«Ich suche nicht die Mitte»

Theatermacherin Stella Palino ist das «unverschämte Kind» von Baden. Aus dem kultu­rel­len Leben der Stadt ist sie nicht mehr wegzudenken.

«Hier auf dem Theaterplatz ist «der Sturm» geplant»: Xavier Mestres Emilió und Stella Palino (Bild: cl)
«Hier auf dem Theaterplatz ist «der Sturm» geplant»: Xavier Mestres Emilió und Stella Palino (Bild: cl)

von
Claudia Marek

14. März 2019
11:40

«Equilibre», also Gleichgewicht hiess das erste Soloprogramm von Theatermacherin Stella Palino, das sie damals 1979 im Thik vorführte. Stella Palino lacht. «Ich bin alles andere als ein Mensch im Gleichgewicht», sagt sie. «Und das ist gut so.» Sie suche nicht die Mitte. Das sei langweilig. Sie schwanke zwischen Extremen. «Ich bin zerrissen.» Das Dunkle ziehe sie  an, das Unfassbare, Bizarre, Tragische. «Dieses Dunkle, Tragische ist mein künstlerischer Nährboden», sagt sie. Dies zeige sich in ihren Themen, so auch im aktuellen Programm. 


Zwischen Paris und Baden

Stella Palino sitzt in der «Unvermeidbar», die sie 2009 gegenüber dem «Teatro Palino» eröffnete. Neben ihr hat Xavier Mestres Emilió Platz genommen. Er führt die Regie von «die Mücke widerspricht». Die beiden blicken zurück auf eine 40-jährige künstlerische Zusammenarbeit. «Wir haben 1977 zusammen die Theaterschule in Paris besucht», erzählt Xavier Mestres Emilió. Die Theaterschule war Grundstein ihrer künstlerischen Partnerschaft, aus dieser resultieren unzählige Produktionen. Xavier Mestres Emilió lebt weiterhin in Paris und pendelt jeweils. «Wir sprechen die gleiche Theatersprache», ergänzt Stella Palino. «Wir verstehen uns, ohne viel erklären zu müssen. «Bis ich 1985 mit meinem Theater in Baden sesshaft wurde, zogen wir herum, machten Strassentheater, Zirkus, traten als pantomimische Clowns auf», führt sie aus. «Damals war ich noch ein zarter, süsser Jüngling, jetzt bin ich eine dreckige Bitch», freut sie sich. 

Sie provoziere gern, so Stella Palino. Auf der Bühne wie im Leben. Ähnlich dem kürzlich verstorbenen Grafiker, Karikaturisten und Schriftsteller Tomi Ungerer. Stella Palino bewunderte den Künstler, von dem man sagte, er sei das «Unverschämte Kind von Strassburg» und gleichzeitig bezeichnete man ihn als den grossen «Liebhaber des Lebens».  


Eine Abrechnung mit dem Homo sapiens

Stella Palino könnte man als das «unverschämte Kind von Baden» bezeichnen. Gerade auf der Bühne liebt sie es, die dunkle, dreckige Seite zu zeigen.  So auch in der zweiten Episode der Geschichte von der mensch-gewordenen Mücke. Einst wurde eine Mücke zum Menschen, weil sie zu viel Menschenblut gesoffen hatte. In der Gestalt des Homo sapiens durchlebte sie das Leben eines Zweibeiners. Doch nun hat sie genug von deren Treiben und möchte zurück zu ihrem Mücken-Dasein. «Ich bin nirgends zu Hause, mein Selbst ist mir entlaufen und streunt wie ein herrenloser Hund durch die von Schmutz belebten Gassen. Ich selbst schmücke mich stattdessen mit einem traurigen Hochmut», sagt sie zu sich in ihrem Menschenkörper. In dem kafkaesken Stück hält sie dem Menschen den Spiegel vor das Gesicht und regt mit Mehrdeutigkeiten, Humor und frechen Spitzen zum Nachdenken an.

 

Ein ewiger Kampf

Stella Palino bevorzugt heute kleine, tiefgründige Theaterproduktionen. Sie muss nicht mehr die «grossen Geschichten» realisieren. Das hat den Vorteil, dass diese nicht grosse Kosten verursachen. Das aktuelle Stück kommt ohne Subventionen aus. So können wir machen, was wir wollen», erläutert Xavier Mestres. Subventionen müssen jedes Jahr neu beantragt werden. Aber die ständigen Geldnöte schränken ein. «Es ist ein ewiger Kampf», so Stella Palino. «Mit stabilen Subventionen könnten wir einen Techniker und eine Bürofachkraft bezahlen», erklärt Stella Palino. Mit einem jährlichen kleinen Betrag wäre uns schon sehr geholfen. 

Das «Teatro Palino» wie auch die «Unvermeidbar» sind die letzten Kulturstätten von Baden. Dass sie einen wesentlichen Teil zum kulturellen Leben der Stadt beitragen, würde von den städtischen Verantworlichen zu wenig geschätzt, findet sie. Zu Baden verbindet Stella Palino eine ambivalente Liebe. Es ist diese Art von Zerrissenheit, die ihr Leben ausmacht. Auch als Transgenderfrau erlebt sie diese Ambivalenz. Vor zehn Jahren hatte sie sich entschieden, definitiv als Transfrau zu leben. Der männliche Teil sei aber deswegen nicht einfach weg. Diese Seite sei zwar schwächer geworden, gehöre aber nach wie vor zu ihr. 

 

«Eine schräge, verrückte Idee»

Im «Theater am Brennpunkt» erlebte Stella Palino eine ihrer besten Zeiten, wie sie erzählt, vor allem aus materieller Gesichtspunkten. «Wir hatten eine grosse Bühne, angemessene Subventionen und ein dichtes künstlerisches Schaffen», erläutert sie. «Du hast jetzt auch eine sehr gute Zeit», wirft Xavier Mestres Emilió ein, «du bist stärker als früher». Stella Palino nickt. «Ich erlebe auf der emotionalen und künstlerischen Ebene eine enorm spannende Zeit», sagt sie. «Auch im Liebesleben mache ich viele neue Erfahrungen», so die 61-Jährige.

Etwas «Grösseres» ist dann doch auf den Herbst geplant, anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums. «Der Sturm», heisst das Stück und soll auf dem Theaterplatz realisiert werden. «Eine schräge, verrückte Idee», freut sich Stella Palino. Eine Gruppe von Leuten möchte ein Stück von Shakespeare aufführen, hätte sich aber zerstritten, verrät Stella Palino. Jeden Abend kämen neue Leute auf die Bühne, um das Stück zu retten.

Als Stella Palino und Xavier Mestres Emilió die Rundschau durch die Stadt führen und ihr ein paar wichtige Plätze aus ihrem Theaterleben zeigen, fallen sie gleich in ihren «Spielmodus». Sie präsentieren kleine Szenen, spinnen Ideen. Nein, ans Aufhören ist überhaupt nicht zu denken. «Spielen ist Leidenschaft, Poesie, und auch
Recherche» so Stella Palino.

 

 

Aufführungen:
- Freitag, 15. März, 20.30 Uhr   
- Samstag, 16. März, 20.30 Uhr
- 22./23. März, 20.30 Uhr
- 29./30. März, 
20.30 Uhr
Teatro Palino, Baden

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