Im Bann des dreidimensionalen Drucks

Michael Roggli druckt dreidimensional. Seine faszinierende und irritierende Kunst ist im Rahmen einer grossen Werkschau im Salzhaus in Brugg zu sehen.

Im Salzhaus: Michael Roggli neben seinem Werk «Immer in Bewegung»
Im Salzhaus: Michael Roggli neben seinem Werk «Immer in Bewegung» (Bild: aru)

von
Annegret Ruoff

22. Mai 2018
14:10

Dimension Druck

Die Ausstellung widmet sich vom 26. Mai bis 10. Juni dem «Medium Druck». 28 Kunstschaffende, deren Praxis in allen möglichen Dimensionen des Drucks angesiedelt ist, zeigen ihre Werke. Dazu gibts ein vielfältiges Rahmenprogramm mit Führungen, Workshops, Konzerten und Kulinarik. Bei «Work in Progress» können die Besuchenden zudem selbst Hand anlegen. 


Vernissage
Freitag, 25. Mai, 19 Uhr
Salzhaus Brugg
www.salzhaus-brugg.ch 

Ich steige die alte Holztreppe hoch in den Dachstock des Brugger Salzhauses. Hier hat Michael Roggli sein Reich eingerichtet. Im Rahmen der Ausstellung «Dimension Druck» zeigt der bekannte Aargauer Künstler seine Werke. Überwältigt von der Weite des hohen Raums, sammle ich erste Eindrücke eines faszinierenden Universums. Durch die Mitte führt – in Form einer gedruckten Landkarte – ein Laufsteg. Auf einer Länge von 25 Metern lädt er mich ein, dem Fluss der Aare aus der Vogelperspektive zu folgen – 200 Kilometer weit, von Brugg über Olten bis hin zum Bielersee und weiter nach Frankreich. Zögernd setze ich meinen Fuss auf die Topografie. Während die Felder und Wälder unter meinen Schuhen verschwinden, komme ich mir vor wie eine Riesin, der die Welt zu Füssen liegt.

 

Formen des Lebens erkunden

Mein Blick erkundet die Landschaft von Installationen und Projektionen im Raum und bleibt hängen an einem weissen Quader, auf dessen Seitenwand wogendes Wasser projiziert wird. Rechter Hand, auf dem Holzboden, knacken zwei Krähen Nüsse. «Das sind die Bewohner des Dachstocks», erklärt mir Michael Roggli. «Sie machen die Ausstellung zum Lebensraum und treten gleichzeitig in einen Dialog mit den Vogelstimmen draussen», so der Künstler. Ich schreite weiter zu den «Elementarteilchen». Ganz in Weiss, als wären sie aus Gips, liegen kleine Äste, ein Salzhäufchen, das Innere einer Nuss auf dem Boden. Sanft spielt das Licht auf der matten Oberfläche. «Mich faszinieren diese Formen, die mir vorkommen wie die Grundbausteine des Lebens», erzählt mir Roggli, während er ein Ästchen umdrappiert. Diesem Leben sei er auf der Spur. In seiner Kunst versuche er zu ergründen, wie es sich bildet und formt, sagt der Künstler. 

 

Häuser auf den Kopf stellen

Unmittelbar danach passiere ich eine Art Stadt, aufgebaut aus vielen kleinen Häuschen, die wirken, als wären sie aus Zahnstochern gefertigt. Es ist Michael Rogglis «Siedlung». Ausgehend vom kristallisierten Salzwürfel, mit dem er sich in seiner Kunst seit Jahren auseinandersetzt, sei er auf die Idee gekommen, ein Haus mit Dach zu formen. «Dann habe ich es gedreht, auf den Kopf gestellt und einfach immer weiter gespielt», sagt der 45-Jährige. Diese Vorgehensweise ist typisch für sein Schaffen. So, wie er erzählt, entstehen auch seine Werke. Dem «Stream of consciousness» folgend, mäandriert er von der einen Idee zur nächsten. Und macht dabei ungeahnte Entdeckungen. Erst jetzt, wo er die «Siedlung» hier aufgebaut habe, sei ihm bewusst geworden, dass er mit diesen simplen Elementen ein wunderbares Spielzeug kreiert habe, schmunzelt er. 

