Im Dialog mit einem weitgereisten Haus

In der Brugger Altstadt eröffnet ein Bed & Being. Offenstehen werden dessen Türen auch fürs Verweilen und für Kulturbegegnungen.

Roland Reisewitz und Maja Lončarević im Flusshaus. (Bild: cd)

von
Dahl, Caroline

21. Juni 2022
20:54

Vom ersten Augenblick an, als Maja Lončarević und Roland Reisewitz das Flusshaus betraten, nahmen sie dessen grosse Persönlichkeit wahr. «Wir spürten: Hier drinnen ist ganz vieles möglich, und es wird viel Gutes passieren», erzählen die Eigentümer. «Wir nannten das Haus ‹die ehrwürdige alte Dame›», sagt Roland Reisewitz. Auf die distinguierten Charakterseiten, die das Flusshaus im Laufe seines Daseins und durch seine Geschichte entwickelt hat, liessen sich Lončarević und Reisewitz voll und ganz ein. Mit respektvoller Neugierde haben sie den sorgfältigen Umbau begonnen und sich damit auf eine Reise zum und ins Haus begeben. Am Brugger Jugendfest eröffnen sie ihr Bed & Being, ein Gäste- und Begegnungshaus, in dem das Reisen und Innehalten tonangebend sind. 


Ein intuitiver Umbau, eine lange Reise
Der Umbau dauerte insgesamt 21 Monate. Jeden Tag verbrachte Reisewitz, der als Bauleiter fungierte, im Flusshaus, legte selbst überall Hand an bei den Renovationsarbeiten und lernte das Haus Schicht um Schicht kennen. Dieser intuitiven und geduldigen Herangehensweise ist es auch zu verdanken, dass das Altstadthaus einen ganz besonderen historischen Schatz offenbarte: eine altbarocke Deckenbemalung, die jetzt das «Flusszimmer» schmückt. Zunächst war geplant gewesen, die holzverkleidete Decke des Zimmers lediglich neu zu streichen.

«Die Chance, eine solche Decke freizulegen, hat fast niemand im Leben», ist sich Reisewitz bewusst. Architekt Dave Roth bestätigt: «Es ist jetzt ein ganz anderer Raum.» Nach der Einschätzung über das Potenzial dieses Fundes und unter der Leitung von Heiko Dobler (Kantonale Denkmalpflege) wurde die Decke in hundert langen Arbeitsstunden restauratorisch freigelegt, mit Skalpell und ganz feinen Hämmerchen. Ohne die Unterstützung des Altstadtfonds der Stadt Brugg wären die Mehrkosten nicht zu bewältigen gewesen.

«Eine Wahnsinnsdecke», beurteilt Heiko Dobler. Sämtliche Bauprojekte in der Altstadt werden seitens der kantonalen Denkmalpflege mitbetreut, erklärt er, auch solche Objekte, die nicht kantonal geschützt seien, wie eben das Flusshaus. «Man weiss oft relativ wenig über die Bauten; die Altstädte sind nicht durchinventarisiert. Einiges wird erst während des Bauprozesses entdeckt», erzählt Dob­ler. «Die Zeit, die sich Maja und Roland für die Reise mit diesem Haus genommen haben, war unglaublich wertvoll. Ohne diese Haltung wäre das Haus heute ein anderes», betont Architekt Roth.


Das Haus seine Geschichte erzählen lassen
Der gesamte Umbau wurde als ein Prozess angegangen. Angewandt wurde das Bauhüttenmodell, eine kooperative und prozessorientierte Arbeitsweise, in der alle Partner in das, was entsteht, involviert sind und darauf reagieren. Das mache heute fast niemand mehr so, hält Reisewitz fest, aber ein anderes Vorgehen kam nicht infrage. Die Langsamkeit war Lončarević und Reisewitz wichtig. Der Umbau sollte von innen heraus entstehen und nicht
aufgrund eines Plans durchgesetzt werden. «Schauen, was hervorkommt und wie man das wieder integrieren kann. So zu bauen, das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wir hatten nie ein Dossier, wir haben keine genauen Pläne erstellt. Wir standen aber immer wieder in den Räumen und haben versucht, zu reagieren, denn der Charakter des Hauses sollte bewahrt werden», hält Reisewitz das Vorgehen fest. «Wir wussten manchmal selbst nicht, wie wir gewisse Elemente gestalten sollten, fanden jedoch in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit den Handwerkern stets neue Lösungen», berichtet der Bau­leiter.


Ein Begegnungsort im Nomadendasein
Das Vorhaben, ein Haus zu finden, in und mit ihm weiterzureisen, ist Wirklichkeit geworden: Gegen die Aare zu wurde die Fassade des Flusshauses, dessen exaktes Baujahr nicht bekannt, aber anhand der Jahreszahl 1748 an einem Treppenpfosten ungefähr geschätzt werden kann, mit Laubenbalkonen aufgewertet, wo früher die Holzerker der Aborte angebracht waren. Innen im Flusshaus befinden sich nun auf drei Stockwerken fünf wunderschöne Zimmer, eines davon ein Studio, dazu zwei Badezimmer und zwei Seminar- und Aufenthaltsräume, die das Paar liebevoll eingerichtet und unter der Federführung von Maja Lončarević stilsicher und feinsinnig gestaltet hat. Alle Zimmer tragen Namen und sind vom Reisen und Eintauchen in andere Kulturen inspiriert.

«Von einer Destination, an der wir waren, einem Lebensgefühl, das wir mitnahmen», sagt die künftige B & B-Gastgeberin und Ethnologin Lončarević. Die Vision, einmal ein Gästehaus zu führen, werde auch von der Überzeugung getragen, dass wir alle Nomaden seien, so Lončarević. «Gäste zu sein, das hat uns immer fasziniert», sagt sie, die mit ihrem Partner auf verschiedenen Kontinenten gelebt und gearbeitet hat. «Das Eingeladensein in ein anderes Zuhause ist auch immer das Eintauchen in eine andere Welt. Das wollten wir auch: Geschichten teilen, Gastgeber sein im umfassenden Sinn.» Ihre Philosophie drückt sich deshalb auch darin aus, dass das Flusshaus ein Begegnungs- und Kulturvermittlungsort sein soll, auch eine kontemplative Oase, wo man Momente zusammen verbringe, das Sein wahrnehme, innehalte und bereichert weiterziehen könne. Deshalb seien sie kein Bed & Breakfast, sondern ein Bed & Being. Das Ladenlokal ist unter der Woche der Frühstücksraum für die Gäste, am Wochenende wird das «Nomad Café» für alle geöffnet sein: von Freitagabend bis Sonntagnachmittag. Gelebt wird der Wunsch des Gastgeberpaares, etwas Kulturelles zu teilen, mit musikalischen Beiträgen im Format von Wohnzimmerkonzerten, Künstler- und Kulturbegegnungen im intimen Rahmen, philosophischen Anlässen, Lesungen und Produktdegustationen aus aller Welt. «Begegnungen sind etwas vom Wichtigsten und Bereicherndsten im Leben», sind Maja Lončarević und Roland Reisewitz überzeugt.


Eröffnungsapéro:

Mittwoch, 29. Juni, ab 17 Uhr

Konzert: 19.15 und 20.15 Uhr

mit «Thais Diarra & Friends»

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