«Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen»

Mit 59 Jahren hat Fabian Keller aus Gebenstorf seinen Banker-Job gekündigt, um Teilzeit-Ammann und den eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können. 

Fabian Keller, Gemeindeammann und Jazztrompeter (Bild: zVg)

24. Juni 2020
09:15

Ab 1. Oktober sind Sie «Profi»-­Ammann. Ihr Traumjob?

Fabian Keller: (lacht) Ja selbstverständlich! Wer gerne Verantwortung trägt, selbständig arbeitet und gut mit Kritik umgehen kann, kann Gemeindeammann sehr wohl als Traumjob ansehen. Die Tätigkeit ist sehr vielseitig, täglich neu und deshalb interessant. 

 

Als Gemeindeammann haben Sie ein 50-Prozent-Pensum, bei der Bank sind Sie derzeit noch bis Ende September zu 60 Prozent angestellt – das macht zusammen bereits 110 Prozent. Und wie viel arbeiten Sie tatsächlich?

2019 zeichnete ich mit einer App meine Arbeitszeit als Ammann auf und kam auf 1070 Stunden. Das entspricht einem 58-Prozent-Pensum ohne Ferien und Überzeitzuschlag. Nicht berücksichtigt sind darin jedoch die restlichen 42 Prozent: Ich bin auch im Coop oder an der Bushaltestelle oder bei der Arbeit als Bankmitarbeiter Ammann und werde angesprochen. Gemeindeammann ist man immer. 

 

Also mussten Sie sich entscheiden.

Ich habe bei der Bank gekündigt, damit ich genug Zeit habe, den Job bei der Gemeinde seriös und gut zu machen. Ich hatte oft ein schlechtes Gewissen gegenüber den Mitarbeitenden hier, aber auch gegenüber jenen in der Bank. Schauen Sie, es ist alles eine Frage der Ansprüche, die man an sich selber hat. Für ein bisschen Strategie im Nebenamt bin ich der Falsche, deshalb passe ich wohl auch am besten in die Exekutive. Man muss gedanklich immer präsent sein. Mein Anspruch an mich selber ist, dass ich bei all meinen Handlungen stets in den Spiegel schauen kann. 

 

Das heisst?

Der Gemeindeschreiber und ich unterzeichnen alle Geschäfte. Mir ist nur wohl, wenn ich das entsprechende Dossier auch kenne. Das sind halt manchmal dicke Ordner. Die muss man dann lesen und möglichst auch verstehen.

 

War die Kündigung ein Bauchentscheid oder von langer Hand geplant?

Das kam nicht von heute auf morgen. Als ich im Herbst 2017 zum Ammann gewählt wurde, reduzierte ich Anfang 2018 mein Pensum als Leiter diverser Bereiche bei der ZKB von 100 auf 60 Prozent. Nach acht Monaten gab ich freiwillig auch die letzte operative Führungsverantwortung ab. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, Führungsaufgaben und andere anspruchsvolle Aufgaben nur mit zweiter Priorität zu behandeln, war oft abwesend oder zwar im Büro, aber am Telefon. Diese Halbheit passte nicht zu meinem Charakter. Seit 2019 bin ich jetzt als selbstständig arbeitender Business Projektleiter tätig. Per Ende September 2020 habe ich nach langer und reiflicher Überlegung nun definitiv gekündigt. Bis dahin arbeite ich in Absprache mit meinen Vorgesetzten auf Mandatsbasis als Berater in den Bereichen Geldautomaten und Debit-/ Kredit-Karten. 

 

Finanzielle Gründe können kaum den Ausschlag für Ihren Wechsel gegeben haben. Vermutlich verdienen Sie als Ammann nur einen Bruchteil Ihres Lohns bei der Grossbank. 

Das vermuten Sie richtig. Ich habe mit meiner Frau zusammen überlegt, mich bei der Bank frühzeitig pensionieren zu lassen. Inzwischen habe ich aber ordentlich gekündigt. Geld war für uns bei diesem Entscheid nicht ausschlaggebend. Natürlich mussten wir rechnen, ob der Lohn unsere privaten Kosten einigermassen deckt. Wir haben dann gemeinsam entschieden, dass es geht. Unsere Kinder sind ja erwachsen und wohnen seit Jahren nicht mehr bei uns zu Hause. Mir ist klar, dass ein junger Familienvater sich das vielleicht nicht leisten könnte. Der Lohn ist ... na ja, nicht wirklich angemessen. Kein Wunder, dass vor allem ältere Semester wie ich in der Gemeindepolitik landen. Ein marktgerechtes, der Anforderung angepasstes gutes Salär könnte bei kleineren und mittelgrossen Gemeinden hilfreich sein, auch wieder jüngere Semester anzulocken.  

