In Karelien auf den Hund gekommen

Ein Rudel von 160 Hunden anführen? Für Simone Kuhnt ist dies Alltag. Seit 2003 leitet die Lupfigerin die Wilderness Lodge Eräkeskus in Karelien.

Die Huskys freuen sich auf den Winter
Die Huskys freuen sich auf den Winter (Bilder: zVg)

von
Annegret Ruoff

07. November 2018
09:00

Leise rieselte in den vergangenen Tagen der erste Schnee auf die Dächer des Eräkeskus. Die Wilderness Lodge liegt mitten in den karelischen Wäldern, bloss fünfzehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Sie beherbergt nicht nur Gäste aus aller Welt, sondern auch rund 160 Hunde. Diese rennen in den schneereichen Wintermonaten mit Gruppen von maximal sechs Touristen durch die Wälder – auf einem Trail-Netz von insgesamt 400 Kilometern. Herrin über dieses Rudel ist Simone Kuhnt. Die 48-jährige Schweizerin aus Lupfig war viele Jahre im Tourismus tätig, unter anderem beim Badener Reiseveranstalter Kontiki, bevor sie nach Karelien zog. «Auswandern wollte ich schon immer», sagt Kuhnt, «und da Finnland mein liebstes nordisches Land war, war die Frage nach dem Wohin schnell beantwortet.» 

Doch Finnland ist gross. Warum entschied sich Simone Kuhnt ausgerechnet für den karelischen Weiler Nurmijärvi? «Lappland kam nicht infrage, weil mir das damals schon zu überfüllt war und es dort bereits sehr viele Huskyfarmen gab», erklärt sie. «Und West- und Südfinnland eigneten sich wetterbedingt nicht.» Also blieb ihr der Osten. Karelien kannte sie von früheren Reisen her, und die Ruhe und Unberührtheit, die man hier noch finden kann, haben sie beeindruckt: «So ist mir der Entscheid zum Schluss ganz leicht gefallen.» 2003 übernahm Simone Kuhnt die 1986 erstellte Anlage Eräkeskus – und baute sie sukzessive aus.

Ist zu jeder Jahrezeit mit ihren Hunden in der finnischen Wildnis unterwegs: die Lupfigerin Simone Kuhnt
Ist zu jeder Jahrezeit mit ihren Hunden in der finnischen Wildnis unterwegs: die Lupfigerin Simone Kuhnt

 

Buddeln und spielen

Mit Hunden war die Musherin von klein auf vertraut. «Wir hatten zu Hause immer welche, allerdings nur Rauhaardackel. Später, mit meinen eigenen vier Wänden, kam auch mein erster Setter zu mir», erzählt sie – und fügt schmunzelnd an: «Ehrlich gesagt, gab es in meinem Leben nie eine Hundelose Zeit». 

Die meisten der 160 Schlittenhunde sind in der grossen Zwingeranlage untergebracht, wo sie nicht nur schlafen, sondern auch buddeln und spielen können. Im Winter flitzen sie durch den stiebenden Schnee, in den Sommermonaten sind sie etwas gemütlicher unterwegs – da bleibt viel Zeit zum Spielen und auch mal für ein Bad im angrenzenden See Nurmijärvi.

 

Lachs, Kuhmagen und Leber

Unterstützt von ihrem Team, hat Simone Kuhnt bei der Aufzucht und Erziehung der quicklebendigen und kraftvollen Tiere alle Hände voll zu tun. Das Training der Welpen beginnt bereits mit zehn bis zwölf Monaten. Bis sie zwei Jahre alt sind, nehmen die Junghunde nur sporadisch an den Tagestouren mit Gästen teil. Erst wenn sie fertig ausgewachsen und entwickelt sind, werden die Tiere voll bei den Touren eingesetzt. Dann ziehen sie die Schlitten der Touristengruppen durch die einsamen Wälder – in unterschiedlich langen Etappen und fast bei jedem Wetter. 

Während die Gäste in Wildnishütten wie der Eräkeskus-eigenen Aittokoski übernachten, schlafen die Hunde draussen auf einem wärmenden Strohbett. Bei besonders harschen Bedingungen werden ihre Pfoten mit sogenannten «Booties» geschützt. Um fit und gesund zu bleiben, erhalten die Tiere eine abwechslungsreiche Ernährung aus Hühnerfett, Lachs, Trockenfutter, Kuhmagen und Leber. Auf einen wertschätzenden und sorgfältigen Umgang mit ihren Vierbeinern legt Simone Kuhnt höchsten Wert. Seit 2009 ist Eräkeskus deshalb Mitglied von «Mush with Pride», einer Vereinigung, die für artgerechte Haltung, sinnvolle Beschäftigung, Trainings und sorgsame Fütterung einsteht. 

