24. April im Kino Excelsior stattfinden soll.

Es ist angerichtet: Michel Frutig präsentiert in der Odeon Bar in Brugg das Festival-Logo. (Bild: sha)

07. April 2021
17:57

Einen freundlicheren Menschen als Michel Frutig kann man sich nur schwer vorstellen. Mit offenem Blick und sprudelnd vor Vorfreude beantwortet er Fragen zum Festival Brugggore, das im Kino Excelsior über die Bühne gehen soll und dessen Leiter er ist. Der 39-Jährige Hüne lacht gern und oft. Grusel will beim Gespräch mit ihm nicht aufkommen. Natürlich kennt Frutig aber das Klischee des gestörten Horrorfilmkonsumenten nur allzu gut. «Das ist wie beim Heavy Metal und seinem schlechten Ruf. Dabei gibt es kaum ein friedlicheres Publikum als bei Metal Festivals, die ich genauso gern besuche, wie ich Horrorfilme mag», erwidert der 39-jährige gebürtige Berner. Er selbst konsumiere seit Teenagerzeiten Horrorfilme und sei immer noch ziemlich normal, fügt er amüsiert an. «Ich glaube nicht, dass man durch Filme zum Serienmörder werden kann.» Allenfalls würden manche etwas eigenbrötlerisch, wenn sie sich nur Filme anschauten, in denen das Kunstblut literweise fliesst.


Spiel mit den Urängsten

Das Faszinierende am Horrorgenre jedoch sei gerade, dass es menschliche Urängste wie Dunkelheit, Alleinsein, Eingesperrtsein oder auch den Ekel vor Spinnen beflügle. «Gute Horrorfilme lassen das Blut in den Adern gefrieren und sorgen für die Adrenalinschübe – mit Suchtpotenzial», so Frutig.

Apropos Serienmörder: Die Klassiker des Genres wie Michael Myers («Halloween»), Freddie Krueger («Nightmare on Elm Street») oder Jason Vorhees («Freitag, der 13.») kennt Michel Frutig in- und auswendig. Und vom legendären «Tanz der Teufel» («Evil Dead») von Sam Raimi findet er sogar das Remake gut, was sehr selten sei. Aber es waren nicht nur diese Klassiker, die ihn prägten. Frutig erwähnt den US-Film «The Blair Witch Project» aus dem Jahr 1999, das ihn so richtig zum Anhänger des gepflegten Horrors werden liess. Bei diesem pseudodokumentarischen Streifen ist lange nicht klar, ob es sich um Fiktion oder echte Videoaufzeichnungen dreier Studenten handelt, die in einem Wald verschwanden. Das war «Hühnerhaut pur», so Frutig.

 

Film als Hobby und Beruf

«Grundsätzlich interessiert mich alles, was mit Film zu tun hat», betont Frutig. Als Co-Geschäftsführer der Maybaum Film AG in Baden konzipiert er Werbefilme für BFU-Kampagnen, dreht Imagefilme über Firmen oder erläutert in Bild und Ton komplexe Nagra-Projektvorhaben. Er sei in der glücklichen Lage, sein Hobby «Film» auch beruflich ausüben zu dürfen, sagt der vor einigen Monaten nach Brugg Gezogene.

Und hier entstand letzten Sommer die Idee. Frutig buchte für einen «Wunschfilm mit Freunden» das Kino Excelsior von Stephan Filati. Zusammen sinnierten sie über die Idee, und geboren war «Brugggore», wobei «Gore» die englische Bezeichnung für geronnenes Blut ist und auch Aufspiessen oder Ausweiden bedeutet. Der Name bezeichnet ein Genre, genauso wie es Slasher-, Revenge-, Zombie- und Creature-Filme gibt.  

 

Achtzehn Filme ausgewählt

Mit Programmdirektor Daniel Steffen und Salomé Brozman (zuständig für internationale Buchungen) hat sich Frutig 130 aus aller Welt eingereichte Streifen angeschaut. «Vor allem aus Indien und China war die eine oder andere Sozialdrama-Perle darunter», meint er lachend. «Doch weil Horror sehr vielseitig ausgelegt werden kann, mussten wir uns die meisten anschauen.» Mehrere Hundert Stunden beanspruchte dies. Es blieben achtzehn Filme, die im Rahmen von Brugggore gezeigt werden. «Wir nehmen das, was fürs normale Kino zu extrem, zu klein, zu komisch oder zu speziell ist und idealerweise am etablierten Neuchatel International Fantastic Film Festival (NIFF) nicht gezeigt wird. Viele Filme mussten wir selbst untertiteln, doch für uns kommt nur die Originalsprache infrage, auch wenn das brutal viel Büez war», erklärt Frutig.

Nun freut er sich auf einige Werke, die noch nie in Schweizer Kinos zu sehen waren. Dazu zählen etwa «Cyst» (ein Old School Film, in welchem viel Eiter fliesst) oder «Benny Loves You» mit Plüschtierhorror. Als weiteres Highlight kündigt Frutig «Fried Barry» an – einen neuen Film von Ryan Kruger aus Südafrika, der einen  witzig-schrägen Typen durch das nächtliche Kapstadt begleitet.

170 Sitzplätze würden im Excelsior theoretisch fürs dreitägige Filmfestival (bruggore.ch) zur Verfügung stehen. «Wegen Covid verkaufen wir dieses Jahr allerdings nur 50 Tickets», so Frutig. Ist also alles bereit? «Ja, definitiv», sagt er, «wäre da nicht die Pandemielage.» Die Ungewissheit, ob das Festival stattfinden kann, sei eine Katastrophe.

Plan B sieht ein Ausweichdatum Ende Mai vor. «Alternativ teilen wir das Festival auf einzelne Filmvorführungen über den Sommer auf. Es muss einfach stattfinden!», hofft der Festivaldirektor. Man spürt: Diese Ungewissheit lässt ihn beinahe mehr erschauern, als es der schlimmste Horrorfilm tun könnte.

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