«Jeder grosse Fussballer verschiesst mal»

Der Neuenhofer Mladen Petric spielte in der Bundesliga und der kroatischen Nationalmannschaft. Heute ist er als TV-Fussballexperte tätig.

Mladen Petric auf einem Segeltörn in der Heimat seiner griechischen Ehefrau, wo er zuletzt Fussball spielte. (Bild: zVg)

07. Juli 2021
14:09

Die Schweiz ist bei der Euro nach einem gewonnenen und einem verlorenen Penaltyschiessen ausgeschieden. Sie konnten Ihren Elfmeter bei der Euro 2008 wie Ihre Teamkollegen Modric und Rakitic im Viertelfinale gegen die Türkei nicht verwandeln. Schmerzt das heute noch?

Ihre Steilvorlage muss ich jetzt annehmen und sagen, dass jeder grosse Fussballer mal einen Penalty verschiesst! (Lacht) Als ich Mbappé anlaufen sah, war mir klar, dass er verschiessen wird, weil er ein unglückliches Turnier gespielt und auch gegen die Schweiz ein paar Chancen nicht verwertet hatte. Mir ist es damals gleich gegangen. Als der Trainer zu mir kam, bat ich ihn deshalb, jemand anderes zu nehmen. Er wollte jedoch, dass ich schiesse. Ausserdem ist es eine Lotterie.

An welche Tore erinnern Sie sich besonders gerne?

Das emotionalste Tor war sicher das 3:2-Sieggoal für Kroatien im Wembley-Stadion. Für uns war es nicht so wichtig, da wir vorher schon als Gruppenerste feststanden, aber England verpasste dadurch die Qualifikation für die Euro 2008. Besonders gefreut haben mich natürlich auch über mein erstes Super-League-Tor für die Grasshoppers und das 1:1 in der Nachspielzeit des Pokalfinales für Dortmund gegen Bayern München.

Wie haben Sie die Chance eingeschätzt, dass die Schweiz gegen Spanien einen Exploit wie gegen Frankreich wiederholen kann?

Meiner Meinung nach ist es nicht schwierig, den Exploit an einem Turnier zu wiederholen. Im Gegenteil: Er gibt der Mannschaft enorm viel Selbstverstrauen und schweisst sie zusammen. Das hat man auch bei den Kroaten an der WM 2018 gesehen, wo sie bis ins Finale kamen. Es war bitter, dass Kapitän Granit Xhaka gesperrt war, aber es wäre trotzdem möglich gewesen. Im Penaltyschiessen ist man ja in Führung gegangen.

Kann man erwarten, dass die Mannschaft bei der WM in anderthalb Jahren so weiterspielt?

Weshalb nicht? Man hat gesehen, was der Viertelfinaleinzug in der Schweiz ausgelöst hat. Ein Riesenfest! Auch das Feedback nach dem Spiel gegen Spanien war sehr positiv. Die Leute stehen hinter der Mannschaft. Man sollte den Glauben und die positiven Vibes mitnehmen. Dann kann sie auch an der WM für Furore sorgen. Sie hat nun gezeigt, dass sie mit den grossen Fussballnationen auch mithalten kann, wenn es darauf ankommt.

Vladimir Petkovic war in den letzten Jahren umstritten. Sollte man ihn unbedingt halten?

Ich habe es nie verstanden, dass man ihm so an den Karren gefahren ist. Was für eine gute Arbeit er leistet, hat sich jetzt wieder gezeigt. Die Schweiz hat unter ihm grosse Fortschritte gemacht. Die Mannschaft steht hinter ihm. Er hat sich nie beirren lassen, ist seinen Weg gegangen.

Während der Euro sind Sie als Fussball-Experte im SRF und ZDF zu sehen. Was machen Sie sonst noch?

Für Blue habe die Champions League begleitet und in Deutschland für Sky die Premiere League, die ich von meiner Zeit in Fulham und West Ham kenne.

Gönnen Sie sich mehr Freizeit?

Da die Zeit als Profifussballer sehr intensiv war, hatte ich mir vorgenommen, nach meinem Rücktritt erst einmal abzuschalten und mich mehr der Familie zu widmen. Als ich Abstand gewonnen hatte, suchte ich nach einer neuen Herausforderung. Die Fernseharbeit macht mir grossen Spass. Besonders schön ist, dass ich dem Fussball weiter verbunden bin, aber nicht mehr ins Tagesgeschäft involviert bin.

Trainer oder Manager wäre nichts für Sie?

Früher hatte ich damit geliebäugelt, Trainer zu werden. Momentan kann ich mir das aber nicht mehr vorstellen.

Hätten Sie nicht Lust auf ein Comeback beim FC Baden? Der bräuchte einen Goalgetter wie Sie, damit ihm endlich der Aufstieg in die Promotion gelingt ...

Nicht wirklich! (Lacht) Erstaunlicherweise verspüre ich da gar kein Kribbeln.

Sie spielen überhaupt keinen Fussball mehr?

Das Einzige, was ich mache, sind drei bis vier Matches pro Jahr mit Borussia Dortmund gegen andere Legendenmannschaften. Es macht Freude, die alten Mitspieler zu treffen und das touristische Rahmenprogramm zu geniessen. Wir haben mit dem BVB schon in Hongkong gegen Liverpool oder in São Paulo gegen Bayern München und Barcelona gespielt. Es war alles professionell organisiert, aber der Fussball ganz ohne Druck.