Auf einem Sockel unter dem Dachfenster hat er aus den Bausteinen einen filigranen Turm errichtet – das «Wasserschloss», das zugleich wie eine mächtige Burg auf eine Wand am Ende des Raums projiziert wird. Am Wasser ist Roggli zu Hause – seit Jahren schon. Lange war er in Baden heimisch, heute wohnt und arbeitet er in Vogelsang. «Ich gehe oft an der Aare spazieren», erzählt er. Er fühle sich dem Wesen des Wassers nahe, das sich mäandrierend seinen Weg durch die Landschaft suche.

  • Der Schein
    Der Schein (Bilder: zVg/Michael Roggli)
  • Elementarteilchen
  • Krähe vor Siedlung
  • Krähe
  • Siedlung
  • Schlaufen
  • Nüsse
  • Wasserschloss
  • Immer in Bewegung
  • Lichtgeflüster

Aus Pixeln Gegenstände machen

Gegenüber der «Siedlung» erblicke ich die «Schlaufen». 72 Mal ist dieselbe Form auf dem Boden ausgelegt, immer anders gedreht. Die Anordnung mahnt an ein Saatfeld. «Ich habe die Elemente zufällig positioniert», sagt Michael Roggli, «und war am Ende selbst erstaunt, dass alles in eine Ordnung findet». An Krähen und tanzenden FIgürchen vorbei gehe ich zur Hauptattraktion des Raumes – einer tanzenden Figur aus transparentem Kunststoff. Das Spiel des Lichts lässt ihr Kleid schillern, als wäre sie aus Glas – oder Eis. «Immer in Bewegung» nennt Michael Roggli dieses Werk. Ursprünglich wollte er drei Tänzerinnen im Raum positionieren, hat sich dann aber für eine entschieden. Dies auch aus Gründen der Kapazität. Denn Michael Roggli produziert seine Figuren und Gegenstände sehr aufwendig im 3-D-Druckverfahren. 

Aus Zeichnungen oder Scans entstehen seine gedruckten Werke, die sich an den Rahmenbedingungen des Verfahrens ausrichten. Für die Tänzerin hat Michael Roggli rund zweihundert Teile gedruckt, die er anschlies­send zusammengesetzt hat. «Mich fasziniert diese Technik», sagt der Künstler, der auch als Modellbauer arbeitet. «Ich setze etwas aus Punkten – Pixeln – zusammen, und am Ende erscheint es real. In einem schöpferischen Prozess beschäftigt er sich mit der Frage nach dem Verhältnis der Grössen und Masse, die auch im Zentrum dieser Ausstellung steht. Wie gross muss etwas sein, damit es wirkt? Was verändert sich, wenn es kleiner wird? Und was ist im 3-D-Druck technisch überhaupt möglich?

Im Hintern des Raumes zieht ein Irrlicht meinen Blick an. Wie von Geisterhand geführt, skizziert es eine leuchtenden Spur auf den Boden. «Lichtgeflüster» nennt Michael Roggli dieses Werk, bei dem er mit Laser und Nachleuchtfarbe arbeitet. Ich nehme den Rückweg gegen den Strom der Aare unter meine Füsse und tauche noch einmal ein in diesen Lebensraum voller Entdeckungen. Plötzlich hält Michael Roggli inne, kniet nieder und rückt zwei Häuschen der «Siedlung» gerade. «Ich habe eine improvisierende und eine sehr exakte Seite», lacht er und steht wieder auf. «So, jetzt muss ich aber einen Punkt machen», sagt er. Es sei wichtig, dem Gestaltungsimpuls Grenzen zu setzen, damit das Werk in einen Zustand finde, der bleibt – zumindest für die Dauer der Ausstellung.

  • Die Werke von folgenden Künstler werden im Salzhaus ebenfalls gezeigt: Andreas Hofer
    Die Werke von folgenden Künstler werden im Salzhaus ebenfalls gezeigt: Andreas Hofer (Bilder: zVg)
  • Margarit Lehmann
    Margarit Lehmann
  • Sabina Stucky
    Sabina Stucky

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