«Ich strecke ihnen die Zunge heraus»

Der Badener Erich Vock (58), der in Zürich «Hotzenplotz 3» inszeniert und in «Vollkoffer» auch die Hauptrolle spielt, erzählt von seinen Erlebnissen als Ricola-Man. 

«Baden war mir zu eng und zu hierarchisch»: Schauspieler Erich Vock. (Bild: zVg)

04. November 2020
11:55

Erich Vock

Erich Vock wurde am 16. Februar 1962 in Aarau geboren und wuchs in Baden auf. Nach dem Besuch der Zürcher Schauspielakademie und seinem ersten Theaterengagement in Hildesheim sorgte er 1989 als Bleicher Jüngling in «Die kleine Niederdorfoper» erstmals für Aufsehen. Er wirkte darauf in vielen Schwänken mit, in der Sitcom «Fertig lustig», übernahm die Zürcher Märchenbühne, spielte in Ricola-Werbespots für Ricola («Wer hats erfunden?») und lockte mit seiner Neuinszenierung der «Niederdorfoper» 165 000 Zuschauer an. Vock lebt mit dem österreichischen Schauspieler Hubert Spiess in eingetragener Partnerschaft. «Hotzenplotz 3» (Regie Erich Vock) hatte am 31. Oktober im Theater am Hechtplatz Premiere, «Vollkoffer» startet am 20. Januar 2021 im Bernhard Theater.

 

Erich Vock, welche Kindheitserinnerungen haben Sie an den «Räuber Hotzenplotz»?

Ich habe das Buch von Otfried Preuss­ler vorgelesen bekommen, unzählige Male die Schallplatte der Zürcher Märchenbühne gehört und das Stück im Theater am Hechtplatz erlebt. Ines Torelli hat den Kasper gespielt, Vincenzo Biaggi den Hotzenplotz, Bella Neri den Seppli und Paul Bühlmann den Polizisten Dünklimoser. Eindrücklich! Und was ganz selten ist, die Schauspieler haben die Bilder getoppt, die ich mir in meiner Phantasie von den Figuren gemacht hatte!

 

Welche Rollen haben Sie in früheren «Hotzenplotz»-Inszenierungen gespielt?

Als Kind hatte es mir gefallen, dass Kasperli und Seppli immer von Frauen gespielt wurden, aber nachdem mein Partner Hubert Spiess und ich die Zürcher Märchenbühne übernommen hatten, fanden wir es «lässiger», wenn die zwei Buben von Männern gespielt werden. So haben wir das 1998, 2000, 2007 und 2009 gemacht. Ich habe also fast 500 Vorstellungen als Kasperli auf dem Buckel! Danach fand ich es an der Zeit, dass die Jungen diese Rollen übernehmen. Ich habe das letzte Mal noch den Zauberer Petrosilius Zwackelmann verkörpert, beschränke mich nun aber auf die Regie.

 

Was waren Ihre Überlegungen, bevor Sie die Märchenbühne 1994 übernommen haben?

Die Frage lautete weniger, ob ich sie mir leisten soll als ob ich sie mir leisten kann. Obwohl ich erst 33 war, fand ich, dass es ein wahnsinniger Verlust für Zürich, ja die ganze Deutschschweiz wäre, wenn es nicht gelingen würde, diese kulturelle Institution zu erhalten. Dafür haben Hubert und ich sehr viel investiert, obwohl wir nicht viel hatten. Wir haben nicht alles auf den Kopf gestellt, sondern die Märchenbühne kontinuierlich weiterentwickelt und verbessert. 

 

Wie hat sich das ausgewirkt?

Die Zuschauerzahlen sind schon im ersten Jahr angestiegen und haben sich inzwischen sogar verdoppelt. Und das bei einer hohen Auslastung.

 

Ihre Popularität dürfte dabei ein wichtiger Faktor sein.

Absolut. Deshalb habe ich in den ersten Jahren auch immer selbst gespielt – sogar während «Fertig luschtig». Nachdem wir die Sitcom am Freitagabend aufgezeichnet hatten, habe ich am Samstag schon wieder für zwei Vorstellungen auf der Märchenbühne gestanden. Damit es nicht hiess: «Jetzt macht er Fernsehen, und das Kinderheater ist ihm nicht mehr so wichtig.» Die Leute haben es estimiert: Selbst Kinder, die sich vorher nicht für «Märli» interessierten hatten, wollten plötzlich «de luschtigi Chaib» aus «Fertig luschtig» live sehen.

 

Zu den Sponsoren der Märchenbühne zählt Ricola. Zum Dank für Ihre erfolgreichen Werbespots oder zur Akquise von schleckendem Nachwuchs?