Als Junior haben Sie acht Jahre beim FC Neuenhof gespielt. Wie ambitioniert waren Sie damals schon?

Natürlich habe ich das Fussballspielen zum Plausch angefangen, aber für mich war es schon sehr früh klar, dass ich Profi werde.

Wie hat sich das gezeigt?

Wenn ich von der Schule nach Hause kam, nahm ich die Schuhe und den Ball und war dann bis zum Abend auf dem Fussballplatz. Manchmal holte mich meine Mutter ab, weil es schon dunkel war.

Wer waren Ihre Vorbilder?

Zuerst war es Marco van Basten vom AC Mailand, später Davor Šuker von Real Madrid.

Wie würden Ihre Trainer beim FC Neuenhof und FC Baden den jungen Mladen charakterisieren?

Die Stärken lagen klar in der Spielintelligenz, Technik, Spielübersicht und im Dribbling, aber ich war etwas lauffaul. (Lacht)

Haben Sie das Laufen in den folgenden fünf Jahren bei den Grasshoppers gelernt?

Das war nicht nötig. Ich habe das Gefühl, dass es gar nicht so ausgeprägt war. Meine Leichtigkeit im Umgang mit dem Ball liess es manchmal nur so wirken, als würde ich nicht alles geben. Natürlich gab es Spieler, die laufbereiter waren, doch konnte ich das Spiel so gut lesen, dass ich meine Energie nur dann einsetzte, wenn sich die Räume auftaten und es sich lohnte. Als man irgendwann messen konnte, wie viel jeder Spieler gelaufen ist, stellte sich zudem heraus, dass ich mehr Kilometer machte, als viele gedacht hatten.

Die Physis bildet ja eh nur die Grundlage. Der Kopf entscheidet, wie weit man es bringt.

Den Ehrgeiz und die mentale Stärke hatte ich schon früh. Als ich zehn Jahre alt war, fragte uns die Lehrerin mal nach unserem Berufswünschen. Ich sagte nicht «Ich möchte Fussballprofi werden», sondern «Ich werde Fussballprofi und spiele beim besten Schweizer Klub.» Die ganze Klasse hat gelacht. Wenn ich heute Kameraden begegne, erinnern sie sich alle zuerst daran, was ich damals schon gesagt und keiner geglaubt hatte.

Welche Opfer haben Sie dafür gebracht?

Es braucht schon in jungen Jahren Fleiss und Disziplin. Wenn die Kollegen am Freitag und Samstag in den Ausgang gingen und Party machten, musste ich zu Hause bleiben oder früher nach Hause gehen, um am nächsten Tag in Topform zu sein. In dem Alter ist es schwierig, wenn man nicht mitreden kann, wenn der ganze Freundeskreis erzählt, was er am Wochenende für coole Sachen erlebt hat. Schliesslich hat es sich jedoch gelohnt.

Sie sind mit einer Griechin verheiratet. Dann hat Ihnen der Wechsel zu Panathinaikos Athen zum Abschluss Ihrer Karriere Glück gebracht?

Ich muss Sie korrigieren. Meine Frau ist auch in der Schweiz aufgewachsen. Wir sind schon vierzehn Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. Nachdem uns meine Karriere immer weiter in Richtung Norden geführt hatte, war es ihr Wunsch, dass wir noch irgendwohin gehen, wo das Wetter schöner ist.

Viele Fussballer heiraten früh – weil sie in einer Familie Ruhe und Rückhalt finden?

Ich denke, dies hat andere Gründe. Wenn man wie ich schon als Sechzehnjähriger beim FC Baden mit Erwachsenen in der Nationalliga B spielt, reift man schneller. Ausserdem kannst du früh in die Situation kommen, wo du dich wegen eines Transfers geografisch verändern musst. Wenn du eine Beziehung hast, ist es dann für die Frau auch nicht einfach, zu Hause alles aufzugeben und mit dir ins Ausland zu gehen. Da braucht sie etwas Sicherheit.

Kommen Sie hin und wieder in unsere Region?

Ja, wir verbringen die Sonntage oft bei meinen Eltern.

Zurück zur Euro. Der Redaktionsschluss liegt vor den Halbfinals. Welche Teams erwarten Sie im Finale?

England ist gegen Dänemark klarer Favorit. Natürlich hat es bei dieser Euro immer wieder Überraschungen gegeben, aber für die Engländer war der Sieg gegen Deutschland enorm befreiend. Ausserdem können sie wieder zu Hause im Wembley-Stadion spielen. Im anderen Match erwarte ich, dass es anders als beim Finale 2012 kein 4:0 für Spanien mehr geben wird. Die Italiener spielen momentan den besten Fussball. Trotzdem ist dort alles offen.

Weshalb ist Italien nicht zu favorisieren?

Der Verteidiger Leonardo Spinazzola, der eine phantastische Euro spielte, hat sich gegen Belgien verletzt. Die grosse Frage wird sein, wie die Italiener diesen Spieler ersetzen können.

Wer gewinnt das Finale?

Die Engländer steigerten sich von Spiel zu Spiel, aber Italien und Spanien haben ein ähnlich grosses Potenzial. Ich hoffe einfach, dass es ein attraktives Match und einen verdienten Sieger geben wird.

Wo werden Sie das Spiel verfolgen?

Das weiss ich noch nicht. Vielleicht bin ich dann schon in den Ferien.

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