«Ich bin ein sinnorientierter Mensch»

Tamara Lehmann der Bäckerei-Konditorei Lehmann in Schinznach-Dorf denkt strategisch. Sie will den Zeitgeist erfassen und die bestmögliche Lösung in allen Bereichen finden.  

Tamara Lehmann übernimmt in zweiter Generation die Bäckerei (Bild: cl)

von
Claudia Marek

06. Februar 2020
09:00

«Ich wollte das Geschäft nie übernehmen», sagt Tamara Lehmann lachend. «Ich habe gesehen, wie viel Energie und Arbeit meine Eltern in das Geschäft stecken. Das wollte ich mir nicht antun.» Also schlug die junge Frau erst einen anderen Weg ein. Sie machte das KV, arbeitete in der Reisebranche und liebte es, zu reisen. Vor acht Jahren, während sie ein Studium in Betriebswirtschaft absolvierte, zog es Tamara Lehmann doch wieder heimwärts. Sie fasste den Entschluss, in das Geschäft einzusteigen. Denn neben der vielen Arbeit sah sie auch die Möglichkeiten. Sie könne schöpferisch tätig sein, beispielsweise einen Laden gestalten, neue Inhalte schaffen, Strategien entwickeln und das Wichtigste, wie sie sagt, «den Zeitgeist erfassen». Wohin geht es in der Gesellschaft? Auf was wollen wir setzen? «Und all das kann ich mit Menschen zusammen machen, denn alleine geht das nicht», so die 32-Jährige. Das sei toll. Es sei für sie wichtig, hinter dem, was sie mache, stehen zu können. «Ich bin ein sinnorientierter Mensch, erklärt sie. Nun hat Vater Martin am 1. Januar seiner Tochter die Geschäftsleitung übergeben.

 

Alte Sorten neu entdeckt

Vieles hat sich geändert, seit die Eltern Claudia und Martin Lehmann den Laden 1984 von Emil Hartmann übernommen haben. Heute betreibt das Unternehmen auch Filialen in Birmenstorf, Windisch und Brunegg. Neu findet man einen Verkaufsstand jeweils am Brugger Markt. Und vielleicht auch bald in Baden. Im Moment steht der Ladenumbau in Schinznach-Dorf auf dem Plan. Nach dem Brand vor einem Jahr habe man sich für einen kompletten Umbau entschieden. Bei der Wahl des Interieurs setzt Tamara Lehmann auf eine Mischung zwischen modernen Elementen und Retro-Stücken. Ein bekannter Künstler wird ein Wandbild gestalten. Mehr verrät sie nicht. Sie möchte die Kunden überraschen. Denn Anfang März ist ein Tag der offenen Tür geplant.

 

Ideen gehen nicht aus

Auch im Sortiment wird es Änderungen geben. «Wir überarbeiten das Spezialbrotsortiment», erzählt Tamara Lehmann. «Wir möchten vermehrt regionale und nachhaltige Produkte anbieten», sagt sie. Vorwärts gehen, heisse in diesem Fall auch zurückfinden zu alten Rohstoffen, wie der Hirse, dem Hafer, Leinsamen, Waldstaudenroggen. «Wir möchten mehr mit Urdinkel machen und auch vermehrt weitere bio-zertifizierte Produkte anbieten», erklärt Tamara Lehmann. Die Ideen gehen ihr nicht aus, aber umsetzen könne man nie alles. «Ein Kleinbetrieb hat immer viele Baustellen», erläutert sie schmunzelnd. Sie kennt es, damit ist sie aufgewachsen.

 

Ein Flair für Zahlen

In dem Geschäftshaus in Schinznach-Dorf ist Tamara Lehmann zusammen mit drei Brüdern aufgewachsen. «Das Geschäft war allgegenwärtig», erzählt sie rückblickend. «Es war Thema beim Zmittag und Znacht», führt sie aus. Kaum konnten die Kinder einigermassen zählen, verdienten sie mit verschiedenen Arbeiten im Geschäft ihr Sackgeld. Meist waren es Vorbereitungsarbeiten für den nächsten Tag. Nussgipfel und andere Backwaren abzählen beispielsweise. Am liebsten hat sie die Rechnungen Ende des Monats abgelegt. «Ich mochte schon immer Zahlen», sagt sie schmunzelnd. 

Wenn eine Ausstellung anstand,  war es klar, dass alle mithelfen. Ferien gab es eine Woche pro Jahr, in der man als Familie mit dem Auto irgendwohin fuhr. Was aber auch nicht immer geklappt hat. Der Vater habe auch schon kurz vor der Abfahrt die Koffer wieder aus dem Auto genommen, weil ein Anruf kam, der einen wichtigen Auftrag beinhaltete.  «Für mich war das normal», sagt Tamara Lehmann. «Ich kannte es nicht anders.» Sie sieht auch Vorteile. «Viele meiner Schulkameraden erlebten den Papi nur am Abend oder am Wochenende. Bei mir war immer jemand da», erzählt sie. Die Kinder wurden früh selbständig. Mit dem Geschäftsbus lernten sie Auto fahren. Aber damals war an einen Einstieg ins Geschäft nicht zu denken. Und weil Tamara Lehmann Zahlensysteme liebt, machte sie das KV.

 

Eine Herausforderung

Heute wünscht sie sich, dass es ihr gelingt, den Betrieb auch 30 Jahre lang führen zu können, wie ihre Eltern. «Eine Riesenherausforderung», sagt sie. Denn rund 60 Betriebe würden jährlich schliessen. Doch sie blickt zuversichtlich in die Zukunft. «Ich werde weiterhin den Zeitgeist erfassen und ihn in allen Bereichen aufnehmen», ist sie überzeugt.

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