«In diesem Amt ist man manchmal einsam»

Baden und Wettingen rücken immer näher zusammen. ­Markus Schneider und Roland Kuster leben diesen Geist vor – auch für die ganze Region.

Willkommen in Wettingen! Roland Kuster an der Landstrasse

12. Januar 2022
16:25

Persönlich

Markus Schneider, 56, Die Mitte ­Baden, ist seit 2012 im Badener Stadtrat, seit 2018 Stadtammann
und seit 2021 im Grossen Rat. Nach seinem ETH-Studium war er Turn- und Sportlehrer an der Bezirksschule Baden und wechselte dann in die Privatwirtschaft. Er ist ­geschieden und ­Vater von drei Kindern.

www.schneider-markus.ch

Roland Kuster, 61, Die Mitte CVP Wettingen, ist seit 2008 im Gemeinderat, seit 2017 Gemeindeammann und seit 2019 im Grossen Rat. Nach dem Studium der Geografie und einem zweiten in Unternehmensführung (HSG) war er in der Privatwirtschaft und selbstän­diger Unternehmensberater. Er ist verheiratet und dreifacher Vater.

www.roland-kuster.ch

Ihre beiden Gemeinden sind hier beim Grenzstein «zusammen­gewachsen». Wird das Miteinander ­generell ­immer wichtiger?

Roland Kuster: Ich bin felsenfest überzeugt davon, dass wir uns in zukünftigen Legislaturen mit dem Thema der noch engeren Zusammenarbeit und Zusammenschlüsse unter Gemeinden beschäftigen werden. Zuerst gilt es aber, die Identität in der Region noch besser zu verankern. Dadurch entsteht Vertrauen, und das ist ein Prozess. Wir haben das in der Region in den letzten Jahren schon wesentlich verändert. Das Vertrauen muss bis in die Verwaltungen hinein reichen. 

Markus Schneider: Genau, es muss wachsen, und am Ende folgt der letzte konsequente Schritt, weil sich bis dahin alles logisch zusammengefügt hat.


Was hätten Sie gerne vom andern?

Kuster: Wir schätzen die wertvolle Ausgangskultur in Baden, aber ich wünsche mir deshalb nicht eine zweite Altstadt in Wettingen. Dafür wohnt man sehr schön bei uns. Es gilt, die Region als Ganzes zu stärken.

Schneider: Man sollte die zwei Gemeinden nicht gegeneinander ausspielen. Unser Ziel muss vielmehr sein, als schlagkräftige, touristisch und wirtschaftlich interessante Destination mit unseren vielen Bijous der Region das Optimum für alle herauszuholen. Dabei müssen wir uns darauf verlassen können, dass auch der Nachbar seine Qualitäten weiterentwickelt. Wichtig ist, dass in der Region Wertschöpfung generiert wird. Das gibt uns die Stärke, im Sog des Limmattals eigenständig und stark zu bleiben.

Kuster: Die Region Baden ist in Bezug auf die Standortqualität die fünftwichtigste Region der Schweiz! Es muss kleineren Gemeinden bewusst sein, dass es sie in diesem Kontext auch braucht. Jeder muss sich seiner Perlen bewusst sein und diese pflegen.

Ab hier in Baden! Markus Schneider an der Gemeindegrenze. (Bilder: is)

Baden will aber weiter wachsen.

Schneider: Wir sind ja an der Revision der Nutzungsplanung. Da haben wir die sogenannten Transformationsgebiete – Kappelerhof, Oberstadt, Baden Nord und Dättwil/Täfern – bestimmt. Die Kernfragen sind: Wie führen wir die Stadt in eine neue Generation, was muss man in der Nutzungsplanung festlegen, damit man dort die Investitionen vorantreiben und den Wirtschafts-, Wohn- und Einkaufsstandort stärken kann? In diesem Prozess arbeiten wir viel mit der Bevölkerung zusammen, zum Beispiel mit Rundgängen. Die Partizipation in diesem Prozess ist wichtig.

Kuster: Wettingen und Baden sind Kernstädte. Das heisst, wir müssen Antworten vom Kanton zur raum­planerischen Erreichbarkeit unserer Region haben – Oase und Limmattalbahn sind die zentralen Stichworte. Was ist die sinnvollste Lösung? Das wird uns in nächster Zeit noch fordern.


Und in Baden läuft ja noch ein ­Fusionsprojekt …

Schneider: Im Herbst dürfen wir mit dem Fusionsvertrag mit Turgi vor den Einwohnerrat, sodass wir im Frühling 2023 damit in die Volks­abstimmung gehen können. Da profitieren wir gegenseitig. Wir sind viel weniger als Einzelkämpfer unterwegs als auch schon. Das ist bereichernd und tut gut.


