«Ich empfehle einen Hund aus dem Heim»

Martin Rütter ist Comedian, TV-Produzent und Buchautor. Vor allem aber ist er Hundetrainer. Bald ist der Fachmann in Zürich zu Gast.

Martin Rütter Fachmann in Sachen «Hund»
Martin Rütter Fachmann in Sachen «Hund» (Bild: zvg/Guido Engels)

von
Reinhold Hönle

21. März 2018
10:20

Martin Rütter, welches ist die Frage, die Ihnen am häufigsten gestellt wird?

Heutzutage fragen Hundehalter meistens «Würden Sie ein Foto mit mir machen?» und Journalisten «Welches sind die grössten Fehler, die man als Hundehalter machen kann?». 


Und was antworten Sie den Journalisten?

Sich einen Hund anzuschaffen, ohne sich vorher gut zu informieren. Viele Leute verlieben sich in ein Erscheinungsbild und sagen: «Den will ich haben!» Es ist zwar normal, dass man sich bei der Partnerwahl zuerst von der Optik leiten lässt. Wenn du bei einer Frau nach sechs Wochen merkst, dass es nicht passt, trennt ihr euch einfach wieder. Bei einem Hund sollte man sich vorher überlegen, ob man für ihn Zeit hat, ob ein Welpe oder ein erwachsenes Tier besser ist, welche Rasse einem von ihrer Grösse und ihrem Charakter entspricht.


Was ist für den Hund das Beste?

Das grösste Geschenk an einen Hund ist, wenn man ihn wie einen Hund behandelt und nicht vermenschlicht. Der Hund braucht Konsequenz und Beschäftigung. Die meisten Probleme, denen ich begegnet bin, kamen daher, dass der Hund geistig unterfordert war. Viele Leute haben Mühe zu verstehen, dass es nicht reicht, wenn sie mit ihm drei Stunden spazieren gehen. Er muss auch eine Funktion haben oder spielerisch beschäftigt werden.


Wie finde ich heraus, welcher Hund zu mir passt?

Es gibt im deutschsprachigen Raum ein Netzwerk von etwa hundert Hundeschulen von mir, wo man einen zweistündigen Einführungskurs machen und sich beraten lassen kann. Ich empfehle, einem Hund aus einem Tierheim ein neues Zuhause zu geben. 


Erfordert es nicht viel Erfahrung, mit möglicherweise traumatisierten Tieren umzugehen?

Diese Hunde sind eine Minderheit. Die Tierheime sind rappelvoll mit super Hunden, deren Halter das Problem waren. Ausserdem ist es für mich eine moralische Frage, nicht immer noch mehr Hunde zu produzieren, wenn es schon genügend gibt. Mein erster Welpe kam noch aus einer Rassenzucht, doch heute kommt das für mich nicht mehr in Frage. 


Wie sollte man vorgehen?

Das Tolle ist, dass du sowieso nicht in ein Tierheim gehen, dir einen Hund aussuchen und ihn gleich mitnehmen kannst. Du musst ihn mehrmals besuchen, gehst mit ihm Gassi und fühlst, ob die Chemie stimmt. Wenn nicht, hast du immerhin zehn schöne Spaziergänge gemacht und schaust halt, ob der Nächste passt. 


Wie denken Sie über das riesige Nahrungsangebot für Hunde?

Es ist erfreulich, dass es breit ist, aber man muss auch sagen, dass oft viel zu viel Theater um das Hundefutter gemacht wird – manchmal allerdings zu wenig. Viele Hunde stinken so, dass du es mit ihnen kaum in einem Raum aushältst. Sobald sie gesunde Nahrung bekommen, verschwindet nicht nur dieses Problem. Sie bekommen auch wieder ein schönes Fell. Und Kaviar braucht es dafür keinen! (lacht) Grundsätzlich ist der Hund ein komplexer Verwerter, unter dem Strich aber ein Carnivore, ein Fleischfresser. Ein absolutes No-Go ist Schokolade.


Wie sind Sie auf den Hund gekommen?

Meine Eltern sind definitiv unschuldig! Sie halten bis heute jedes Tier, das man nicht marinieren und grillieren kann, für völlig sinnlos! (lacht) Aber meine Tante Thea hatte eine Pflegestelle für kranke Tiere. Ich war wahnsinnig gerne bei ihr, ahnte aber nicht, dass sich dahinter ein Berufswunsch verstecken könnte. Parallel zum Sportstudium habe ich jedoch über 200 Hundebücher gelesen und Hunde aus der Nachbarschaft auszuführen begonnen. Unter den älteren Leuten hat sich dann herumgesprochen, dass die Hunde immer glücklich zurückgekommen und gleich eingeschlafen sind. Als ich im dritten Semester schon 60 Hunde zu betreuen hatte, reifte der Entschluss, mein Hobby zum Beruf zu machen. 


Was macht für Sie die Faszination Hund aus?

Der Hund ist das einzige Tier, das in der Lage ist, ein artfremdes Lebewesen als vollwertigen Sozialpartner zu akzeptieren. Obwohl er weiss, dass du kein Hund bist, kann er dich genauso wichtig finden. Das kann weder der Affe noch der Delfin, das Pferd schon gar nicht und die Katze will es überhaupt nicht ... Die enge emotionale Verbindung auch von der Hundeseite bringt aber auch hohe Erwartungen an den Halter mit sich, die erfüllt werden wollen. Und das finde ich unheimlich spannend – nicht nur tier-, sondern auch humanpsychologisch. 


Nun kommen Sie ins Zürcher Hallenstadion. Wie unterscheidet sich «Freispruch» von Ihren früheren Programmen?

Ich habe immer das gleiche, fachlich orientierte Konzept und komme auch nicht plötzlich an, singe, steppe und spiele Gitarre. Ich habe etwa zwölf Themen wie Jagen, Leine ziehen und Aggression herausgepickt, und überlegt, was ich für Fälle hatte, die sie illustrieren können. Erst dann fange ich an, das in eine humorvolle Form zu bringen. 


Wie sieht die aus?

Diesmal haben wir ein Gerichts­szenario mit einer sechs Meter hohen Justitia auf der Bühne aufgebaut. Zu jedem Hund wird eine Anklageschrift verlesen, z.B.: «Angeklagter Rudi, Alter vier Jahre, Gewicht 74 Kilo, Anklage: Betteln und Hausieren». Dann nehme ich als Anwalt der Hunde Stellung und erläutere, was der Halter falsch gemacht hat. Dann entscheiden die Geschworenen, sprich das Publikum: Freispruch oder Tierheim? 

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