Roger Meier, 1989, aus Bergdietikon, seit 2017 im Team  «Obwohl als kleiner Junge immer von Katzen umgeben, lebe ich nun mit zig Hunden zusammen. Vor ein paar Jahren hat mich das Nordlandfieber gepackt. Im Sommer 2017 kam ich – auf der Durchreise in die Arktis – im Eräkeskus vorbei. Vier Monate später hatte ich hier meinen ersten Arbeitstag. Das Miteinander und Füreinander gefällt mir, und natürlich gibt es immer unglaublich tolle Abenteuer zu erleben. Im Sommer mag ich die schönen Kajak- und Wandertouren, im Herbst das Training mit den Hunden, im Winter die Touren durch den stiebenden Schnee, bevor im Frühling dann die Saison ausklingt. Städte und Temperaturen über zehn Grad sind nicht so mein Ding. Und dass das Internet hier draussen im Wald so wahnsinnig gut ist, ist auch nicht immer ein Segen. Ich bin froh, behalte ich in hektischen Situationen einen kühlen Kopf. Zum Beispiel dann, wenn beim Start siebzig Hunde voll hochdrehen und etwas nicht plangemäss funktioniert.»
Roger Meier, 1989, aus Bergdietikon, seit 2017 im Team: «Obwohl als kleiner Junge immer von Katzen umgeben, lebe ich nun mit zig Hunden zusammen. Vor ein paar Jahren hat mich das Nordlandfieber gepackt. Im Sommer 2017 kam ich – auf der Durchreise in die Arktis – im Eräkeskus vorbei. Vier Monate später hatte ich hier meinen ersten Arbeitstag. Das Miteinander und Füreinander gefällt mir, und natürlich gibt es immer unglaublich tolle Abenteuer zu erleben. Im Sommer mag ich die schönen Kajak- und Wandertouren, im Herbst das Training mit den Hunden, im Winter die Touren durch den stiebenden Schnee, bevor im Frühling dann die Saison ausklingt. Städte und Temperaturen über zehn Grad sind nicht so mein Ding. Und dass das Internet hier draussen im Wald so wahnsinnig gut ist, ist auch nicht immer ein Segen. Ich bin froh, behalte ich in hektischen Situationen einen kühlen Kopf. Zum Beispiel dann, wenn beim Start siebzig Hunde voll hochdrehen und etwas nicht plangemäss funktioniert.»

 

Bürojob mitten in der Natur

Auch wenn der Arbeitsalltag ihr so einiges abverlangt, kann sich die Aargauer Musherin keinen schöneren Beruf vorstellen. «Das Tollste ist die Unvorhersehbarkeit eines jeden Tages», erklärt sie. «Da gibts kaum etwas, das wie geplant abläuft.» Ihr gefalle, dass die Arbeit mit Menschen und Tieren nicht programmierbar sei und sie im eigenen Betrieb ihre Einsätze völlig frei gestalten könne. «Bei Schönwetter bin ich viel draussen, bei Schlechtwetter sitze ich im Büro.» Ungern, wie sie zugibt: «Der ganze administrative Bereich wird leider immer grösser. Da würde ich gerne drauf verzichten.» Ein frommer Wunsch, denn so, wie es aussieht, wird der Büroanteil weiter zunehmen. 

Seit Jahren verzeichnen die Buchungen bei Eräkeskus eine steigende Tendenz. «Über weite Teile des Winters könnten wir locker ein zweites Gästehaus füllen», freut sich Simone Kuhnt. Anfang Herbst seien jeweils schon sechzig bis siebzig Prozent der Zimmer für die kommende Hochsaison von Mitte Dezember bis Mitte April gebucht. Das Programm wird dementsprechend ausgebaut, momentan im Bereich individuelle Mehrtagesaktivitäten inklusive Material-Vermietung, Transfers und Gepäcktransport. Kerngebiet von Eräkeskus bleiben aber die Touren in Kleingruppen. «Wir führen sie auch durch, wenn nur ein Gast kommt», sagt Kuhnt bestimmt. Nur zu gut kennt sie es selbst – dieses Bedürfnis nach der Stille in der Natur und diesem Quäntchen «Back to the roots». 

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