«Ich hatte nie einen Aargauer-Komplex»

«Zeitgeschichte Aargau» wirft einen «frischen» Blick auf die Geschichte des Kantons. Das Pro-jekt hat Patrick Zehnder begeistert – und inspiriert.

«Der Aargau ist eine Art Suisse miniature», ist der Birmenstorfer Historiker Patrick Zehnder überzeugt. (Bild: zVg | Alex Spichale)

15. Dezember 2021
16:52

Patrick Zehnder, 54

absolvierte nach einer kaufmännischen Lehre die Erwachsenenmatura, um anschliessend an der Universität Zürich Allgemeine Geschichte und Germanistik zu studieren. Er arbeitet hauptberuflich als Gymnasiallehrer an der Kantonsschule Baden. Daneben ist er freischaffender Historiker. Er ist Co-Leiter des Projekts «Zeitgeschichte Aargau» und erforschte als Autor die Themenbereiche Land- und Forstwirtschaft, Demografie und Jugendkultur. Er wohnt mit seiner Familie in Birmenstorf.

 

Zeitgeschichte Aargau

Das im November erschienene Buch bildet das wissenschaftliche Rückgrat eines vierjährigen Projekts, das die jüngste Geschichte des Aargaus unter die Lupe nimmt. Die Historische Gesellschaft Aargau als Herausgeberin betraute Fabian Furter (Wohlen/Baden) und Patrick Zehnder (Birmenstorf) mit der Projektleitung. Zu ihrem Team gehörten unter anderem Astrid Baldinger Fuchs (Riniken), Ruth Wiederkehr (Ennetbaden) und Titus J. Meier (Brugg). Erschienen ist das Buch im Badener Verlag Hier+Jetzt, die Filme und Gespräche mit Zeitzeugen sind auf Youtube zu sehen.

zeitgeschichte-aargau.ch

Patrick Zehnder, gemeinsam mit Ihren Kolleginnen und Kollegen haben Sie ein in jeder Hinsicht gewichtiges Werk geschaffen. Zementieren Sie mit dem 2,4 Kilogramm schweren Band nicht gerade das Vorurteil «Geschichtsbücher sind was fürs Archiv»?

Das Projekt umfasst auch Dokumentarfilme und Unterrichtsmodule, die der Lehrstuhl «Räume, Zeiten, Gesellschaften» der FHNW in Zusammenarbeit mit uns erstellt. Dies ist wohl unser grösster Multiplikator. Zudem haben wir bereits während des Arbeitsprozesses verschiedene Bilder und Themen publiziert, die für den Aargau wichtig sind. Aber klar: Das Buch ist die Grundlage. Ohne sie hätten wir das Projekt nicht durchführen können.


Zustande kam es ja wie ein Puzzle – von verschiedenen Autorinnen und Autoren, die in Teilbereichen geforscht haben. Hat dabei jeder im stillen Kämmerchen gearbeitet, oder gab es auch eine Debatte?

Wichtig war uns, das Ganze neu anzugehen, mit jungen Autorinnen und Autoren, welche die Themen aus der Perspektive nach 1950 heraus betrachten konnten. Natürlich ist die Arbeit eines Historikers oft eine einsame Angelegenheit. Umso wichtiger war uns der Austausch, virtuell und bei Retraiten. Wir haben uns gegenseitig die Kapitel gezeigt und einander durchaus kritische Rückmeldungen gegeben.


Was macht denn diesen «frischen» Blick der jungen Autorenschaft aus?

Entstanden sind zwei grundlegend neue Thesen. Erstens denken wir, dass der Aargau eine Art Suisse miniature ist. Alles, was es sonst wo gibt, gibt es auch bei uns. Die Frage des Regionalismus beispielsweise ist hier sehr ausgeprägt, dann die Grenzthematik, das  Stadt-Land-Gefälle, die Fragen der Bevölkerungsentwicklung, des Wachstums, des Wegzugs ins Ausland: Das alles prägt den Aargau, und damit repräsentiert er die Schweiz im Kleinformat.


Und die zweite These?