Beides. Unsere Partnerschaft besteht schon seit zwanzig Jahren. Wie das abläuft, ist jedoch nicht selbstverständlich. Selbst während des Lockdowns habe ich sofort eine Zusage bekommen, als ich anfragte, ob ich weiterhin auf die Firma zählen kann. 

 

Wie sind Sie 1998 zum «Ricola-Man» geworden?

Ricola hat den «Blick», Hans Gmür und andere gefragt, wer einen typischen Schweizer darstellen könnte. Mein Name ist gefallen, und ich wurde zum Casting eingeladen. Dass daraus eine Kultfigur würde, konnte niemand ahnen. Ich hatte Spass, weil ich in den Spots lustige Geschichten erzählen konnte. Normale Werbung hätte ich nicht gemacht.

 

Welche Anekdoten können Sie zum Besten geben?

Obwohl ich privat nicht mit diesem Scheitel herumgelaufen bin, haben mich die Deutschen und die Schweizer oft erkannt. Als wir einmal auf einer abgelegenen Poussada in Portugal in unseren Liegestühlen am Pool sas-sen, hat eine südländisch wirkende Familie immer wieder zu uns rübergestarrt. Ich fragte mich, ob die noch nie ein Männerpaar gesehen haben, und sagte zu Hubert: «Wenn die das nochmals machen, strecke ich ihnen die Zunge raus.» Und so kam es auch. Darauf kam der kleine Bub zu uns und sagte auf Schweizerdeutsch: «Es tut mir leid, Herr Vock, wir haben Sie erkannt.» Das war mir total peinlich, und ich habe mich entschuldigt. 

 

Wenn man sich erinnert, wie oft die Spots liefen, denkt man, Sie müssen in diesen zehn Jahren ein Heidengeld verdient haben. Täuscht der Eindruck?

Ich kann mich nicht beklagen ... (lacht). Aber ich bin auch kein Mensch, der sich schnell beklagt. Dank diesen Mitteln konnten Hubert und ich mehr Eigenproduktionen riskieren. Ohne Reserven ist das schwierig. Das haben wir schmerzhaft erfahren, als wir 1996 mit «Bongo Bongo» alles verloren. 

 

Trotz dieser Erfahrung haben Sie 2012 die Neuinszenierung der
«Kleinen Niederdorfoper» gewagt?

Ich war sicher, dass die Leute dieses legendäre Stück wiedersehen wollen. Trotzdem hätten wir uns Co-Investoren gewünscht. Als wir keine fanden, haben wir es allein gemacht. Das war für uns im Nachhinein ein Glücksfall, da wir den Gewinn nicht teilen mussten. 

 

Ihr neue Komödie «Vollkoffer» stammt wieder von Erfolgsautor Ray Cooney. Wie entstehen Ihre Mundartadaptionen davon?

Ich orientiere mich viel mehr an der Originalfassung als an der hochdeutschen Version, da das deutsche Boulevardtheater – ebenso wie das französische – meistens in der bürgerlichen Gesellschaft angesiedelt ist und einen eleganteren Stil pflegt. Schweizerdeutsch entspricht eher dem raueren Ton der englischen Mid­dleclass.

 

Sie gelten als der vielleicht letzte gros­se Volksschauspieler. Wie wird man das?

Neben komödiantischem Talent ist die Kontinuität wichtig. Am 15. Januar 1991 habe ich zum ersten Mal auf der Bühne des Bernhard Theaters gestanden. Dreissig Jahre später haben wir wieder Premiere, und ich bin mittlerweile der Einzige, der dort fast jedes Jahr in einer grossen komischen Rolle auf der Bühne stand. Diese gemeinsame Geschichte, die vielen Abende, in denen das Publikum lachen konnte, verbindet und macht die Theaterbesuche zu einer schönen Tradition. 

 

Dann ist das Boulevardtheater also nicht tot?

Nein, Totgesagte leben länger! Vor fünfzehn Jahren haben mir die Journalisten schon erzählt, dass die Leute das nicht mehr wollen. Wir sind erfolgreicher denn je, und das hat weniger mit meiner Person zu tun als mit dem Wunsch der Menschen, ihre Sorgen zu vergessen. Und der wird nicht verschwinden, wenn ich einmal nicht mehr bin. Ich bin sicher, es werden sich Junge auch auf diesen Weg machen.

 

Wer war Ihre grösste Inspiration?

Die ganze alte Garde, die ich seit meiner Kindheit kenne, insbesondere Jörg Schneider, mit dem ich über tausend Vorstellungen gespielt habe. Im Bewusstsein, dass ich anders bin als er, fiel es mir leicht, sehr viel von ihm zu lernen. 