Das Jahr 2022 hat begonnen. Welche Themen stehen im Fokus?

Kuster: Grundsätzlich brauchen wir in Wettingen nun Lösungen in zwei Hauptthemen: Erstens beim Regionalen Entwicklungsleitbild (REL), das jetzt in die Bau- und Nutzungsordnung umgewandelt werden muss – das ist eine Legislaturarbeit von mehreren Jahren. Zweitens bei der Finanzsituation der Gemeinde: Was wollen und können wir uns leisten? Der Steuerfuss wird auf alle Fälle ein Thema sein. Da ist unsere Kommunikation verbesserungsfähig. Zudem muss die Masterplanung Schule vorangetrieben werden. Nachdem der Neubau für die Bezirksschule vom Einwohnerrat nicht bewilligt wurde, haben wir jetzt eine völlig neue Auslegeordnung beim Schulraum. Markus hat ja ein wunderbares Beispiel geliefert mit dem neuen Sekundarstufenzentrum Burghalde.


Schaut man da gar etwas neidisch über die Gemeindegrenze?

Kuster: Im Gegenteil! Wir freuen uns, dass sie das in Baden zustande gebracht haben. Die oberen Schulstufen unter einem Dach zusammenzuführen, kann auch für Wettingen als Vorbild dienen. Zu Schulbauten gehört aber immer auch eine Sport-Infra­struktur. Wir werden im Planungs­verband Baden Regio gemeinsam ­anschauen, wie wir uns bei Infrastrukturvorhaben zwischen Nachbar­gemeinden besser abstimmen können.

Schneider: Eine Gemeinde kann es sich nicht mehr leisten, den Anspruch zu haben, eine Infrastruktur gehöre nur ihr und stehe leer, wenn man sie nicht selber nutzt. Der Unterhalt kostet, die Ansprüche der Vereine steigen. 

Kuster: Ein gutes Beispiel ist der «Leuchtturm» Tägi. Er hat einen regionalen Anspruch, so wie das Kur­theater im Kulturbereich. Machts da noch Sinn für andere Gemeinden, Hallenbäder zu haben? Die sind alle aus den 70er-/80er-Jahren und kommen jetzt in den Sanierungsbedarf. Wir reden da von einem zweistelligen Millionenbetrag. Da sollte einem kein Stein aus der Krone fallen, wenn man in die Nachbargemeinde ins Training geht.


Was waren 2021 für Sie die emotionalsten Momente?

Schneider: Ein Höhepunkt war sicher die Eröffnung der «Burghalde». Und natürlich der Herbst mit diversen Eröffnungen im Bäderquartier – das war eine Perlenkette von emotionalen Momenten. Auch Covid hat uns immer noch stark beschäftigt. Mit Massnahmen wie dem «Badener Modell» zur Unterstützung von lokalen Gewerbetreibenden und dem Einkaufsdienst «Elsa hilft» konnten wir der Bevölkerung weiterhin Unterstützung bieten.

Kuster: Wichtig ist auch, dass die Verwaltung in der Pandemie gut gestützt ist und zusammenhält. Die Bevölkerung muss sich in diesen Zeiten auf eine funktionierende Verwaltung verlassen können. Ein Meilenstein war bei uns das Regionale Entwicklungsleitbild (REL), das entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung für die kommenden Generationen hat. Auch die Integration der Klosterhalbinsel ins Museum Aargau ist ein Highlight. Die Gemeindeammannwahl war persönlich ein emotionaler Moment.


Wie empfanden Sie eigentlich den Wahlkampf ­ennet der Grenze, Markus Schneider?

Schneider: Ich war sehr überrascht vom ersten Wahlgang. Beschäftigt hat mich die Art, wie man danach miteinander umging. Ich finde, das sollte in der Politik nicht Schule machen. Natürlich war die Erkrankung von Andrea Bova sehr tragisch. Aber dass einige das immer wieder aufgekocht und auf persönlicher Ebene geschossen haben, war absolut unfair. Das ist keine Art, mit Menschen umzugehen, die sich engagieren und für ihr Amt auch auf vieles verzichten. Und das von teils erfahrenen Politikern, die wissen sollten, was es braucht, um eine Gemeinde zu vertreten und zu führen.

Kuster: Ich kenne Markus’ Haltung natürlich, wir tauschen uns ja regelmässig aus und sehen uns neuerdings auch im Grossen Rat, wo wir fast Banknachbarn sind. Deshalb wusste ich, dass ich seine Unterstützung habe. Und er weiss, dass es umgekehrt genauso wäre. Dieser Kontakt ist wichtig. Es kann beruhigend sein, sich mit einem Kollegen informell am Telefon oder beim Bierchen auszutauschen. Es gibt aber auch Themen, die man mit niemandem teilen darf. Man ist manchmal recht einsam in diesem Amt.