Die besagt, dass der Aargau durch seinen hohen Anteil an kleinen Zentren den übergeordneten Zentren als Testfeld der Moderne gedient hat. Wir hatten in Kölliken die erste Autobahnraststätte der Schweiz, in Spreitenbach das erste Shoppingcenter, in der Aarauer Telli die grösste Hochhaussiedlung mit 1200 Wohnungen. Was die städtebaulichen Experimente angeht, zählten wir ebenfalls zu den Pionieren – etwa mit dem Augarten in Rheinfelden. Auch die Nukleartechnologie, das «Atomic Valley», das von Baden übers Wasserschloss bis Beznau und Leibstadt geht, ist einmalig und ein Testfeld der Moderne.


Wenn ich das so höre, denke ich: Wow! Das alles haben wir im Aargau? – Und zeige damit wohl die typische Reaktion einer Aargauerin, oder?

Das kommt wohl daher, dass wir uns lange Zeit nicht als Aargauerin oder Aargauer definiert haben. Diese Form von kantonaler Identität gibts bei uns nicht. Wir sind aus Brugg, aus dem Fricktal oder aus dem Freiamt. Durch die vielen Zuzüger aus anderen Kantonen sind aber auch alte Rivalitäten verflogen. Sie haben bewirkt, dass man im Aargau nun findet: Wir sind auch jemand! Und das zu Recht. Wir haben etwa Institutionen geschaffen, auf die wir stolz sein können – obwohl wir kein Hochschulkanton sind. Die HTL in Windisch war wegweisend, und auch die FHNW ist, international gesehen, eine grosse Kiste. Ich möchte aber nicht zu sehr auf die Werbeschiene geraten.


Warum stört Sie das?

Mit dem Buch und den vermittelnden Projekten haben wir nicht einfach eine Imagebroschüre gemacht, sondern aufwendige und kritische Geschichtsschreibung betrieben. Da kommen auch ambivalente Themen-bereiche vor wie der Umgang mit den Ressourcen, die Naturschutzdebatte, die Lagerung des Abfalls, der Grössenwahn der Landwirtschaft, andauernd die Produktion zu steigern. Wir zeigen auf, dass auch Irrwege beschritten und Fehler gemacht wurden. Das betrifft zum Beispiel die Autobahnen. Früher riss man sich um deren Bau, heute wünschte man sich zuweilen, sie würden anderswo entlangführen. 

 

Eröffnung des Bareggtunnels am 7. Oktober 1970. (Bild: Ringier Bildarchiv)

 

Apropos Autobahn: Der Aargau wird ja oft als «Durchfahrtkanton» bespöttelt. Inwiefern hat dies seine Geschichte geprägt?

Dass der Aargau prädestiniert ist für Autobahnen, hat mit der Topografie zu tun. Wir haben breite Flusstäler und liegen nun mal zwischen Zürich, Bern und Basel. Als mit den 50er-Jahren die Automobilisierung kam, musste man sie kanalisieren. Schaut man das historisch an, folgt die Strecke ziemlich genau der Eisenbahnlinie des 19. Jahrhunderts. Das ist also nichts Neues. Es prägt seit Langem die Sicht von aussen auf den Aargau.


Reden wir noch etwas von den Pionierleistungen. Welche stechen hervor?

Da ist zum Beispiel der biologische Landbau mit dem Forschungsinstitut FibL in Frick, wo ehemals die bäuerliche Gewerbeschule situiert war. Dessen Resultate sind weltweit von Relevanz. Oder die Brown Boveri in Baden, welche über Jahrzehnte hinweg die grösste private Arbeitgeberin der Schweiz war: Sie prägte die Stromproduktion auf der ganzen Welt.


Was haben wir in der Region Brugg-Baden sonst noch vorzuweisen?

Im Bereich der Forschung und der Naturwissenschaften natürlich das Viereck Baden-Villigen-Windisch. Nebst ABB und HTL ist da das PSI, das etwa in der medizinischen Anwendung der Nukleartechnologie führend ist. Das zieht dann weitere Kreise. So gibt es in Dättwil beispielsweise eine Firma, die Präzisionsliegen für Bestrahlungen baut und weltweit vertreibt. Auch was ein anderes Thema, die Jugend, angeht, gehören wir zu den Pionieren der Schweiz. Der Vorläufer des Picadilly in Brugg war eines der ersten Jugendhäuser. Es ist aus dem Forum63 herausgewachsen. Auch das Jugendhaus im Kornhaus in Baden entstand sehr früh. Die Zürcher folgten dieser Entwicklung erst später.

