«Jeder war mal ein Enkelkind»

Die Wettingerin Geraldine Capaul (41) hat sich von der Enkelin zur Chefredaktorin des «Grosseltern»-Magazins entwickelt.

«Unsere Leserschaft ist noch Printmedien-affin»: Geraldine Capaul in der Redaktion in Baden. (Bild: rhö)

«Meine Grossmutter war eine tolle Geschichtenerzählerin», schwärmt Geraldine Capaul. «Von ihr und meinem Vater, der sich gut ausdrücken konnte, habe ich wohl mein Journalistinnen-Gen geerbt.» Erstmals in diesem Beruf tätig wurde sie in dem Zwischenjahr, das sie nach ihrer Matura an der Kanti Wettingen einlegte. Sie machte ein Praktikum bei der «Aargauer Zeitung», aus der sich eine 40-Prozent-Teilzeitbeschäftigung entwickelte, die ihr Geschichts- und Germanistikstudium ziemlich in die Länge zog. Nachdem sie 2011 an der Universität Zürich abgeschlossen hatte, wechselte sie als Produzentin zur «Annabelle».

«Als ich nach der Geburt meines zweiten Sohns im Mutterschutz war, kam die Anfrage von Verleger Dominik  Achermann, ob ich Chefredaktorin des Magazins werden möchte», erzählt Capaul. Sie sagte zu, weil sie die Themen und Gestaltungsmöglichkeiten reizten und sie zudem begeistert ist, wie stark sich Achermann für seine Zeitschrift engagiert, die er 2014 aus der Taufe gehoben hat. «Dominik ist bei uns sehr präsent und regt an, redet aber nicht rein.»


Abonnentenzahl ist gestiegen
Die Redaktion an der Kronengasse 4 in der Badener Altstadt, die nur aus einem Raum besteht, ist klein, bietet der Redaktion jedoch mehr als genug Platz. Zumal diese nur aus Capaul, der stellvertretenden Chefredaktorin Karin Dehmer und Layouterin Irene Meier besteht. «Wir sind ein tolles, freundschaftlich verbundenes Team mit flachen Hierarchien und fällen die meisten Entscheide gemeinsam», sagt die Wettingerin. Zuletzt wagte das Trio eine monothematische Ausgabe zum Wohnen im Alter. «Die war sehr aufwändig, hat aber Spass gemacht. Trotzdem werden wir dieses Experiment wohl nicht so schnell wiederholen, da die Gefahr gross ist, dass sich ein Teil der Abonnenten nicht für ein bestimmtes Thema interessiert.»

Ein Nischenprodukt, wie es das Grosseltern-Magazin darstellt, muss besonders darauf achten, seine Leserschaft nicht zu vergraulen, gerade in Corona-Zeiten. Die Inserate, die etwa 45 Prozent der Einnahmen ausmachen, sind weitgehend ausgeblieben und führten dazu, dass statt zehn nur noch sechs Ausgaben pro Jahr herauskommen. Die Zahl der Abonnenten der total 12 500 gedruckten Exemplare hat hingegen sogar leicht zugenommen. «Wir profitieren davon, dass wir eine sehr treue Leserschaft haben, die überwiegend aus den Altersgruppen besteht, welche noch Printmedien-affin sind», analysiert Capaul. «Ausserdem scheinen sich Grosseltern intensiver mit ihrer Rolle beschäftigen zu wollen.»

Die Grosseltern stehen in letzter Zeit aber auch vermehrt im Fokus. Die Frage, ob sie ihre Enkel hüten dürfen oder nicht, erhitzte während dem Lockdown die Gemüter. «Es war verständlich, dass die Grosseltern traurig waren, da sich ein Kind innert kurzer Zeit so weiterentwickeln kann, dass es schmerzt, wenn man das nicht mehr mitbekommen kann», weiss Capaul. «Die Grosseltern waren jedoch kreativ und fanden Wege, um mit ihren Enkeln in Kontakt zu bleiben.»


Sympathiebonus bei den Stars
Die Vielfalt des Grosseltern-Magazins lässt sich an der Nummer ablesen, die Ende Oktober erscheinen wird. Es enthält ein achtseitiges, reich bebildertes Porträt einer Familie, bei der drei Generationen gemeinsam auf die Jagd gehen. Ein Interview mit einer Prostituierten in Zürich, die mit ihrer Arbeit ihre Kinder und Enkel in Spanien ernährt. Ein Dossier über die Mehrfachbelastung von Grosseltern, die noch berufstätig sind, die Enkel betreuen und ihre Mutter pflegen. Capaul interviewte einen Chefarzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Clownin Gardi Hutter für die Rubrik «Meine Grosseltern», in der Prominente von ihren Grosseltern erzählen.

«Es ist immer wieder eine Freude zu erleben, wie leicht so manche Türe aufgeht, wenn wir die Leute für ein Interview oder einen Beitrag anfragen, selbst bei Stars und Koryphäen», sagt Geraldine Capaul strahlend. «Da spüre ich, was für einen Sympathiebonus unser Magazin und das Thema Grosseltern geniessen. Wir haben zwar kein hohes Budget, keine riesige Reichweite und dementsprechend wenig Einfluss, aber jeder war mal ein Enkelkind.»

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