Jedes Werk ist ein Statement

Für seine Kunst arbeitet Fabian Bolliger schon mal mit Stahlbauern und Sprengstoffexperten zusammen. Nun zeigt er die Werke erstmals öffentlich.

Fabian Bolliger zeigt im Atelier sein Sideboard «Lifeways». Die orangefarbenen Rohre erzeugen Lichtkegel. (Bild: is)

02. Juni 2021
18:25

Vor dem Gewerbehaus am Rand von Busslingen steht der gemietete Kleinlastwagen schon bereit. Fabian Bolliger wird später ein sechs Quadratmeter grosses Blech einladen, das er vorher mit Fusstritten, einem Hammer und durch Draufsetzen traktiert hat. Nun darf er das Blech zu einem professionellen Sprengmeister bringen, der es von der Hinterseite her sprengen wird. «Dadurch wird das Blech aufgepilzt, und ich werde die Lücken mit Farben und Licht hinterlegen», erklärt der 26-jährige Künstler. So entsteht eine Kombination aus Gemälde und Kunstinstallation.

Wenn alles gut gegangen ist, wird auch dieses Projekt an Bolligers erster öffentlichen Ausstellung XOXO zu sehen sein, die am 12./13. Juni im Eventlokal Druckerei in Baden stattfindet. Der gelernte Möbelschreiner zeigt dort auf drei Etagen Werke der letzten zwei Jahre. Dazu gehören vor allem Kunstmöbel, Kunst- und Lichtinstallationen, aber auch Gemälde und Skulpturen. Als Künstler geht Fabian Bolliger immer wieder neue Wege. So arbeitet er bei einer Schädelskulptur mit einem Kunstgiesser zusammen. «Wenn immer möglich, beziehe ich die Materialien lokal», erklärt Fabian Bolliger. Der Stahlsockel für sein neustes Möbel stammt vom Fislisbacher Stahlbauer Angelo Rizzuto. Es sei wertvoll zu wissen, was man bekomme, sagt der Künstler. «Auch wenn es natürlich seinen Preis hat. Kunst ist immer eine Investition.»


Ideen für ein ganzes ­Leben

Neben hohen Materialkosten investiert der gebürtige Ehrendinger, der mittlerweile in einer Badener WG wohnt, auch sehr viel Zeit in seine Werke. «Ich habe ­gelernt, dass alles nur über sehr viel Arbeit geht. Aber ich arbeite sehr gern sehr viel.» Schliesslich übt er seine künstlerische Leidenschaft derzeit noch neben einem Teilzeit-Pensum als Möbelschreiner bei der Schreinerei Barnetta in Mellingen aus. «Ich habe tausend Ideen und könnte ein Leben lang Kunst machen», sagt er lachend. Dann wird er ernst: Er mache sich immer sehr viele Gedanken über seine Werke, «und oftmals scheitere ich auch. Ich habe schon manches Bild auf meinen Möbeln drei-, viermal gemalt – weil es mir nicht passte oder meine Message nicht vermittelte.»

Er hofft, durch die Ausstellung zumindest einen Teil der Investitionen zurückzubekommen. Am Eingang werden kunstvoll gestaltete Alurohre die Gäste empfangen. Auch sie sind eine Lichtinstallation – ein Stilmittel, das sich in seinen Werken oft wiederfindet, «weil es mir einfach sehr gefällt».

Seine künstlerische Ader hat Bolliger bereits während der Lehre bei Martin Bruggisser in Wettingen entdeckt. «Damals habe ich in unserem Garten einen Schopf mit Barmöbel, Lichtinstallationen und Wandverkleidungen ausgebaut. Und in meinem Zimmer habe ich das Bett, den Wandschrank und Regale selber entworfen und gebaut», erinnert er sich.

Die Entscheidung, noch mehr auf die Kunst zu setzen, fällte er nach zwei mehrmonatigen Asienreisen nach dem Militär, wo er ganz viel Handwerk sah. Beeindruckend fand er vor allem die Produktionsstätten am Rand der Metropolen, in denen Tausende von Holzskulpturen geschnitzt wurden – «die sahen aus wie Gärtnereien».


Konsumkritik auf dem Sideboard

Nach der Rückkehr in die Schweiz packte Bolliger seine erste Geschäftsidee an: Er wollte Tonspuren in Bilder fräsen. «Mich faszinierte der Gedanke, dass nur die Besitzer die Melodie oder das Gesprochene kennen.» In der Praxis erwies es sich jedoch als sehr aufwendig und nicht zufriedenstellend. So entdeckte Bolliger eine Technik, bei der verschiedene Farbschichten übereinander gemalt werden. Mit Stechbeitel, Handkreissägen oder auch mal Plastiktischsets wird dann abgekratzt, sodass die unteren Farben zum Vorschein kommen.  

Neben Bildern steht die Kombination von abstrakter Kunst und Möbeldesign im Zentrum seines Schaffens. Mit seinen Kunstwerken setzt Fabian Bolliger auch Statements zu gesellschaftlichen Themen. Kaum ein Objekt veranschaulicht dies besser als das Sideboard «Needs! Needs?», in dem er Kritik am oberflächlichen Konsum übt. Namen von Luxuslabels prangen gross auf der Oberfläche. Inspiriert wurde Bolliger von Insta­gram-Kommentaren wie: «OMG, von dieser Tasche träume ich schon mein Leben lang! Diese Schuhe brauche ich unbedingt!» Aber braucht man diese Dinge wirklich im Leben? Nein, findet der Künstler und zeigt auf demselben Möbel, was wirklich lebensnotwendig ist: eine junge afrikanische Frau trägt einen Wasserkanister. Sie nimmt klaglos lange Wege in Kauf und schreitet dabei mit gesenktem Kopf über die Insta-Kommentare. «So habe ich versucht, die zwei Gegensätze in einen Kontext zu bringen», erklärt der 26-Jährige.

Und natürlich stehe am Ende die Frage im Raum, ob es denn sein Möbel überhaupt brauche, fügt Bolliger an und lächelt: «Zumal es nicht gerade billig ist.» Eine Frage, die seine Ausstellung in der Druckerei vielleicht beantworten wird.

 

XOXO «Art meets Design», Druckerei, Stadtturmstrasse 19, Baden
Samstag, 12. Juni, 13–21.30 Uhr (Ansprache und Präsentation um 18 Uhr), Sonntag, 10. Juni, 10–17 Uhr (Ansprache und Präsentation um 15.30 Uhr). Weitere Infos: www.fabianbolliger.com

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