«Ich bin eine Familienpolitikerin»

Nationalratspräsidentin Irène Kälin fand in einem ehemaligen «Spycher» in Oberflachs ihr Traumdomizil und entwickelte einen Nestbautrieb.

Nationalratspräsidentin Irène Kälin setzt sich für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein. (Bild: zVg | Nicolas Righetti)

15. Dezember 2021
16:55

Im Bundeshaus Bern hat Irène Kälin eine kometenhafte Karriere hingelegt. Nach gerade mal vier Jahren im Nationalrat wurde sie zu dessen Präsidentin und damit höchsten Schweizerin gewählt. Trotzdem gibt sie sich im Gespräch offen und unkompliziert. Auch über ihr Privatleben plaudert die 34-Jährige unbefangen. Erzählt, dass Partner Werner De Schepper vor vier Jahren beim Gipfelikaufen in ihrem einstigen Wohnort Lenzburg das «Hexenhäuschen» in Oberflachs entdeckt habe, das früher als Speicher diente. «Wir haben uns beide darin verliebt. Eigentlich war für mich die Vorstellung, auf dem Land zu leben, bisher alles andere als ein Traum. Aber mit der Geburt meines Sohnes entwickelte ich plötzlich einen gewissen Nestbautrieb. Heute könnte ich mir keinen schöneren Wohnort mehr vorstellen.» Es ist nicht das erste, was in Kälins Leben anders kommt als ursprünglich geplant. Kurz vor dem Abschluss ihres Masterstudiums in Religionskulturen wurde sie in den Nationalrat gewählt. Ihre Abschlussarbeit reichte sie nach, während sie bereits im Amt und schwanger war.


Von der Listenfüllerin zur Grossrätin
Kälin ist in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem das Weltgeschehen präsent war. «Ich hatte immer einen starken Gerechtigkeitssinn und wollte mich für Menschen in Not und den Erhalt der Natur einsetzen», erzählt die gebürtige Würenlingerin, die in Lenzburg aufwuchs. Sie nahm an Demos teil und beteiligte sich an Unterschriftensammlungen für Petitionen, die ihren Anliegen für Klimaschutz und bessere Bedingungen für in die Schweiz geflüchtete Menschen betrafen. «Dass ich aber einmal ein politisches Amt bekleiden würde, hätte ich nie gedacht», erinnert sie sich und lacht. Als Grüne kandidierte sie für den Grossen Rat zuerst nur als Listenfüllerin, vertrat dann verschiedene Kommissionen und avancierte 2013 zur Co-Fraktionspräsidentin ihrer Partei. Mittlerweile brannte ihr Herz für die Politik. 2015 stellte sie sich für die Nationalratswahlen auf. Klappen sollte es aber erst zwei Jahre später, als ihr Vorgänger Jonas Fricker wegen eines Fehltritts seinen Rücktritt bekannt geben musste.


Schwere Zeiten
Ihr Sohn, der mittlerweile dreieinhalb Jahre alt ist, wurde mitten in einer Session geboren. Nach drei Monaten war Kälin bereits wieder an ihrem Arbeitsplatz. «Mein Partner brachte ihn immer zum Stillen zu mir. Bei einer Abstimmung im Nationalratssaal schlief er einmal friedlich auf meiner Brust ein.» Sie engagierte sich dafür, dass es im Bundeshaus endlich einen Wickeltisch gibt und sorgte damit für Schlagzeilen. Zu den Medien hat sie ein gutes Verhältnis. Trotz der Hetze gegen ihren Lebensgefährten, dem sexuelle Belästigung in seiner Zeit als Blick-Chefredaktor vorgeworfen wurde. «Für uns war das eine schwierige Zeit, die wir aber gemeinsam verarbeitet haben», sagt Kälin dazu. Sie steht hinter der MeToo-
Bewegung, findet jedoch, dass bei gewissen Einzelfallbewertungen Leute zu schnell verurteilt werden.


Familienfreundlichere Strukturen
Ihr Amtsjahr als Nationalratspräsidentin hat die junge Mutter unter das Motto «Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie» gestellt. Es bestehe diesbezüglich an allen Ecken und Enden Handlungsbedarf, findet sie. «Es gibt zu wenig Kita-Plätze, und sie sind viel zu teuer», bekundet die Volks­vertreterin. Die Familienpolitik habe hierzulande im Gegensatz zu den Nachbarländern einen sehr kleinen Stellenwert. «Eltern, die sich eine egalitäre Rollenverteilung in der Kindererziehung wünschen, wird es zu oft schwer gemacht, ihr Arbeitspensum zu reduzieren. Da sind die Arbeitgeber in der Pflicht, mehr Jobsharing – auch in Cheffunktionen – anzubieten.» Ein weiteres Produkt der mangelhaften Familienstrukturen sei der Fachkräftemangel. «Wir haben top ausgebildete Frauen, die wegen der schweren Vereinbarkeit von Familie und Job nicht mehr oder nur teilweise in ihren Beruf zurückgehen.» Kinder zu haben, ist nicht nur Privatsache. Das Elternsein muss ihrer Ansicht nach gesellschaftlich mitgetragen werden. «Unser Nachwuchs macht die nächste Generation aus, die uns in die Zukunft trägt und nicht zuletzt dafür sorgt, dass unsere Rente gesichert ist.» Kälin und De Schepper teilen sich die Erziehungsverantwortung. Er hat während des Präsidialjahrs seiner Frau den Job als Co-Chefredaktor bei der Schweizer Illustrierten auf drei Tage reduziert. 


Politischer Wandel
Dass sie in ihrer jetzigen Funktion als Nationalratspräsidentin wesentliche Veränderungen herbeiführen kann, bezweifelt Kälin. «Es ist eine Ehre, dieses Amt auszuführen. Macht habe ich als Einzelperson jedoch wenig.» Wichtig ist ihr, der Öffentlichkeit das Bild einer jungen Politikerin zu zeigen, die den Spagat zwischen Politik und Familien-leben schafft. «Früher waren Politiker im klassischen Sinne rund 60-jährige männliche Personen. Heute werden viele Jungpolitikerinnen und -politiker ins Parlament gewählt, und die Frauenquote im Nationalrat beträgt immerhin erstmals über 40 Prozent. Mit diesem Strukturwandel verändert sich auch die Politik; sie muss familienfreundlicher werden. Darauf wartet die Gesellschaft schon lange», ist Kälin überzeugt.

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