«Ich suche das Lebendige»

Eva Eder geht kaum ohne Skizzenbuch aus dem Haus. Sie betreibt «Urban Sketching». Einen Sommer lang hat sie in Brugg gezeichnet.

Was erweckt die Aufmerksamkeit? Eva Eder läuft mit offenen Augen durch die Stadt (Bild: cl)

von
Claudia Marek

27. November 2019
08:00

Eva Eder aus Beinwil am See hat Brugg auf besondere Weise kennengelernt. Sie ging der Aare nach, blickte vom Hexenplatz auf die Altstadt herunter oder setzte sich in ein Café und schaute den Leuten zu. Auf dem Neumarktplatz (sie nennt es den roten Platz) gefielt es ihr an einem sommerlichen Nachmittag besonders. «Es war ein Kommen und Gehen», sagt Eva Eder. Sie setzte sich in eine Gartenwirtschaft und beobachtete das Treiben – die Kinder, die Velofahrer, Frauen beim Shoppen, Männer, die in der Beiz auf ihre shoppenden Frauen warten, Passanten, die auf den Sitzinseln pausieren, essen, diskutieren, lachen. Eva Eder macht sich Bildnotizen, «Urban Sketching», nennt sich diese wortlose Mitteilung, detailliert ausgearbeitet oder reduziert.   

 

Weltweit vernetzt 

Eva Eder (68) kam in der Slowakei auf die Welt und immigrierte im Prager Frühling in die Schweiz. Sie hatte in Bern studiert und unterrichtete bis zur Pensionierung an diversen Schulen Bildnerisches Gestalten und Sport. Seit über 30 Jahren geht sie kaum ohne Skizzenbuch aus dem Haus. Sie hat sich einer weltweit organisierten Community von Urban Sketchern angeschlossen, die als Online- Plattform bei Flickr. ihren Anfang nahm. Ihr Gründer ist Gabriel Campanario, ein in Seattle lebender Journalist und Künstler. Campanario gründete eine Gruppe, um journalistisches Zeichnen zu fördern, welches das Leben so zeigt, wie es im Umfeld der Künstler jeden Tag geschieht.

 

Innehalten 

Eva Eder zeichnet alles, was in diesem Moment ihre Aufmerksamkeit erweckt; Häuser, Strassenszenen, Menschen. «Alltagsszenen», wie sie sagt.  Doch um diese flüchtigen Momente festzuhalten, hält sie inne, nimmt sich Zeit und lässt die Szene auf sich wirken. «Man nimmt mehr mit als eine Zeichnung», erläutert Eva Eder. «Die Belohnung ist ein Gesamterlebnis», so Eder. Die Urban Sketcherin nimmt den Ort mit ihren Sinnen wahr, sie spürt den Wind, die Sonne, die Heiterkeit vielleicht. So wie am Stadtfest Brugg. «Die Menschen waren gut gelaunt», erinnert sich Eva Eder. Die Künstlerin hat Fragmente dieses gros­sen Ereignisses zeichnerisch festgehalten, hat Details hervorgehoben oder Szenen miteinander kombiniert. In Momenten, in denen ihr der Menschentrubel zu viel wurde, suchte sie sich eine ruhigere Ecke.

  • Bildnotizen aus Brugg (Bilder: zVg | Eva Eder)

Urban Sketching in Brugg

Man traf Eva Eder beim Adapter, dem Kunststand von Rosângela de Andrade und Esther Amrein. Denn Urban Sketching ist auch in Brugg angekommen. Unter der Leitung der beiden Künstlerinnen waren die ersten Urban Sketcher in Brugg unterwegs. «Urban Sketcher lebt», sagt Eva Eder. Mittlerweile hat diese Zeichungskunst weltweit viele Liebhaber gefunden. Gerade in einer Welt, in der man sich daran gewöhnt hat, alles per Klick fotografisch festzuhalten, halten Sketcher diesem Trend das «Entschleunigte Beobachten» entgegen. 

 

Gelassener geworden

Seit Eva Eder pensioniert ist, ist sie gelassener geworden, sagt sie. Sie hat 43 Jahre unterrichtet, was ihr grosse Freude bereitet, aber auch viel Energie gekostet hat. «Ich war immer auf Trab», sagt sie. Heute geniesst sie es, unterwegs zu sein, Menschen zu begegnen, und sich mit anderen Sketchern auszutauschen. Und so trifft man Eva Eder vielleicht irgendwo in einem Zug, Café oder auf einer Parkbank sitzend, wie sie mit einem japanischen Fineliner und einem kleinen Aquarellkasten das Leben für einen Moment auf Papier festhält. «Ich suche immer das Lebendige», erläutert sie.

Einige der Zeichnungen, die Eva Eder während des Stadtfests Brugg gezeichnet hat, sind in den Neujahrsblättern 2020 zu finden. 

Vernissage Neujahrsblätter: Sonntag, 1. Dezember, 17.00 Uhr, Salzhaus, Brugg; www.bnjb.ch 

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