«Ich will mein eigener Herr sein»

Unter dem Label «Herr Urs» bietet Urs Landis aus Turgi unter anderem selbst gestrickte Pullover, Schals, ­Mützen und Decken an.

Urs Landis (36) in seiner Werkstatt am Bahnhof Turgi. Er trägt, natürlich, einen selbstgestrickten Pulli. (Bild: cl)

01. September 2021
17:42

Direkt beim Gleis 1, im Dienstgebäude am Bahnhof Turgi, befindet sich die Strickwerkstatt von Urs Landis. Hier wird gestrickt, gekettelt, vernäht und gedämpft. Urs Landis trägt einen seiner Strickpullis, kastanienbraun mit einem grauen Ärmel. Er strickt jeden Pulli nur einmal und programmiert immer wieder neue Muster oder Schnitte. An einem Ständer hängen die verschiedenen Prototypen. In einer Ecke türmen sich gleich 700 graue Mützen in feinster Merinowolle. «Ein Grossauftrag vom Eidgenössischen Amt für auswärtige Angelegenheiten», erklärt Urs Landis. Die Mützen dienen dem EDA für die Kandi­datur der Schweiz für den UNO Sicherheitsrat. «Solche Aufträge sind natürlich gerade jetzt toll», sagt Urs Landis. Denn während der Sommermonate verkaufe er in der Regel weniger Kleidungsstücke. Bei dieser Aufgabe unterstützt ihn nun seine Kollegin Annina, die unter dem Label Annina Olga ihre eigenen Strick­waren vertreibt. Für «Herrn Urs» vernäht sie die Mützen und bringt ein Etikett an.


Start im Wintergarten

Vor rund sieben Jahren kaufte Urs Landis seine erste Flachstrick­maschine bei der Firma Stoll in Reutlingen, Deutschland. Die eineinhalb Tonnen schwere Gebrauchtmaschine – mit der dazugehörigen Software kostete sie 12 500 Euro – kam in den Wintergarten seiner Eltern. «Meine Eltern haben mich in meinen Projekten immer unterstützt», sagt Urs Landis. Auch wenn sie damals noch nicht ganz von der Geschäftsidee überzeugt schienen, wie der 36-Jährige schmunzelnd ergänzt. Das Stricken gestaltete sich anfangs tatsächlich schwieriger als erhofft. «Ich kam einfach nicht vorwärts», erzählt er. Denn jedes Kleidungsstück muss erst am Computer mit einem speziellen Strickprogramm gestaltet und die Maschine entsprechend eingestellt werden. «Immer wieder kamen Strickwaren mit Fehlern heraus», erklärt er. Daraufhin entschloss er sich, Kurse bei der Herstellerfirma zu belegen. Dabei lernte er gleichzeitig, seine Maschine zu reparieren.


Edle Garne für feine Strickwaren

Heute besitzt Urs Landis vier Flach­strickmaschinen, von der jede etwas anderes macht. Da sie über unterschiedlich dicke Nadeln verfügen, können feine bis grobe Garne verarbeitet werden. Der Stricker arbeitet mit verschiedenen Materialen wie ­Merinowolle, Bio-Baumwolle oder Bio-Wolle. Wenn die Kleidungsstücke gestrickt sind, werden sie gedämpft, damit sich das Garn ausgleicht, diejenigen aus Baumwolle werden zusätzlich gewaschen. In seinen Erzählungen geht es Urs Landis aber nicht nur ums Stricken, sondern auch um das Produkt und um das, was dahinter steckt. Wie das Leinen von der Firma Swissflax, die sich Nachhaltigkeit auf die Fahne geschrieben hat. Denn im Emmental feiert der Flachs eine kleine Renaissance, dort bauen Landwirte die blaublühende Faserpflanze an. Swissflax kauft den Bauern das Flachsstroh ab und organisiert die Verarbeitung. Vom Anbau bis zum fertigen Strickpullover dauert es gut ein Jahr. Neben Urs Landis gibt es nur vereinzelte Strickwarenhersteller in der Schweiz. «Ich möchte einen kleinen Teil der Modeindustrie zurückholen», sagt er.


Lastwagenchauffeur und Barista

Ursprünglich hat Urs Landis Schriften- und Reklamegestalter gelernt. «Mit mässiger Begeisterung» habe er seine Lehre angefangen, wie er rückblickend erzählt: «Ich wusste damals überhaupt nicht, was ich wollte.» Heute profitiere er jedoch von dieser Zeit. Beispielsweise habe er dort gelernt, wie man wirtschaftlich arbeite. Bevor er an der Schweizerischen Textilfachschule (STF) in Wattwil Textildesign und Technologie studierte, arbeitete er unter anderem als Lastwagenchauffeur, Barista oder in einem Online-Shop, wo er für die Produktebeschreibung, Bilder und den Versand verantwortlich war.

Der Job als Einkäufer in einem Skater-Geschäft führte ihn schliesslich zum Entschluss, an die Textilfachschule zu gehen. Bereits während des Studiums fand er eine Stelle als Einkäufer von Materialien für Arbeitskleidung. Dort habe er viel über Nachhaltigkeit gelernt. Urs Landis ist heute sehr zufrieden mit dem, was er macht. Die Selbständigkeit sei ihm besonders wichtig. «Ich will mein eigener Herr sein», sagt er lachend. Neuerdings hat Urs Landis einen Garagen-Verkauf aufgebaut. Ziel ist, jeden letzten Samstag im Monat zu öffnen.

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