«Ich muss den Ort spüren»

Die deutsch-schweizerische Schriftstellerin Ina Haller erzählt von ihrem neuen Roman «Rüebliland». Und erklärt, was dieser mit Brugg zu tun hat.

von
Aufgezeichnet: Andrina Sarott

26. August 2019
09:00

Ina Haller

Ina Haller ist Schriftstellerin und stammt ursprünglich aus Norddeutschland. Seit 2000 lebt sie in der Schweiz. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern wohnt sie in Suhr. Bekannt ist sie durch die Krimireihe rund um die Verlagsmitarbeiterin Andrina Kaufmann. Zuletzt wurde in dieser Reihe der siebte Band «Aarauer Finsternis» veröffentlicht. Am 26. August ist ihr neuer Kriminalroman «Rüebliland» mit der Hauptfigur Samantha beim emons Verlag erschienen. 

www.inahaller.ch

«Es ist November. Das Wetter ist nebelig und grau. Typisch fürs Mittelland zu dieser Jahreszeit. Es nieselt leicht. Die Stimmung ist gedrückt. In der reformierten Stadtkirche findet eine Abdankung statt. Samantha ist unendlich traurig, denn ihre Eltern wurden kaltblütig ermordet…

Samantha ist die Hauptfigur von meinem neuen Krimi ‹Rüebliland›, der am Montag erschienen ist. Die junge Frau ist gebürtige Inderin, wurde von Schweizern adoptiert und ist in Brugg aufgewachsen. Brugg ist ihre Heimat. Die Geschichte spielt unter anderem an verschiedenen Schauplätzen hier in Brugg. Neben der reformierten Stadtkirche sind die Brücke bei der Brunnenmühle und der Friedhof Handlungsorte. 

Für meine Geschichten suche ich gerne Orte aus, an denen ich schon einmal war. Mein Mann ist hier aufgewachsen, deswegen kenne ich Brugg ziemlich gut. Falls ich einen geeigneten Schauplatz noch nicht kenne, reise ich dorthin und schaue mir an, wie es dort aussieht. Scheint zu diesem Zeitpunkt die Sonne, dann scheint sie höchstwahrscheinlich auch in der Geschichte. Das Gleiche gilt, wenn es regnet oder stürmt. Ich muss den Ort und seine Atmosphäre spüren. Ich brauche den Eindruck von 360 Grad. Vorzugsweise besuche ich die Schauplätze während des Schreibens immer wieder, auch zu verschiedenen Jahreszeiten. 

Meine Romane spielen im Aargau, weil ich den Kanton gut kenne und hier wohne. Es ist mein Zuhause. Mir gefallen die Natur, die vielen Flüsse und die alten Städte wie Brugg und Aarau. Der Aargau ist ein vielseitiger Kanton. Es gibt hier viel Platz für Krimis. Ich kenne die Leute, die Gegebenheiten und die Bräuche der Region. Das kann ich alles in die Geschichten einfliessen lassen. Anders ist dies bei den Figuren. Bei ihnen lasse ich mich nicht durch Leute inspirieren, die ich kenne. Das versuche ich bewusst zu vermeiden. Keine meiner Figuren soll so aussehen oder heissen, wie jemand, den ich kenne. Zumindest aus meinem näheren Umfeld. Dies ist bei der Namensgebung natürlich schwierig. 

  • Ina Haller besucht die wichtigen Schauplätze für ihre Krimis immer persönlich

Meine Hauptfiguren sind keine professionellen Ermittler. Das habe ich absichtlich so gewählt. Es soll eine normale Person ermitteln, die auch Fehler machen darf. Denn genau das macht sie menschlich. Auf diese Weise sind die Figuren den Lesern näher. Und auch für mich als Autorin sind sie greifbarer. Die Charaktere entwickeln sich während des Schreibens. Beim Erarbeiten der Geschichte beginne ich meist mit dem Täter und seinem Motiv. Ich finde es spannend, die Story rund um diese Figur aufzubauen, sodass man bis zum Schluss nicht weiss, wer der Täter ist. Dann folgt die überraschende Wende. Es fasziniert mich, Rätsel zu entwickeln, falsche Fährten zu legen und den Mörder zu verschleiern. Und es freut mich immer, wenn die Leser bis zum Schluss nicht erraten, wer der Täter ist. 

Inspiration für meine Bücher erhalte ich auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Manchmal kommt eine Idee aus dem Nichts heraus, ich lese etwas in der Zeitung, oder ich mache eine Reise. Für ‹Rüebliland› wurde ich während unserer Indien-Reise 2017 inspiriert. Man kann es sich so vorstellen: Eine Idee ist wie ein Samen, der plötzlich da ist und ich dann reifen lasse. Später entsteht daraus die Story. Obwohl ich viel reise und schon viel gesehen habe, waren die Eindrücke in Indien doch sehr einschneidend.

Ursprünglich habe ich Geologie studiert und war eine Zeitlang bei einer Lebensversicherung tätig. Nach der Geburt meiner zweiten Tochter habe ich aufgehört zu arbeiten. Irgendwann habe ich in einer Zeitung vom Novemberschreiben gelesen. Das Ziel dabei ist es, innerhalb des Novembers möglichst viele Worte zu schreiben, idealerweise 50 000. Wenn man dies schafft, erhält man eine virtuelle Goldmedaille. Bei diesem Wettbewerb habe ich gemerkt, dass das Schreiben für mich ein guter Ausgleich zum turbulenten, emotional und körperlich anstrengenden Alltag mit Kindern ist. Ich kann mich hinsetzen und den Kopf arbeiten lassen.  

Da ich gerne Krimis lese, war es für mich nahe liegend, zu versuchen, selbst Krimis zu schreiben. So nach dem Motto: Was andere können, kann ich auch. Aber so einfach war es dann doch nicht. Es war ein langer Lernprozess. Die Recherchen sind anspruchsvoll und oft langwierig. Zudem muss man sich ein Netzwerk an Fachleuten aufbauen, die man zu bestimmten Themen befragen kann. Dazu gehören beispielsweise Ärzte und Polizisten. Ohne die vorherigen Recherchen mitzurechnen, also vom Tippen des ersten Wortes bis zum Zeitpunkt, in dem ich das Buch in der Hand halte, vergehen in der Regel rund eineinhalb Jahre.»

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