Inwiefern?

Kuster: Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Wir haben einen wunderbaren Job, die vielfältigen Begegnungen auf menschlicher Ebene sind unbezahlbar. Andererseits ist man halt ein Leuchtturm, an dem sich alle orientieren wollen. Alle Amtskollegen haben ähnliche Fragestellungen, und geteiltes Leid ist halbes Leid. Aber ich tausche mich auch mit Freunden, die gar nichts mit Politik zu tun haben, aus. Die geben auch mal kritisch-konstruktive Rückmeldungen – aber ehrlich. 

Schneider: Jeder Mensch sollte solche Personen um sich haben. Ich habe Leute, die zum Beispie l an einem Anlass im Publikum sitzen. Und ich weiss: Wenn sie mir rückmelden, dass etwas gut war, dann meinen sie es auch so. Auch meine beiden Assistentinnen sind solche Menschen. Sie erleben mich in sehr vielen Momenten und Stimmungen an einem Arbeitstag. Glücklich, weniger fröhlich, auch mal bedrückt … sie spüren das! Es ist sehr wertvoll, solche Menschen um sich zu haben.


Welche Eigenschaften sind als ­Ammann besonders wichtig?

Schneider: Neben Führungsqualitäten muss man reflektieren, zuhören können und ein Gespür für Menschen haben. Eine Gemeinde ist eine Art Unternehmen. Wir bieten viele unterschiedliche Dienstleistungen für die Öffentlichkeit an. Und jeder tickt anders. Mit dem Werkhofmitarbeiter muss ich anders sprechen als mit dem Steuerverwalter. Diese Vielseitigkeit ist das Spannende an unserem Amt. Darum ist es für mich nach wie vor der schönste Job.

Kuster: Völlig einverstanden! Ein wichtiger Aspekt ist auch die Aufgabe innerhalb des Gremiums. Das Kollegium besteht aus lauter Alphatieren, die man so orchestrieren muss, dass sich nicht jeder selber verwirklichen will, sondern dass man zusammen funktioniert. Entscheidungen müssen gemäss Kollegialitätsprinzip gemeinsam nach aussen vertreten werden, auch wenn sie nicht die eigene Meinung widerspiegeln. Da gehts um die Sache.

​Schneider: Wenn ich manchmal höre, was in anderen Gemeinden läuft, wo das Gremium nicht funktioniert und sich die Exekutive stark mit sich selbst beschäftigen muss, frage ich mich: Wie will man da noch Energie aufbringen für die Weiterentwicklung der Gemeinde? Jedes einzelne Mitglied des Stadtrats steht da in der Pflicht und hat Verantwortung. 


Welche Visionen haben Sie?

Kuster: Mein Idealbild ist, Wohnen, Arbeiten und Freizeit in nächster Nähe zu haben, um möglichst wenig Verkehr zu generieren. Ich glaube, unsere Gesellschaft entwickelt sich in neuen Geschwindigkeiten. Wir werden uns in naher Zukunft mit Themen beschäftigen, die wir noch gar nicht auf dem Radar haben. Eine der zentralen Fragen: Wie bringen wir es fertig, künftigen Generationen nichts zu verbauen und trotzdem den grossen Themen wie Energie- und Umweltfragen Rechnung zu tragen? Dafür braucht es alle Generationen am Tisch. Wir müssen noch besser antizipieren und noch flexibler sein.

Schneider: Auf der anderen Seite wird uns auch die Informationsbreite fordern, wie man Menschen einbinden und mit immer pointierteren Haltungen umgehen kann. Vertrauen zueinander und miteinander zu haben, ist ein sehr wichtiger Faktor. Manchmal kommt das Gefühl auf, die Verwaltung macht etwas, und der Einwohnerrat sagt: «Das ist im Fall überhaupt nicht das, was wir wollten.» Die Mitarbeitenden der Verwaltung arbeiten für gute Lösungen und Entwicklungen der Gemeinde und für die Bevölkerung. Das müssen wir weiter fördern. Die Herausforderung ist auch, immer das richtige Volumen Geld am richtigen Ort einzusetzen. Solange der Topf voll ist, kannst du überall Geld ausgeben. Aber diese Zeiten sind vorbei. Die Bevölkerung ist anspruchsvoll und will das Beste für ihr Geld, was auch ihr Recht ist. Das wird aber dazu führen, dass wir gute, realisierbare Lösungen in einer kürzeren Zeit zur Verfügung stellen müssen als bisher.

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Kommentare (1)

  • Ferenc E. Pataky
    Ferenc E. Pataky
    vor 1 Woche
    Von diesen beiden Herren halte ich mich fern.

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