«Jede Person kommt mit einem Rätsel»

Beat Marbach schliesst die Tore seiner Praxis. Nach 33 intensiven Berufsjahren als Hausarzt freut er sich auf mehr Zeit für sich selbst.

Beat Marbach im Sprechzimmer: Hier empfing er täglich bis zu 50 Patienten. (Bild: cl)

07. Juli 2021
14:24

Beat Marbach sitzt am Schreibtisch im Behandlungszimmer in seiner Praxis. So wie es üblich war, wenn ihm ­der Patient leicht schräg gegenüber sass und ihm sein Problem schilderte. Doch Marbach hat den Arztkittel ausgezogen. «Das ist mein letzter offizieller Arbeitstag», bekundet er lächelnd. Patienten kommen keine mehr, aber es gibt noch viel zu tun. Von den 2300 angeforderten Akten muss er noch einige auf CD brennen. Seit März sei er dabei, die Akten aufzubereiten: «Ein Riesenaufwand!»

Zwischendurch kommen immer wieder Menschen, die sich von ihm persönlich verabschieden wollen, manchmal ganze Familien. Das Echo sei riesig, freut er sich. Damit habe er nicht gerechnet. «Speziell», nennt er den heutigen Tag, aber so wirklich realisieren könne er den Abschied noch nicht. Wahrscheinlich komme das Gefühl erst, wenn er mit seiner Frau im Auto sitze und in die Ferien fahre. Über zwei Jahre hatte er Zeit, sich auf diesen Moment vorzubereiten.

«Ich habe praktisch mein halbes Leben in der Praxis verbracht», sagt der 66-Jährige lächelnd und scheint dar­über selber erstaunt zu sein. «Die Jahre sind wie durchgerauscht», erklärt er. Er habe sehr viel gearbeitet, oft auch am Wochenende. Manchmal fast bis zur Erschöpfung. Die Zeit für Familie, Freizeit, Hobbys war knapp. Die Praxis hatte Priorität. Das sei nichts Dramatisches. Er habe es so gewollt, betont Marbach: «Es entspricht meiner Art, ein Projekt durchzuziehen. Die Arbeit gab mir auch eine Riesenbefriedigung», fügt er an.


Täglich bis zu fünfzig Patienten

Täglich hat Dr. Marbach dreissig bis vierzig Personen behandelt, manchmal auch fünfzig. «Jede Person kommt mit einem Rätsel», beschreibt Beat Marbach. Die Patientinnen und Patienten wollen eine Lösung für ihr Problem: «Das macht die Arbeit so kurzweilig und interessant.» Nicht immer sei aber eine Diagnose möglich. Dann versuche man gemeinsam, eine Lösung zu finden, wie man mit dem Problem umgehen könne und ob es vielleicht eine ­alternative Behandlungsmöglichkeit  gibt.

Heute komme man ein bisschen davon weg, jedes Leiden in eine Diagnose zwängen zu wollen. Ausserdem spiele der Faktor Zeit auch eine wichtige Rolle bei der Genesung. «Denn Zeit heilt vieles», ist er überzeugt.

Medizin hat Marbach immer interessiert. Dass er selber Mediziner wird, wusste er spätestens in der Bezirksschule, als er einen Vortrag über den Beruf des Zahnarztes hielt und dafür Dr. Urs Hänsler in Turgi besuchte. «Ich habe immer gern auch manuell gearbeitet», so Marbach. Später entschied er sich aber, Allgemeinmedizin zu studieren, erschien ihm dieses Berufsfeld doch weiter. «Das Spektrum ist riesig», sagt Beat Marbach. Von der Behandlung von Krankheiten, zu Verletzungen und kleinen chirurgischen Eingriffen bis hin zu psychologischen Beratungen sei alles dabei. Seine jüngsten Patienten sind Neugeborene, die älteste Patientin ist 102 Jahre alt.

Als Beat Marbach sich vor knapp drei Jahren entschied aufzuhören, machte er sich auf die Suche nach einer Nachfolge. «Es war hoffnungslos», sagt er. Die Einzelpraxis sei ein Auslauf­modell, die Zukunft heisse Gruppenpraxis. In den letzten Jahren habe in der Bevölkerung ein Wertewechsel stattgefunden. Man sei heute nicht mehr bereit, ein derartiges Arbeitspensum zu stemmen. Glücklicherweise habe sein Kollege Beat Stücheli Verstärkung in seiner Praxis bekommen und könne dadurch viele seiner Patienten übernehmen.


Badminton, Biken und Lesen

Ob es ihm denn nicht langweilig werde, wenn es nichts mehr zu rätseln gebe? Beat Marbach lacht. Vor einer Leere fürchte er sich nicht. «Ich habe endlich Zeit für mich», so Marbach. Er habe zahlreiche Hobbys und einige Projekte am Start. Er freut sich, wieder mehr Badminton zu spielen, mit dem Bike den Siggenberg zu bezwingen, Freunde zu treffen, mit seiner Frau durch die Schweiz zu wandern oder in Ruhe ein ganzes Buch zu lesen.

Rätsel lösen könne er aber durchaus noch, beispielsweise beim Bau eines Mikroprozessors oder bei kleinen Umbauarbeiten in ihrem Maiensäss. «Ich bin nicht der Typ, der einfach herumsitzen kann», sagt er schmunzelnd.

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