 

Als Regisseur und Hauptdarsteller sind Sie das, was man im Fussball Spielertrainer nennt. Auf höchster Stufe gibt es das dort aber kaum mehr. Weshalb sind Sie es immer noch? 

Weil ich genau weiss, was ich will, und auch ziemlich genau, was mein Publikum lustig findet. Wenn ich ein Stück übersetze, beschäftige ich mich wochenlang damit. Das ist dann schon die halbe Inszenierung. Ausserdem ist Hubert da, um mich zu kritisieren.

 

Dann sind die Proben der grösste Stressfaktor in Ihrer Beziehung?

(Lacht) Es ist stressig, weil sie zeit­intensiv sind und wir so viel arbeiten, dass das Privatleben nur noch marginal stattfindet. Da wir schon seit 27 Jahren zusammen und seit 25 Jahren professionell ein Team sind, können wir aber gut damit umgehen.

 

Sie stammen aus Baden. Welche Jugenderinnerungen haben Sie?

Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und hatte eine glückliche Kindheit. Meine Mutter war im «Klösterli» Abwartin. Ich musste schon früh mithelfen, putzen und so, aber mir hat das nichts ausgemacht. Ich habe begriffen: Wenn alle an einem Strick ziehen, dann geht das. Tatsächlich haben am Ende drei von vier Kindern studiert.

 

Weshalb sind Sie weggezogen? 

Baden war eine Kleinstadt – mit wichtigen, mittelwichtigen und weniger wichtigen Leuten. Und jeder hat jeden gekannt. Das war mir zu eng und zu hierarchisch. Nach der Schauspielschule zog es mich zuerst nach Deutschland. Danach wollte ich zwar zurück in die Schweiz, aber nie nach Baden. 

 

War Baden für Sie nicht so inspirierend wie der Slogan «Die lebensfrohe Stadt» den Anschein erweckte?

Kulturell absolut! Neben Badener Fastnacht und Badenfahrt war vor allem das Kurtheater sehr wichtig für mich. Es ist eine der besten Bühnen, um Komödien und Schwänke zu spielen. Damals waren alle Stars des deutschen Films und Theaters zu Gast: Inge Meysel, Ellen Schwiers, Ernst Schröder. Ich war pro Woche zweimal im Theater. Ich weiss noch genau, wie es roch, wenn der Vorhang aufging, und hoffe, dass das bei der Renovation nicht verloren gegangen ist! (Lacht). 

 

Gab es einen Plan B, falls es mit der Schauspielerei nicht geklappt hätte?

Sich für nichts zu schade sein! Putzen habe ich von der Pike auf gelernt. Ich verstand, dass sich meine Eltern eine abgeschlossene Lehre oder ein Studium gewünscht hätten. Deshalb war ich umso dankbarer, dass ich nach der Matur direkt auf die Schauspielschule durfte. Und heute bin ich stolz, dass ich in meinem Leben nur drei Wochen stempeln gegangen bin. Sonst konnte ich immer von meinem Beruf leben. 

 

Das wird in dieser Branche wohl immer schwieriger, nicht nur in Corona-Zeiten.

Wer bei uns in einem Märchen und dreieinhalb bis vier Monate in einer grossen Produktion mitwirkt, kann sich einen rechten Batzen verdienen.

 

Alle Informationen zur Zürcher Märchenbühne und zum Stück: www.maerchenbuehne.ch/

War dieser Artikel lesenswert?
0

Wir setzen uns mit Herzblut und Know-how für gute Geschichten aus Ihrer Region ein. Wenn auch Sie hochwertigen Journalismus schätzen, können Sie uns spontan unterstützen. Wir danken Ihnen – und bleiben gerne für Sie am Ball.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Tod im Februar – Alan Parks

Freunde von Kriminalgeschichten werden Freude an diesem Roman haben. Er zeigt,… Weiterlesen

«Hier habe ich Raum für die Musik»

Vor einem Jahr zügelte Familie Ehrensperger von Dättwil nach Accra. Musiker-Papa… Weiterlesen

blog

Tod im Februar – Alan Parks

Freunde von Kriminalgeschichten werden Freude an diesem Roman haben. Er zeigt,… Weiterlesen

blog

Fühl dich wohl in deinem Zuhause – Frida Ramstedt

Was brauchen wir wirklich, um uns in den eigenen vier Wänden wohlzufühlen? Was… Weiterlesen

region

Schönheit mit Abgründen

Claudia Spinelli und Maria Bänziger vom  Kunstraum Baden haben auf ihren… Weiterlesen