 

Macht es in puncto Belastung einen Unterschied, wie gross eine ­Gemeinde ist?

Ich denke schon. In einer kleinen Gemeinde hat man in der Regel weniger Sachgeschäfte und ist vermutlich weniger stark belastet. Als Ammann einer grossen Gemeinde ist der Ammann anonymer, man hat ein 100-Prozent-Pensum und einen grösseren Verwaltungsapparat im Rücken. In einer mittelgrossen, unfreiwillig dynamisch wachsenden Gemeinde wie Gebenstorf hingegen gerät man zwangsläufig zwischen die Fronten. Die Strukturen sind noch wie früher, jeder kennt dich, und der Stellenplafond für die Verwaltung ist hart vorgegeben. Strategische Themen, also die gemeinsame Kopfarbeit, kommen dabei oft etwas zu kurz.

 

Besteht da die Gefahr eines Burn-outs?

So weit war ich persönlich noch nie. Man muss immer versuchen, zu delegieren. Das geht aber auch nur, wenn entsprechende Kollegen, Personal oder ein Budget für externe Unterstützung vorhanden ist, um die Arbeit erledigen zu können. Meine jahrelange Führungserfahrung aus der Privatwirtschaft ist dabei sicher hilfreich.

 

Sie wurden 2017 gewählt, ohne vorher im Gemeinderat gewesen zu sein. Ein Sprung ins kalte Wasser.

Ja. Ich habe mich zwar sehr schnell eingearbeitet, bin dann aber genauso schnell in die ersten Fettnäpfchen getreten. Das gute Verwaltungsteam und der fachkompetente Gemeindeschreiber konnten mich aber stets über Wasser halten. Inzwischen ist das kalte Wasser deutlich wärmer geworden.

 

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ich versuche stets, mich persönlich zurückzunehmen und alle Menschen gleich zu behandeln. Das gelingt mir leider nicht immer. In der heutigen Zeit fehlt einzelnen Personen häufig der nötige Anstand und Res­pekt. Wenn dann noch fehlende Fachkompetenz dazukommt, tue ich mich gelegentlich schwer. Mit konstruktiver und fairer Kritik kann ich sehr gut umgehen, die bringt einen gemeinsam weiter, aber es liegt ja in der Natur der Dinge, dass es bei jedem Entscheid Gewinner und Ver­lierer gibt. Ich wünschte mir, etwas mehr von den Gewinnern zu hören.

 

Gemeindepolitiker sind immer noch häufig Milizpolitiker – und reiben sich zwangsläufig auf?

Von uns wird viel Professionalität verlangt, auch wenn man noch einen anderen Job oder eine eigene Firma hat und einem das Fachgebiet teilweise noch fremd ist. Man trägt ab dem ersten Tag die Verantwortung für alle Ressorts, ist auf sehr vielen Ebenen gefordert und braucht einen breiten Rücken. Das muss man wollen und ebenso bereit sein, so viel Zeit zu investieren wie nötig. Vollzeit oder Teilzeit!

 

Wie kann man die «professionellen Hobbypolitiker» entlasten?

Mein Wunsch wäre es, für unseren Gemeinderat ein Arbeitsmodell einzuführen mit einem Gemeindepräsidenten mit angepasstem Pensum (50 bis 60 Prozent) sowie Gemeinderäten mit einem nach Aufwand unterschiedlichen Teilzeitpensen (20 bis 30 Prozent). Dadurch wäre der Gemeinderat kein Hobby mehr, sondern eine Teilzeitanstellung. Viele Firmen setzen heute flexible Arbeitsmodelle ein und unterstützen den Einstieg in die Politik. Mit einem marktgerechten Grundsalär könnte das Amt als Gemeinderat auch für jüngere Personen wieder interessanter sein. Sitzungen, Aktenstudium, Kommissionen, Konzepte könnten tagsüber vorbereitet oder erledigt werden statt wie heute am Feierabend und am Wochenende. Wenn mal keine Sitzungen stattfinden, gäbe es in jedem Ressort genügend konzeptionelle Arbeiten zu erledigen und strategische Themen vorzubereiten. Ausserdem wären dann auch die Gemeinderatssitzungen tagsüber. Ich bin überzeugt, wir wären viel effizienter und ausgeruhter als am Abend nach einem anstrengenden Arbeitstag. Als Gemeindeammann oder in den Ressorts Bau, Werke oder Schule finden übrigens auch heute schon zahlreiche Sitzungen tagsüber statt. Firmen oder kantonale Stellen nehmen dabei kaum Rücksicht auf die Hobbypolitiker.

