«In den Alpen können Allergiker aufatmen»

Kündigt sich der Frühling an, blüht Regula Gehrig auf. Die Pollenexpertin setzt alles daran, Allergikern verlässliche Prognosen zu liefern.

Regula Gehrig hat die Entwicklung der Pollen bis in die Eiszeit zurückverfolgt
Regula Gehrig hat die Entwicklung der Pollen bis in die Eiszeit zurückverfolgt (Bild: zVg)

von
Annegret Ruoff

08. März 2018
09:00

Pollenprognosen

In der Schweiz werden die Pollen an insgesamt vierzehn Stationen gemessen und ausgewertet. Die Ergebnisse dienen als Referenz für die Pollenprognosen, die von MeteoSchweiz regionenbezogen erstellt werden. Publiziert werden die Daten in den Medien, im Internet und in verschiedenen Apps wie zum Beispiel «Pollen-News».

www.meteoschweiz.admin.ch 
www.pollenundallergie.ch

Regula Gehrig, bald herrscht bei Ihnen Hochbetrieb. Mit dem wärmeren Wetter startet die Heuschnupfen-Saison. Gehören Sie auch zu den Betroffenen?

Nein, zum Glück nicht!


Fliegen die ersten Pollen durch die Luft, beginnt für viele Allergiker das grosse Leiden. Warum sind Pollen derart unverträglich?

Für allergische Reaktionen sorgen die Proteine oder Eiweissteilchen. Sie kommen im Innern der Pollen oder auf deren Hüllen vor.


Nun reagieren Allergiker ja nicht auf jede Art von Pollen. Warum nicht? 

Proteine finden sich zwar in allen Pollen, aber das Immunsystem rea-giert nur auf bestimmte Pollenarten. Dazu zählen etwa Gräser, Birken, Hasel, Erle. Kommt dazu, dass Allergien vorwiegend von Pollen verursacht werden, die in grossen Mengen in der Luft vorkommen, also von sogenannt windblütigen Pflanzen stammen. 


Pollenprognosen bilden die Basis für die Publikationen von MeteoSchweiz, an denen sich viele Betroffene via Medien, Internet und Apps orientieren. Wie kommen diese zustande?

Um die Konzentration der Pollen in der Luft zu messen, betreibt MeteoSchweiz landesweit insgesamt vierzehn Messstationen mit Pollenfallen. Diese saugen Luft an, drehen sich im Wind und sind mit einem speziellen Klebestreifen ausgestattet. Daran bleibt alles hängen, was die Luft mit sich trägt. Nach einer Woche wird der Streifen
jeweils abgelöst und ausgewertet.


Wie geschieht das?

Die Streifen aller Messstationen landen bei MeteoSchweiz Payerne. Dort zählen Fachpersonen unter dem Mikroskop die Pollen aus. Das dauert bei einem Tagespräparat von 4,8 Zentimetern Länge gerne mal eine halbe bis zu zwei Stunden.


Ist das nicht etwas aufwendig?

Auf jeden Fall! Gerade wenn man bedenkt, dass wir pro Woche je sieben Tagespräparate von vierzehn Messstationen auszählen müssen. 


Geht das nicht schneller und günstiger?

Wir werden in ein paar Jahren soweit sein, dass wir die heutigen Pollenfallen durch Lasermessgeräte ersetzen können. Damit planen wir, automatische Daten in Echtzeit liefern zu können. Wir werden also deutlich schneller zu exakten Werten kommen.


Und warum messen Sie die Konzentration der Pollen in der Luft jeden Tag? Genügt da nicht einmal pro Woche?

Die täglichen Messwerte an vierzehn unterschiedlichen Standorten sind essenziell für verlässliche Prognosen. Damit wir diese so genau berechnen können, brauchen wir möglichst viel Datenmaterial. Nur so sind wir in der Lage, das Zusammenspiel von Pollenflug, Temperaturen, Wetter und geografischer Lage immer exakter zu erfassen. Das führt dazu, dass unsere Modelle und die Vorhersagen präziser werden. Für Menschen mit Heuschnupfen sind verlässliche Pollenprognosen eine grosse Unterstützung.


