«Ich bike lieber mit Frauen»

Der Ennetbadener Hansj Oppliger (64) lebt seine Outdoor-Begeisterung nicht nur in Beruf und Freizeit aus, sondern sogar zu Hause.

Seine Seele lässt Hansj Oppliger am liebsten in der Hängematte baumeln. (Bild: rhö)

04. August 2021
14:30

«Obwohl es gar nicht meine Idee war, einen Blog zu machen, freue ich mich riesig, dass nun bereits 200 000 Besuche auf hjop.ch registriert wurden», sagt Hansj Oppliger, dem es in seinen reich bebilderten Einträgen denn auch nicht in erster Linie um Selbstdarstellung geht, sondern vor allem ums Teilen seiner Passion mit Gleichgesinnten. «Es ist einfach wunderschön, sich draussen in der Natur zu bewegen und zu campieren!» Wer den Wahl-Ennetbadener besucht, der seit neunzehn Jahren in der Genossenschaft Limmatau unweit des Landvogteischlosses wohnt, zweifelt nicht daran, dass er von Kopf bis Fuss auf Outdoor eingestellt ist. Seine kleine Loft im Dachgeschoss ist so spartanisch eingerichtet und voll von Ausrüstung für seine Touren, dass er sich zu Hause schon fast wie auf einem Zeltplatz vorkommt.


Die Seele baumeln lassen

Wer hereinkommt, sieht schon die zwei Bikes sowie die Touren- und Langlaufskis, Paddel und die Sport­tasche, die an der Wand lehnen, und jede Menge Helme und wetterfeste Bekleidung. Seine Seele lässt Hansj, wie er von allen nur genannt werden möchte, in der roten Hängematte in der Mitte des Raums baumeln, oder er setzt sich an den Zweiertisch auf dem Podest, das er unters Fenster gebaut hat, da die Loft weder eine Terrasse noch einen Balkon besitzt. «So kann ich beim Zmorge oder Znacht auf die Limmat hinaussehen und höre das Wasser rauschen.»

Den grössten Genuss empfindet Hansj jedoch weder in den eigenen vier Wänden noch in fremden, sondern an der frischen Luft. So übernachtet er am liebsten in einem leichten Zelt oder in einem Biwaksack, über den er ein Tarp (eine Plane) spannt. Sein häufigstes Ziel ist der Camping Morteratsch in Pontresina. Auf dem höchstgelegenen ganzjährig geöffneten Campingplatz Europas verbringt er nicht nur in den wärmeren Monaten viel Zeit, sondern sogar im Winter drei bis fünf Wochen, in diesem Corona-Winter sogar 62 Nächte. «Er bietet eine gute Infrastruktur zu einem erschwinglichen Preis», lobt ihn Hansj. «Wenn das Wetter so schlecht ist, dass ich keine Lust habe, mir auf dem Gaskocher ein Fondue zu machen, kann ich im Aufenthaltsraum etwas köcheln oder ins Beizli gehen.» Die SAC-Hütten kennt er zwar alle, aber nur, weil er dort einkehrt und um Erlaubnis bittet, in der Nähe zu campieren. «Das hat nicht nur finanzielle Gründe», erklärt er lachend. «Ich cha die cheibe Schnarcherei i de Massenschläg einfach nöd ha. Da isch immer öpper, wo saget!»

Schon in seiner Jugend in Neuenhof zog es Hansj in die Natur. «Ich war ein Zappelphilipp, heute würde man sagen, ich hätte ADHS gehabt», bekennt er. Seine Mutter und die Lehrer hatten Mühe, damit umzugehen. So verbrachte er seine Freizeit schon damals am liebsten im Wald, wo er sich austoben konnte und seine Ruhe fand. Gerne hätte er Geografie studiert, doch zu spät wurde ihm klar, dass seine schulische Begabung dafür ausgereicht hätte. «Mir hätte es auch entsprochen, Förster oder Gärtner zu werden, aber nach den Schnupperlehren hiess es immer, dass ich dafür mit meinen 46 Kilo einfach nicht kräftig genug wäre.» Da er kommunikativ war, konnte er bei «Ochsner» in Spreitenbach eine Lehre als Sportartikelverkäufer machen. Später arbeitete er in diesem Beruf auch bei «Peterhans» und «Marka» in Baden und versuchte parallel dazu auszuloten, was er als Sportler zu leisten imstande war.

Hansj nahm mehrfach am 24-Stunden-Velorennen von Schötz teil. Mit seiner Bestleistung von 720 Kilometern schaffte er es bis auf den siebten Platz. «Er machte mich mega stolz, weil ich wusste, dass es vor allem eine Willensleistung war», erinnert er sich. «Ich bin kein Ferrari, sondern ein VW. Er läuft und läuft und läuft …» Neben dem Training blieb jedoch nicht mehr genügend Zeit für seine Frau und die beiden kleinen Kinder. Als er später in eine Lebenskrise schlitterte, begann er, sportlich und beruflich andere Prioritäten zu setzen. «Heute brauche ich den Stress nicht mehr. Ich geniesse einfach die Landschaft, Neues zu entdecken oder immer wieder den Bergfrühling im Engadin mit all seinen Blumen und Tieren – und danach ein Bier und ein Plättli.»


Zum Dank Blog programmiert

Meistens ist Hansj allein unterwegs – ansonsten fast nur mit Frauen, die zwanzig bis vierzig Jahre jünger sind. «Das Problem an den Männern ist: Die haben immer eine Startnummer hinten drauf», erklärt er. «Bi dene muss immer eine günne und das verträg i eifach nümm!» Zu den Ausnahmen zählt sein Bekannter Michi Joos, dem er 2011 eine Woche lang seine liebsten Bike-Touren im Engadin zeigte. Zum Dank programmierte ihm der IT-Freak einen Blog. «So kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Seither kann ich meine Fotos und Erlebnisse mit anderen teilen und verabrede mich mit ihnen manchmal später noch in natura.»

Seelenverwandte lernt Hansj auch am Arbeitsplatz kennen, den er vor fünfzehn Jahren gefunden hat. Er ist im «Transa» an der Zürcher Europa­allee, dem grössten Outdoor-Fachgeschäft der Schweiz, für die Zeltabteilung verantwortlich und bricht einmal pro Woche eine Lanze für analoge Karten, aber nicht mit einem vollen Pensum. «Sonst hätte ich ja zu wenig Zeit für meine Touren!» Nach dem Erreichen des AHV-Alters will er noch nicht in Pension gehen, sondern nur das Pensum von 70 auf 40 Prozent reduzieren. «Die Arbeitskollegen und Kunden, von denen die meisten meine Passion teilen, würde ich sonst viel zu sehr vermissen!»

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