«Ich lebe stark in der Gegenwart»

Als Schiedsrichter war er Weltklasse, doch Fussball ist für Bruno Galler aus Ennetturgi heute weit weg. Der pensionierte Lehrer engagiert sich in der Kultur.

«Ein Privileg, hier zu wohnen»: Bruno Galler (74) im Garten der Orangerie in Ennetturgi (Bild: is)

08. Juli 2020
09:00

Am 26. Juni 1992 pfiff Bruno Galler sein letztes grosses Fussballspiel: den Final der Europameisterschaft zwischen Deutschland und Dänemark vor 37'800 Zuschauern im Ullevi-Stadion von ­Göteborg. Bruno Galler ist bis heute der einzige Schweizer, dem diese Ehre je zuteil wurde. Und es war ein denkwürdiger Match: Die Dänen, die eigentlich bereits in den Ferien und wegen des Balkan-Konflikts für Jugoslawien nachgerückt waren, durften sich dank eines 2:0-Sieges gegen den hohen Favoriten sensationell als Europameister feiern lassen. 

«Bruno Galler war zusammen mit Kurt Röthlisberger der beste Schiedsrichter der Welt», schwärmt Luigi Ponte, der heutige Präsident des Aargauischen Fussballverbandes und selbst einst langjähriger Linienrichter: «Bruno war ein Supertyp. Sehr korrekt, und athletisch war er eine ‹Maschine›.» Galler war eine Autorität auf dem Platz. Mit den Spielern war er – im Gegensatz zu manchem Kollegen – stets per Sie. Diese Distanz war ihm wichtig.

 

Farben aus der Bauxitgrube  

Heute ist Fussball für Bruno Galler aber weit weg. «Ich lebe stark in der Gegenwart. Nur so kann ich intensiv leben», sagt er beim Gespräch im üppigen Garten der «Orangerie» in Ennetturgi. Es ist ein besonderes Haus, in dem er mit seiner Frau wohnt. «Wir haben uns schon mit 50 Jahren mit möglichen Wohnformen im Alter beschäftigt», erzählt der 74-Jährige. Das Vier-Familien-Haus haben sie gemeinsam mit der Landbesitzerin und seiner Schwägerin geplant. Vor fünf Jahren war der moderne Bau fertig. 

Nicht nur die Zitruspflanzen im Garten unterstreichen den Charakter des Gebäudes. In der Orangerie selber, einem gedeckten und verglasten Zwischenraum zweier Wohnungen, hängen elf rechteckige Steinplatten aus Lecce, die der Farbkünstler Stefan Muntwyler mit Erdfarben aus Otranto lasiert hat. In die stillgelegte Bauxitgrube mit ihrer überwältigenden Farbenvielfalt zieht es Bruno Galler seit Jahren immer wieder. Schon als Sek-Lehrer brachte er seinen Schülern Erde und Steine aus der süditalienischen Hafenstadt mit. «Damit stellten wir Farben her. Ich habe mit meinen Klassen immer viel Kunst gemacht. Mit allen besuchte ich auch mindestens einmal das Kunsthaus Aarau.» 

Nach seiner Pensionierung übernahm Galler noch bis Sommer 2019, mit 73 Jahren, Stellvertretungen als Lehrer. «Dabei erlebte ich, dass die Vorurteile über die ‹Jungen› gar nicht immer stimmen. Ich habe auch dank der Kunst tolle Erfahrungen mit Jugendlichen gemacht», sagt er begeistert. Seine Leidenschaft für Kunst hat auch auf seinen Sohn abgefärbt: Thomas Galler (50) hat als Multimedia-künstler schon Förderpreise gewonnen. «Aber Corona hat auch ihn hart getroffen», bedauert der Vater.

In der Orangerie, die rund 60 Gästen Platz bietet, organisieren die Bewohner vier bis fünf kulturelle Anlässe pro Jahr – Konzerte, Lesungen, Referate. Die Anlässe werden nicht öffentlich ausgeschrieben, «aber der Kreis der Interessierten wächst stetig», freut sich Galler. «Es ist ein Privileg, hier zu wohnen und auch solche Dinge initiieren zu können.» 

 

Stellvertretungen mit 73 Jahren

Allerdings hat die Corona-Krise auch die Events in der Orangerie jäh gestoppt. Im März wäre der Ennetbadener Autor Jona Ostfeld für eine Lesung zu Gast gewesen. Auch das für Juli geplante Referat von Rudi Haller, dem Direktor des Nationalparks, musste abgesagt werden. «Ich muss nie wirklich auf die Suche gehen, die Ideen springen mich an», sagt Bruno Galler, der gerne Kleintheater und Kunsthäuser besucht. Auch die Badener Langmatt ist einer seiner Lieblingsorte.

Das kulturelle Leben hat ihm gefehlt. Als der Bundesrat die ausserordentliche Lage beendete, organisierten die Bewohner der Orangerie am 12. Juni ein Strassen- und Quartierkonzert als «Hommage an die Rückkehr zur Normalität». Die zwei Untersiggenthaler Musiker Lukas Merki (Trompete und Alphorn) sowie Andreas Witter (Trommeln) musizierten auf dem Carport für die Nachbarn und die Gäste der Orangerie-Kultur.

Die Folgen von Corona, davon ist Bruno Galler überzeugt, werden die Gesellschaft noch lange beschäftigen. Dass er seine vier Enkel in Zürich viele Wochen lang nicht treffen durfte, macht Bruno Galler noch heute betroffen. Er war während des Lockdowns viel mit seiner Frau auf dem E-Bike unterwegs. Eine vierwöchgige Reise nach Sizilien Ende Mai mussten sie stornieren. Die abgesagten Kultur­events in der Orangerie aber werden nachgeholt: «Unter welchen Bedingungen, das werden wir sehen.»  

Auch die Fussball-EM, die vom 12. Juni bis 12. Juli geplant war, musste auf 2021 verschoben werden. Bruno Galler hätte die Spiele verfolgt, «denn ich schaue immer noch gern Fussball. Das sind Emotionen, Leidenschaft.» Obwohl Fussball in seinem Alltag keine Rolle mehr spielt, ist er dankbar für die vielen Erfahrungen, die er ihm ermöglichte. Es sei eine unglaubliche Lebensschule gewesen: «Fussball hat mir den Schritt in die Welt hinaus ermöglicht. Das gab eine gute Optik.»

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