Erwähnen möchte ich auch die Bewegung des Team67, die den ganzen Kanton betraf. Ursprünglich taten sich dabei ja die Söhne und Töchter aus liberalem Haus zusammen. Sie begannen, sich aufzulehnen und die arrivierten Parteien herauszufordern. Das Team Baden existiert aktuell in Form einer Partei immer noch. Das ist – schweizweit betrachtet – ein interessantes Phänomen.

 

Grossüberbauung Telli, 1992, ein Jahr nach der Fertigstellung. (Bild: ETH-Bildarchive)

 

Was die Politik betrifft, gilt der Aargau als konservativer Kanton. Haben wir, was die jüngere Geschichte angeht, denn gar nichts Rebellisches vorzuweisen?

Ich kann Sie beruhigen. Anfang der 80er-Jahre fegte etwa die Welle der Jugendunruhen von Zürich auch über den Aargau hinweg. Fabrikbauten oder Fabrikantenvillen, die aufgrund der Deindustriealisierung frei geworden waren, wurden besetzt. Davon zeugen heute noch beispielsweise der «Ochsen» in Zofingen oder die Gemeinschaft Kulturzentrum Baden, IKUZEBA, die einst den «Falken», eine ausgediente Brauerei, in Beschlag genommen hatte. Die jungen Leute haben den Aargau also durchaus für Experimente genutzt. Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre gab es da und dort neue Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens. Die Metron in Brugg, eine der grössten Planungsfirmen der Schweiz, wurde von einem Vierergremium gegründet, das eine andere Art von Arbeitskultur anstrebte – was sich beispielsweise in der Lancierung von Bildungsurlauben zeigte.

Dann gab es eine Reihe von Kommunen, Arbeits- und Wohngemeinschaften also, die bei den Bürgerlichen verschrien waren. Eine davon gab es auch in Birmenstorf. Der ländliche Raum war also zugleich ein Rückzugsgebiet für solche Experimente. Spannend finde ich zudem die Wanderdiscos aus den 80er-Jahren.


Was verbirgt sich dahinter?

Es gab etwa ein halbes Dutzend davon, zum Beispiel das «Prism» oder das «White Horse». Sie bespielten Säle, Turnhallen und Kirchgemeindehäuser. Da versammelten sich jeweils Hunderte von «Töffli»-Fahrenden und rasten jaulend durch die Ortschaften. Die Discos begannen um acht Uhr abends und endeten um zwölf. Sie waren drogen- und alkoholfrei und warteten mit Stroboskopen und Nebeleffekten auf. Eine wilde Sache! Und typisch für unseren Kanton, der damals noch sehr ländlich war. Die Jungen taten sich zusammen – auch als Protest gegen die etablierten Tanzabende.


Sie haben sich im Rahmen des Projekts intensiv mit dem geschichtlichen Rückblick beschäftigt. Schauen Sie den Aargau jetzt anders an?

(Lacht) Ich hatte nie einen Aargauer-Komplex! Ich denke eher, dass ich den Kanton durch meine Arbeit noch besser kennengelernt habe. In meiner Freizeit fuhr ich mit dem Velo oft an Orte, die ich kaum kannte: ins Wynental, ins Ruedertal, ins Tal der Pfaffneren. Ich wollte einen Eindruck gewinnen, um die Geschichte besser verstehen zu können. Die Arbeit war also äusserst inspirierend: All das, was ich als Bub in der Heimatkunde gelernt hatte, wurde bestätigt – und zugleich aktualisiert.

War dieser Artikel lesenswert?

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neustart auf Schloss Schartenfels

Nach den Betriebsferien ist das Restaurant hoch über Wettingen wieder geöffnet –… Weiterlesen

Spektakuläre Suche bei Nacht

Über ein Dutzend Einsatzkräfte suchten am späten Montag die Aare nach einem Mann… Weiterlesen

region

Mutig und aktiv in die Zukunft gehen

Mit einer neuen Vision 2040 startet der Gemeinderat in die Amtsperiode 2022–25.… Weiterlesen

region

Wohnraum statt Gewächshäuser

Auf dem Areal der ehemaligen Gärtnerei «Lägere Blueme + Pflanze» an der… Weiterlesen

region

Ein ganzes Schulhaus im Zirkusfieber

Nach dem grossartigen Erfolg vor vier Jahren veranstaltete die Primarschule… Weiterlesen