 

Wie werden Sie sich ab 1. Oktober als «Profi-Ammann» organisieren?

Ich werde wahrscheinlich jeweils am Nachmittag auf der Kanzlei sein. Eine Eigenheit von mir ist, dass ich jeden Tag versuche, im Haus die Runde zu machen, um den Puls bei unseren Mitarbeitenden zu spüren. Ich bin zwar ein Zahlenmensch, aber Menschen sind mir sehr wichtig, und ich möchte mir Zeit für sie nehmen. Dann arbeite ich lieber abends eine Stunde länger. Die Idee ist jedoch nicht, dass ich dann plötzlich 100 Prozent für die Gemeinde arbeite. Schliesslich habe ich meiner Frau fest versprochen, mehr Zeit für sie zu haben und mich auch wieder mehr zu bewegen. Die Arbeiten für den Gemeindeammann bleiben allerdings die gleichen.

 

Gleichzeitig kandidieren Sie ab Herbst für den Grossrat. 

Gebenstorf hatte seit vielen Jahren keinen Grossrat mehr. Es wäre an der Zeit, dass sich unser Dorf kantonal wieder etwas mehr in Szene setzt. Aus­serdem habe ich die Legislative noch nie ausprobiert und werde deshalb, entgegen meiner Veranlagung als Exekutivpolitiker, für den Grossrat kandidieren. Ich bewege mich eher im linkeren Spektrum der CVP, meine Hauptthemen sind Umwelt, Energie und Mobilität. Auch im Umgang mit der Digitalisierung könnte ich mir im Kanton Aargau Verbesserungen vorstellen. Ich hätte Lust, meine Erfahrungen bei der Vernetzung der Bankenwelt auch beim Kanton und den Gemeinden einzubringen. Gemeinsame Datenablagen, auf die alle Gemeinden Zugriff haben und die trotzdem gut abgesichert sind, würden vieles erleichtern, Geld sparen und Synergien ermöglichen. Um effizient zusammenzuarbeiten muss man nicht unbedingt fusionieren. 

 

Sie spielen auf die geplante Fusion Turgis mit Baden an?

Nein, auf keinen Fall. Obwohl der heutige Gebenstorfer Gemeinderat gerne die beiden 1884 getrennten Dorfteile Gebenstorf und Turgi wieder zu einer Einheit zusammengefügt hätte. Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass die Verfahren in Turgi und Baden inzwischen gestartet sind und bereiten uns entsprechend auf den künftigen Weg ohne Turgi vor. In diesem Zusammenhang müssen wir uns neue Partner suchen, sei es bei der Schul­sozialarbeit, Jugendarbeit, Feuerwehr oder Waldbewirtschaftung. Dabei überlegen wir uns, ob es wohl möglich wäre, mit mehreren Nachbargemeinden verwaltungstechnisch näher zusammenzuarbeiten. Ich habe das Gefühl, dass da in der Region noch sehr viele Synergien brachliegen.

 

Und welches sind Ihre Schwerpunkte für Gebenstorf?

Ich möchte den langsamen Verkehr fördern, mehr Leute aufs Velo und auf die Füsse bringen. Dazu müssen aber Wege und Strassen attraktiver und sicherer werden. Ausserdem ist Gebens­torf ein sehr lang gezogenes Dorf, hat aber immer noch keinen Dorfbus, der die Dorfteile miteinander verbindet. Man sollte mit dem Bus die Haltestelle Cherne und den Bahnhof Turgi von allen Dorfteilen besser und ganztags erreichen können. Der Bahnhof Turgi wird noch viel zu wenig genutzt, von dort ist man bis nach Mitternacht in wenigen Minuten in Baden oder Brugg – sensationell! Das würde die Strassen entlasten, und die «Oase» könnte sich mindestens in Gebenstorf auf die Velowege konzentrieren.

 

Zum Schluss: Wo finden Sie als Viel­arbeiter und Macher Ihren Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit?

In der Musik. Ich spiele seit über 50 Jahren Trompete, war früher auch Dirigent und Musiklehrer, bis ich mich zum IT-Spezialisten und Manager ausbilden liess. Vor Corona hatte ich mit meinen zwei Jazz-Formationen regelmässig abends oder am Wochenende Auftritte, aber auch das war in den letzten Wochen leider nicht möglich. Wir konnten nicht einmal zusammen üben und ein Bier trinken. Ich hoffe, das ändert sich bald wieder. 

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