«Ich will die Blumen spüren»

Ihre Lehrmeisterin empfahl ihr einst einen Berufswechsel. Heute ist die Ehrendingerin Tamara Schelling eine erfolgreiche Floristin, die Blumen über alles liebt.

Tamara Schelling vor ihrem Geschäft in Ehrendingen. (Bild: is)

30. September 2020
14:31

Wenn Tamara Schelling in der Blumenbörse neue Pflanzen holt, verlässt sie morgens um vier Uhr ihre Wohnung in Ehrendingen. Frühes Aufstehen macht ihr nichts aus, im Gegenteil: «Es ist so schön, wenn ich auf der Heimfahrt bin und die Sonne aufgeht und rundherum die Welt erwacht», erklärt die 42-Jährige. Zwei- bis dreimal pro Woche nimmt Schelling die frühe Tagwache in Kauf: «Denn ich will mir die Blumen nicht einfach liefern lassen, sondern sehe sie mir lieber selber an und möchte sie spüren.»  

Die vier Jahreszeiten sorgen dabei für Abwechslung. Im August freut sie sich auf die Kürbisse und Trockenblumen, die dieses Jahr wieder «voll im Trend liegen – wie in den 80er-Jahren», sagt Schelling. Ab Oktober beginnt schon die Weihnachtssaison, und im Januar zieht mit den Tulpen bereits der Frühling in ihrem Laden ein.


Fundstücke aus der Natur
Das Material für ihre Kreationen findet Tamara Schelling oft auch in der Natur. «Dort sammle ich Schneckenhäuser, Moos und Flechten», erzählt die Tochter eines Italieners und einer Schweizerin begeistert. Oft wird sie dabei von ihrer elfjährigen Tochter begleitet. Diese habe zwar auch Freude an Blumen, wolle aber lieber Polizistin werden – «wie ihr Vater», weiss Schelling. 

Sie selber hat eine dreijährige Ausbildung als Topfpflanzen- und Schnittblumengärtnerin in Oberglatt (ZH) absolviert, wo sie aufgewachsen ist. Im Einkaufszentrum Glatt begann Schelling danach eine zweijährige Zusatzlehre, fühlte sich aber im Lehrbetrieb nicht wohl. «Ich hatte so wenig Platz und Raum, es war einfach nicht meine Welt», erinnert sie sich. Und schliesslich habe die Chefin gemeint: «Du hast den falschen Beruf!» Mit Unterstützung ihrer Mutter Anna Brocca, die ihr bis heute noch jede Woche einen Tag lang im Geschäft unter die Arme greift, fand sie einen neuen Ausbildungsplatz bei Blumen Diehl in Zürich-Affoltern – und blühte wieder auf.

2006 zog sie mit Ehemann Roman und dem heute 15-jährigen Sohn nach Ehrendingen. Nach der Geburt des zweiten Kindes begann Tamara Schelling, kleinere Aufträge für ihren Freundeskreis daheim auszuführen. Sie erinnert sich: «Ich sass hochschwanger in der Stube und machte Gestecke für eine Hochzeit.» Mit der Zeit begann sie auch, Kurse zu organisieren – obwohl sie eigentlich eine sehr scheue Person sei und vor jedem Kurs schlimmes Lampenfieber habe, erzählt Schelling lachend. Ihre Kurse sind mittlerweile weitherum bekannt, manche «Fans» nehmen sogar regelmässig über eine Stunde Anfahrt in Kauf. So führt Schelling unter anderem Workshops für Hortensien- und Vintage-Sträusse, Etagèren oder Türschmuck durch. Besonders liegen der zweifachen Mutter Kurse mit Kindern am Herzen: «Ich möchte ihnen die Freude an Blumen und an der Arbeit mit Händen mitgeben.»


Ein eigenes Ladengeschäft
Das Label «Schellings Blumenhandwerk» wurde bald zu gross fürs «Homeoffice». Als die Floristin Ende 2018 erfuhr, dass das «Harässli» an der Dorfstrasse auszieht, meldete Schelling ihr Interesse beim Vermieter an. Zuerst wollte sie mit einer Bekannten zusammenspannen, die einen Raum für ihre Vintage-Möbel suchte. Nachdem diese jedoch absprang, «zog ich es alleine durch», so Tamara Schelling. Dank der Unterstützung ihrer Familie konnte sie am 2. November 2019 das Geschäft eröffnen. Den Schritt hat sie nie bereut. Hier habe sie gespürt, dass sie Geschäft und Privatleben besser trennen könne, so Schelling: «Wenn ich hier im Laden bin, bin ich voll hier.» Zudem passe ihr Laden in dieses alte Haus, «denn ich liebe altes Geschirr und alte Möbel».

Ihr Laden ist mittlerweile mehr als nur ein Blumengeschäft. Beliebt sind auch ihre Geschenkboxen: Gestecke, die mit Produkten von David Tomers GeNüssli Rösterei im gleichen Gebäude angereichert werden. Zudem dürfen Produzentinnen aus dem Dorf ihre Produkte als «Shop im Shop» präsentieren: kleine Etuis von Heike Kaffelberg, Seifen von Vera Dillier, Essig und Öl von Tamara Liechti oder Karten von Liliane Bürgisser. «Wir haben so viele kreative Menschen in Ehrendingen», schwärmt die leidenschaftliche Netzwerkerin.

In den letzten Jahren ist ihr Geschäft Schritt für Schritt gewachsen – und wächst noch immer. Manchmal könne sie kaum glauben, was entstanden und gewachsen sei, sagt Tamara Schelling: «Es ist wie in einem Traum.»

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