Seit wann misst man in der Schweiz die Pollenkonzentration in der Luft?

Die erste Station wurde 1969 in Basel gegründet, auf private Initiative hin. Nach und nach kamen weitere Stationen dazu. Da die Messungen sehr aufwendig sind, haben sich die Pollenfallenbetreiber 1982 zu einer Arbeitsgruppe zusammengetan, mit dem Ziel, die Arbeit zu koordinieren. 1993 hat der Bund die Aufgabe übernommen, das Nationale Pollenmessnetz zu betreiben. 


Zählen Sie eigentlich nur die Pollen, die Allergien auslösen, oder alle?

Man hat von Anfang an alle Pollen ausgezählt, da man ja noch nicht genau wusste, welche Pollen Allergien auslösen. Zudem entwickeln sich immer wieder neue Allergien. So entdeckte man beispielsweise mit der Zeit, dass auch die Esche Allergien auslöst. Dasselbe gilt für Ambrosia. Wir haben dafür eigene Pollenfallen im Tessin und im Kanton Genf aufgestellt.


Warum ausgerechnet dort?

In diesen Gebieten ist die Konzentration an Ambrosiapollen deutlich höher, da sie sehr nahe am Ausland sind, wo Ambrosia häufiger vorkommt. Die Pflanze gehört ja zu den invasiven Neophyten, das sind Pflanzen, die ursprünglich bei uns nicht heimisch sind und sich sehr stark verbreiten. Was Ambrosia angeht, herrscht in der Schweiz seit 2006 eine Melde- und Bekämpfungspflicht. Unsere Luft ist aber nicht frei von Ambrosiapollen, und diese sind stark allergen.


Wo in der Schweiz haben es Allergiker besonders schwer?

Im Tessin. Da gibt es zusätzliche allergene Pflanzen wie die Hopfenbuche. Gerade bei den Baumpollen  herrscht in diesem engen Tal ein sehr grosser Transport, sodass die Pollen auch von höheren Lagen ins Tal gelangen. Im Wallis finden wir ebenfalls eine hohe Pollenkonzentration in der Luft. Das hat, nebst dem engen Tal, damit zu tun, dass in dieser Region besonders viele Birken vorkommen.


Wo ist die Luft hingegen pollenfrei?

In den Alpen können Allergiker aufatmen. Oberhalb von 1500 Metern gibt es nicht mehr viele Bäume mit allergenen Pollen, die Pollenkonzentration ist dort deutlich tiefer.


By the way: Welches ist Ihr Lieblingspollen? 

Pollen von Korbblütlern wie Löwenzahn und Sonnenblume sind mit ihren Stacheln sehr dekorativ. In den Präparaten finden sich von diesen Insektenblütern aber nur wenige. Von den windblütigen Pollen gefällt mir der netzartige Eschenpollen am besten. Windblütige Pollen sind eher einfach gebaut, weil sie optimiert sind für den Flug. Die Pollen von Fichten und Föhren haben sogar beidseitig Luftsäcke, damit sie besser fliegen. Sie sehen aus wie «Mickey-Mouse-Ohren». 


Wie kommt es, dass Sie so ein Pollenfan sind?

Diese Faszination begleitet mich schon lange. In meiner Dissertation habe ich die Pollen in Moor- und Seesedimenten erforscht. Da konnte ich die Pollen bis 12 000 Jahre zurückverfolgen. Und anhand dieser kleinen Objekte erkunden, wie sich die Vegetation seit der Eiszeit entwickelt hat. Verrückt, nicht?

Hoch Auflösender 3D-Render von Pollenkörnern unter einem Elektronenmikroskop
Hoch Auflösender 3D-Render von Pollenkörnern unter einem Elektronenmikroskop (Bild: zVg)

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