«Ich werde diplomatischer sein müssen»

Lutz Fischer-Lamprecht ist reformierter Pfarrer, Mundart-Journalist und Grossrat. Als höchster Wettinger möchte er Gräben überwinden.

«Eine historische Perle im Limmattal»: Lutz Fischer-Lamprecht im Kreuzgang des Klosters Wettingen, einem seiner Lieblingsorte in seiner Gemeinde. (Bild: is)

26. Januar 2022
14:04

«Während der Maturazeit sagte ich immer, ich werde mal Bundeskanzler», erzählt Lutz Fischer-Lamprecht und lacht. Nun, bis an die Spitze der deutschen Politik hat es der heute 54-Jährige nicht gebracht – was ihn aber nicht weiter stört, denn er lebt längst in der Schweiz. Hier wird er am heutigen 27. Januar vom Kollegium im Einwohnerrat zum höchsten Wettinger gewählt, wenn nichts dazwischenkommt. Als bisheriger Vizepräsident ist er der designierte Nachfolger von Christian Pauli (FDP).

Beim Gespräch im Pfarrhaus, das direkt hinter der reformierten Kirche steht, trägt Fischer-Lamprecht ein Schwingerhemd. 2013 erhielt der Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Wettingen-Neuenhof den Schweizer Pass, gemeinsam mit seiner Frau Kristin, die als reformierte Pfarrerin in Obersiggenthal arbeitet. Er macht aus seiner Liebe zur Schweiz keinen Hehl: «Die direkte Demokratie ist wirklich cool!» So war für ihn auch immer klar, dass er sich in seiner neuen Heimat endgültig niederlassen möchte.

Politik hat Fischer-Lamprecht, der in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsen ist, schon immer interessiert. Mit achtzehn wurde er Mitglied der Jungen Union. Sein Bruder Axel sass für die CDU viele Jahre im deutschen Bundestag. Lutz Fischer-Lamprechts Weg verlief anders. Eher spontan entschied er sich nach dem Abitur fürs Theologiestudium. An der Uni Marburg lernte er seine heutige Frau kennen. Und vor 23 Jahren kam das Pfarrer-Ehepaar mit dem damals sechsjährigen Erstgeborenen in die Schweiz, wo Lutz Fischer-Lamprecht seine erste Pfarrstelle in Rechthalten im Kanton Freiburg antrat.


2002 bis 2008 in Birmenstorf
2002 siedelte die Familie dann in den Kanton Aargau über. Dort war er zuerst in Birmenstorf und sie in Gebenstorf tätig. Am 1. April 2008 erfolgte der Umzug nach Wettingen. Hier stieg Lutz Fischer-Lamprecht ziemlich bald in die Kommunalpolitik ein. Die Evangelische Volkspartei entsprach ihm als Pfarrer. 2016 schaffte er den Sprung in den Einwohnerrat, und nun wird er dessen Präsident. Das neue Amt sieht er als Ehre und Verpflichtung zugleich, auch wenn es ein unpolitisches sei: «Ich werde alle Wettingerinnen und Wettinger vertreten, aber gleichzeitig auch die Stimme des Einwohnerrats nach aussen sein», erklärt Fischer-Lamprecht. Ab dem 27. Januar werde er sich deshalb mit politischen Statements zur Wettinger Politik zurückhalten müssen, kündigte er kürzlich auf Facebook an. Dort ist der 1,93 Meter grosse Hüne für seine offene, manchmal auch sehr direkte Art bekannt ­– manche würden eher sagen, berüchtigt. Er geniesst aber auch den Ruf, selbst in Streit­gesprächen respektvoll argumentieren zu können.

«Wettingen ist politisch in einer schwierigen Phase. In der Diskussion bei den Gemeinderatswahlen spürte man die Unzufriedenheit, aber sie ist nicht ganz greifbar», erklärt er. Er sieht es als wichtige Aufgabe des ­Parlaments in der neuen Legislatur, «diese grossen Gräben zu überwinden». Dass der Gemeinderat seine Kommunikation verbessern möchte, sei ein erster, wichtiger Schritt, findet er.

Ihm fehlt bei den Kritikern in den Social Media oft der positive Ansatz. Statt nur anzuschuldigen, sollen auch Lösungen oder Alternativen aufgezeigt werden. Dies gilt insbesondere für die Finanzen oder die Limmattalbahn, die in Wettingen ein heiss diskutiertes Thema sind. «Dabei ist es zu früh zu sagen, ob wir die Bahn in Wettingen wirklich brauchen. Das hängt davon ab, wie sich die Region und der Verkehr entwickeln. Wichtig ist, dass die Limmattalbahn auf Stufe Zwischenergebnis im Richtplan festgesetzt ist. So ist der Korridor gesichert, falls es das Tram braucht», erklärt ­Fischer-Lamprecht. Als höchster Wettinger liegt ihm ein respektvoller Umgang im Parlament am Herzen: «Alle sollen im Bewusstsein agieren, gemeinsam das Beste für Wettingen zu erreichen. Das gilt auch für ihnselbst: «Ich werde diplomatischer sein müssen. Das wird nicht leicht, aber ich kann es», ist er überzeugt.


Verzichtsplanung als Stärke
Loszulassen fällt ihm nicht schwer. Verzichtsplanung sei eine seiner Stärken, fügt Lutz Fischer-Lamprecht an: «Immer wenn ich etwas Neues anfange, gebe ich etwas anderes auf.» So trat er 2016 aus der Feuerwehr und der Einbürgerungskommission zurück, weil er in den Einwohnerrat gewählt wurde. Und als er 2019 für Neu-Nationalrätin Liliane Studer in den Grossrat nachrückte, gab er seine Mandate im Verwaltungsrat der Alterszentrum St. Bernhard AG und im Stiftungsrat der Pensionskasse der reformierten Landeskirche Aargau ab. Ende Februar wird er an der GV der EVP Wettingen-Limmattal auch das Präsidium übergeben.

Bereits seit zwei Jahren schreibt er zudem keine politischen Berichte mehr in den «Wettiger Nochrichte», einer Online-Plattform, die er seit 2015 mit Fabian Schmid bewirtschaftet. Und wie ist es als Pfarrer in der Politik? «Als Pfarrer bin ich nahe am Leben, bei den Menschen und ihren Themen oder Problemen», meint Fischer-Lamprecht. Er gilt als Macher, der sich für die Menschen und die Umwelt einsetzt. Dabei hat der fünffache Vater nicht den Anspruch, sich als allmächtiger Vertreter des Herrn auf Erden zu verstehen: «Wir reformierten Pfarrer sind Gläubige wie alle anderen in unserer Kirchgemeinde.» Und so sieht Lutz Fischer-Lamprecht auch seine Funktion als höchster Wettinger: Engagiert im Dienst für Menschen und Umwelt.

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