«Ich sammle Augenblicke»

Nach längerer Zwangspause wurde die Schaukastenbühne im 1. Stock wieder mit Kultur belebt. Den Auftakt machte Autorin Sybil Schreiber.

Intime Atmosphäre: Sybil Schreiber auf der Bühne, rechts Nathalie Schmid. (Bild: zVg)

16. Juni 2021
17:02

«Dass es auf unserer Bühne ziemlich ruhig war in den letzten Monaten, haben wir als Verein zwar bedauert», sagt Christian Bischoff vom Verein Kultur im Saal, «aber bei uns überwog die Anteilnahme für die vielen Künstler und Künstlerinnen, die nicht auftreten konnten. Für etliche gehts dabei um die pure Existenz.» Am Mittwoch, 9. Juni, fand die erste Veranstaltung in diesem Jahr statt. Zu Gast war die Zurzibieter Autorin Sybil Schreiber. Moderiert wurde der rund einstündige Anlass von der Freienwiler Lyrikerin Nathalie Schmid.

Aufgrund der BAG-Vorschriften waren nur 45 Personen zugelassen. Der Saal war proppenvoll, vorwiegend besetzt mit Frauen, vereinzelt kamen auch Paare. Und auf der schmucken Bühne sass Sybil Schreiber – diesmal alleine. Denn Schreiber ist ja nur die eine Hälfte des Kolumnisten-Duos «Schreiber vs. Schneider», das gemeinsam schon acht Bücher veröffentlicht hat. Steven Schneider war zwar vor Ort, sass aber im Publikum. Mit ihrem belletristischen Debüt «Sophie hat die Gruppe verlassen» ist Schreiber solo unterwegs. «Es war spannend, eine andere schreibende Seite von mir zu zeigen. Also nicht nur als Kolumnistin, sondern auch als Autorin meinen Platz zu finden», erklärt Schreiber später. Das 140-Seiten-Buch mit prägnanten Kurzgeschichten hat es auf Anhieb an die Solothurner Literaturtage geschafft.


Ein Werk voller Empathie

Die gebürtige Münchnerin zog das Publikum von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Auf der Bühne guckte sie mit ihrem «Schreiber-Schalk» hinter ihren Brillengläsern hervor, blinzelte aufgeregt und las mit Herzblut aus ihrem Buch vor. Vier Geschichten, die das Leben schreibt. «Mich inspirieren die unscheinbaren und unspektakulären Menschen. Ich beobachte leidenschaftlich gerne und könnte mich stundenlang zum Beispiel in Wartesälen aufhalten», verrät die Autorin in Freienwil.

Ihre Geschichten haben kaum autobiografische Ansätze, so Schreiber. Sie schreibe einfach drauflos – ohne konkretes Ziel, wie eine Geschichte ausgehen werde. «Ich sammle Augenblicke, ich schreibe sehr intuitiv. Meine Figuren soll man mit allen Sinnen erspüren, die Geschichten sollen eigene Bilder erzeugen.» Und meistens geht es in ihren Kurzgeschichten um die Liebe. «Schliesslich ist die Sehnsucht nach Liebe unser aller Lebensantreiber», erzählt sie.


«Corona»-Pause optimal genutzt

Und wie war es für Sybil Schreiber, monatelang nicht auftreten zu können? «Ich habe das Publikum vermisst», gibt die Autorin zu. Die Energie bei solchen Auftritten sei immer faszinierend. Aber mit ihrem Mann Steven hat sie etwas Neues ausprobiert: eine Onlinelesung mit Live­publikum zum neuen Buch «Nun sag, wie hast du’s mit der Liebe?». Über hundert Zuschauer «kamen» dazu, «einige haben sich extra schön gemacht für diesen kulturellen Abend daheim. Es war wirklich toll», erinnert sich Sybil Schreiber.


Vielleicht ein Roman?

Die freie Zeit nutzte sie ausserdem zum Schreiben: «Ich arbeite an meinem neuen Buch und konnte wunderbar in die Figuren und ihre Geschichten eintauchen. Die Verlangsamung des Alltags habe ich genossen, auch wenn es zwischendurch nicht einfach war mit Homeschooling und Homeoffice.» Ihr neues Werk könnte etwas Grösseres werden – «vielleicht ein Roman» –, verriet sie mit einem Schmunzeln.

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